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Wenn der Kühlschrank mit dem Kaffeeautomaten spricht

IoT – das Internet der Dinge

| Autor/ Redakteur: Alexander Völkert / Dipl.-Ing. (FH) Reinhold Schäfer

Gegenstände kommunizieren untereinander und mit dem Menschen. Dabei werden Daten über das Internet ausgetauscht. Vor 20 Jahren tauchte der Begriff „Internet der Dinge“ erstmals auf. Und wo stehen wir heute?

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Der Begriff „Internet der Dinge“ oder „Internet of Things“ (IoT) wird erstmals vor 20 Jahren vom britischen IT-Fachmann Kevin Ashton verwendet.
Der Begriff „Internet der Dinge“ oder „Internet of Things“ (IoT) wird erstmals vor 20 Jahren vom britischen IT-Fachmann Kevin Ashton verwendet.
(Bild: ©irinastrel123 - stock.adobe.com)

Der Kühlschrank sagt: „Die Milch ist schlecht.“ Im Folgenden schickt er eine Bestandsaufnahme an die Vorratskammer und kommuniziert mit dem Kaffeeautomaten, dem Toaster und sogar mit der Bettmatratze. Keine Milch im Haus. Es kommt sogleich die Sorge auf, dass der Hausherr sicherlich mürrisch wird, wenn er am Morgen seine Latte macchiato nicht bekommt. Vorschläge werden durchgespielt und der Kühlschrank durchsucht das Internet nach einer Möglichkeit, die Latte macchiato gar ohne Milch zuzubereiten, er stößt beim Suchbegriff „Latte“ aber nur auf Pornoseiten.

Spannend und unterhaltsam liest sich die 2017 erschienene Kurzgeschichte „Internet der Dinge“ von Uwe Hermann allemal, denn seine agierenden Haushaltsgeräte sind im weiteren Verlauf auf sich alleine gestellt, müssen eine Entscheidung ohne den Hausherren Richard treffen. Die Matratze schlägt Alarm, denn die Sensoren verraten, dass Richards Atmung gefährlich nachlässt. Doch die Geräte können sich nicht einigen. Am Ende brennt der Toaster durch und der Rauchmelder alarmiert die Feuerwehr, die einen Herzinfarkt bei Richard feststellt und ihn umgehend ins Krankenhaus bringt.

Die Kurzgeschichte von Hermann gehört wohl auch 2019 noch ins Genre Science-Fiction, 2029 vielleicht schon nicht mehr, denn Gegenstände oder Maschinen kommunizieren bereits mit dem Menschen und untereinander. Der Begriff „Internet der Dinge“ oder „Internet of Things“ (IoT) wird erstmals vor 20 Jahren vom britischen IT-Fachmann Kevin Ashton verwendet. „Ich kann mich täuschen, aber ich bin ziemlich sicher, dass die Phrase ,Internet der Dinge’ erstmals als Titel einer Präsentation auftauchte, die ich bei Procter & Gamble im Jahr 1999 erstellte“, sagt er in einem Beitrag zehn Jahre darauf und schwärmt darin weiter. „Wenn wir Computer hätten, die alles über die Dinge wüssten, was es zu wissen gibt – auf der Basis von Daten, die sie ohne unsere Hilfe zusammengetragen haben –, dann wären wir in der Lage, alles zu tracken und zu zählen und Abfall, Verluste und Kosten in großem Maßstab zu reduzieren.“

IoT wird als wirtschaftliches Potenzial erkannt

Am Technologiestandort München ist man früh dabei, denn das dort ansässige Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik beschäftigt sich seit 2005 intensiv mit dem IoT. „Für den mittelstandsgeprägten Wirtschaftsstandort Deutschland ist es von entscheidender Bedeutung, dass sich die treibende wirtschaftliche Kraft des Landes auf dieses Thema einlässt – die Potenziale dazu sind jedenfalls vorhanden, sagt der Institutsleiter Michael Henke. Der Begriff „Industrie 4.0“ – die Bezeichnung für ein Zukunftsprojekt zur umfassenden Digitalisierung der industriellen Produktion im Rahmen des Internets der Dinge – taucht erstmals auf der Hannover Messe 2011 auf und ist seither aus keiner Podiumsdiskussion und keiner Fachzeitschrift wegzudenken, die sich mit aktuellen und zukünftigen Trends der Industrie beschäftigt. Was dabei nachhaltig und sinnvoll ist, was alles schon da ist, da sein sollte und demnächst wohl da sein wird, können wir alle bestenfalls mutmaßen, aber sicher nicht sagen. Den Unternehmen bleibt nur, mit der Zeit zu gehen, nichts zu verpassen und zu hoffen, dass sie dabei alles richtig machen. Der britische Mobilfunkanbieter Vodafone gibt im Rahmen des Jubiläums in einem Onlinebeitrag einen kurzen Abriss, was das Internet der Dinge ist, dass es uns mehr Sicherheit und mehr Zeit bringe und wer da überhaupt mit wem kommuniziert. Neben Sender (SIM-Karten, die Informationen übertragen) und Empfänger (Menschen oder Systeme, die Informationen aufnehmen und verarbeiten) brauche es in dieser Art der Kommunikation auch einen Erkenner: die Sensoren, die Zustände erfassen. Gegenstände aus der Industrie tauschen per Mobilfunk Daten aus und mit „Narrowband IoT“ haben sie bereits ihr eigenes Maschinennetz, so wie der Mensch sein Netz mit dem Smartphone. Außerdem geben die Briten eine Ansammlung von Beispielen bereits realisierter Anwendungen.

