Rahmenbedingungen Innovationsstandort Deutschland?

Autor: M. A. Benedikt Hofmann

Innovation ist immer auch eine Frage der Strukturen. Wir haben mit drei Experten darüber gesprochen, wie es um die strukturellen Voraussetzungen in Deutschland bestellt ist.

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Innovation ist nicht nur die spontane Idee. Auch die Rahmenbedingungen müssen stimmen.
Innovation ist nicht nur die spontane Idee. Auch die Rahmenbedingungen müssen stimmen.
(Bild: ©NDABCREATIVITY - stock.adobe.com)

Die Legende besagt, dass sich Isaac Newton im Sommer 1665 unter einen Baum im Garten seines Elternhauses legte. Von diesem Baum löste sich ein Apfel und fiel zu Boden (oder eben auf Herrn Newton, die Quellen unterscheiden sich hier). Dieses so alltägliche Ereignis brachte Newton zum Nachdenken. Warum fällt der Apfel eigentlich senkrecht zu Boden? So wurde der Grundstein für das newtonsche Gravitationsgesetz gelegt. Die Legende, dass es so gewesen sei, brachte Newton selbst per Brief an seinen Freund und Biografen William Stukeley in die Welt. Heute gibt es aber ernsthafte Zweifel daran, ob es wirklich so gewesen ist. Das würde nicht verwundern, steht doch fest, dass Innovationen und große Ideen nur sehr selten vom Himmel fallen. Im Wahrheit sind sie zumeist das Ergebnis harter Arbeit in Kombination mit den bestehenden Voraussetzungen.

Wie ist es aber um die Voraussetzung für Innovationen in Deutschland bestellt? Denn eines ist klar, wie Prof. Reimund Neugebauer, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft e. V., auf Anfrage des MM betont: „Innovationsfähigkeit und Erfindergeist waren schon immer die bedeutendsten Rohstoffe Deutschlands. Die Lösungen und Innovationen, die hierzulande entwickelt werden, tragen wesentlich zu unserem Wohlstand bei und haben spürbare Auswirkungen auf die globalen Wertschöpfungsketten.“

Große Herausforderungen

Doch der Forscher betont auch, dass Deutschland große Herausforderungen bevorstehen. Diese liegen unter anderem im zunehmenden internationalen Wettbewerb, dem demografischen Wandel und natürlich der Coronakrise begründet. Lukas Gabriel Wiese, zuständig für Wirtschafts- und Innovationspolitik beim Digitalverband Bitkom, sieht noch ein weiteres Feld: „In puncto Digitalisierung ist Deutschland im internationalen Vergleich nur Mittelmaß. Die politischen Rahmenbedingungen sind mit Blick auf Innovationen allenfalls solide.“ Dieser Punkt hat natürlich auch Auswirkungen auf die digital-vernetzte Produktion, die Hartmut Rauen, stellver­tretender VDMA-Hauptgeschäftsführer, als eine der neuen Herausforderungen für den Maschinenbau beschreibt.

Sieht man sich diese Felder an, wird deutlich, dass diese besonders für den Mittelstand existenzielle Fragen aufwerfen. Gerade Unternehmen, die nicht in den wenigen Ballungsgebieten ansässig sind, leiden verstärkt unter dem Fachkräftemangel – von der digitalen Infrastruktur ganz zu schweigen. Nicht die besten Voraussetzungen für Unternehmen, die Neugebauer zufolge die tragende Säule der deutschen Wirtschaft sind: „KMU können einer Branche neue Impulse geben und sind daher eine treibende Kraft für neue Entwicklungen, die dafür sorgen, dass Deutschland auch weiterhin eine Spitzenposition im internationalen Wettbewerb einnimmt.“

Lösungsansätze

Damit unter anderem die KMU auch in der Lage sind, das zu tun, fordert der Bitkom, dass eine aktive Digitalpolitik ein zentraler Bestandteil der Regierungspolitik wird. „Es braucht eine umfassende, handlungsorientierte Digitalstrategie der Bundesregierung, um Innovationen und Wachstum zu fördern“, so Wiese. Allerdings darf man dabei nicht nur an die Infrastruktur denken. Rauen zufolge werden Mitarbeiter benötigt, die aus virtuellen digitale Welten machen. Dabei denkt er nicht nur an Ingenieure, sondern auch an Facharbeiter: „Wir brauchen die notwendige Exzellenz und digitale Kompetenz auch im System der beruflichen Bildung.“

Dem stimmt Neugebauer zu, der eine Digitalisierung der qualifizierten Bildungswege fordert. Dem aktuellen Konjunkturpaket der Bundesregierung stellt er allerdings ein positives Zeugnis aus, da es an den richtigen Stellen ansetzt und eine solide Grundlage sowohl für die Erholung als auch für die maximale Ertüchtigung der Wirtschaft für die Zeit nach Corona schafft. Ihre volle Wirkung können die Maßnahmen aber nur unter den richtigen innovationspolitischen Rahmenbedingungen entfalten. Weitere Felder, bei denen Neugebauer zum Handeln aufruft, sind die Förderung der Sektorkopplung und nachhaltiger Mobilitätssysteme, Elektromobilität, die Markteinführung von Wasserstofftechnologien und Kohlenstoffkreisläufen für eine nachhaltige Industrieproduktion, der Ausbau der digitalen Infrastruktur sowie die Etablierung einer echten Datensouveränität.

Der Bitkom wiederum gibt vier Handlungsempfehlungen, um die Innovationsfähigkeit auch in Zukunft zu sichern: Reallabore zu etablieren, Ausgründungen zu fördern, Ökosysteme aufzubauen und den Gesamtfokus auf Innovationen zu setzen (Genaueres siehe Kasten). VDMA-Vertreter Rauen sieht einen weiteren Erfolgsfaktor darin, das enge Miteinander von Ingenieurwissenschaften und Industrie weiter zu stärken und vor allem Professoren mit industrieller Praxis zu berufen. Fest steht, dass in der Zeit nach Corona ein Fokus auf Forschung und Entwicklung gelegt werden muss, um die deutsche Industrie weiter zu transformieren und sowohl die Nachhaltigkeit als auch die Wettbewerbsfähigkeit weiter zu stärken. Das schließt natürlich auch die Bereitstellung von finanziellen Mitteln mit ein. So wäre auch sichergestellt, dass dieser Satz von Hartmut Rauen weiter Richtigkeit hat: „In den Ingenieurwissenschaften ist Deutschland weltweit führend.“

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Über den Autor

M. A. Benedikt Hofmann

M. A. Benedikt Hofmann

Chefredakteur MM MaschinenMarkt