Kühe, Mülltonnen und Mauern sind nicht ausgeschlossen

Darin wird von Sensoren geschwärmt, die den Bauern benachrichtigen, wenn eine trächtige Kuh zu kalben beginnt; von Mülltonnen, die sich melden, wenn sie geleert werden sollen und von zu schützenden Mauern, die Alarm auslösen, wenn sie besprüht werden. Dass Sensoren erkennen, inwiefern in der Großstadt Parkplätze belegt oder frei sind und dies präventiv kundtun, ist im Rahmen des autonomen Fahrens seit einiger Zeit ein gern diskutiertes Thema und hat sicher mit der Tradition des Deutschen liebsten Kindes zu tun und dass wir mit 64 Mio. angemeldeten Fahrzeugen und davon 46,5 Mio. Pkw alleine im Jahr 2018 womöglich zu viele davon haben. So fehlt es nicht bei der Auflistung von Vodafone und auch der Vorsitzende der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH Dr. Volkmar Denner erwähnt auf dem ZVEI-Jahreskongress 2017 in seinem Vortrag, dass für Bosch das Fahrzeug im Rahmen von vernetzter Mobilität ein fester Teil des IoT sein werde, und erläutert den Klassiker der Parkplatzsuche. Und er prognostiziert, dass das Internet der Dinge allein deshalb für die heutige Gesellschaft ein Thema sei, da sich laut des Mooreschen Gesetzes die Rechenleistung von Computerchips etwa alle 18 Monate verdoppeln würde und schließt eine zukünftige Arbeit mit Quantencomputern nicht aus. Und er erwähnt in diesem Zusammenhang auch das Nielsen-Gesetz der Internetbandbreite, wonach sich die Fähigkeit der Datenübermittlung etwa alle 21 Monate verdoppelt. So seien etwa im Jahre 2020 bereits 20 Mrd. physische Objekte miteinander vernetzt. Neue Geschäftsmodelle und Dienstleistungen würden entstehen. Bosch habe bereits 50 % aller elektronischen Produktklassen vernetzt und es sich zum Ziel gemacht, diesen Anteil auf 100 % zu bringen. 2016 hätten die Stuttgarter bereits 27 Mio. vernetzte Produkte an Kunden geliefert, haben eine eigene Cloud und Software und ganz viel vor in dem Bereich. Mehr als 20.000 Softwareentwickler arbeiten im Unternehmen, etwa 4000 bereits für das Internet der Dinge. „Technik fürs Leben“ heißt das Motto von Bosch und Ziel sei es, intelligente Produkte zu fertigen, die das Nutzerverhalten verstehen und richtig interpretieren, so Denner in seinem Vortrag.

Die Medaille hat immer zwei Seiten

Natürlich ist eine zunehmende Automatisierung für den Mensch von Vorteil, und das war es schon immer. Aber wie jede industrielle Revolution, so wird auch die vierte, wenn sie es denn ist, ihre Opfer fordern, denn automatisierte Arbeit kann auch immer Arbeitslosigkeit für den Menschen bedeuten, und das möchte der wiederum zumindest als Individuum nicht. Und außerdem ist da die Sache mit unendlich vielen sensiblen Daten, die im Rahmen von IoT plötzlich in Clouds zu finden und immer wieder Angriffen von Hackern ausgesetzt sind. Viel Datensicherung und Kontrolle ist also gefragt. Und wenn Kühlschrank, Toaster, Kaffeeautomat und Matratze kommunizieren, abwägen und letztlich dem Hausherren Richard das Leben retten, können wir uns sicher damit anfreunden. Aber Überwachung und gar „alles tracken und zählen“, wie es Ashton vorschwebt, wird sicher noch viel und intensiv diskutiert werden müssen.

* Alexander Völkert ist Fachjournalist für Automatisierungstechnik in 12049 Berlin, Tel. (01 77) 2 02 69 41, av@industrieimkontext.de

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