Suchen

China Market Insider Ist für die Industrie die Zeit gekommen, China zu verlassen?

| Autor / Redakteur: Henrik Bork / M. A. Benedikt Hofmann

Führt die aktuelle Krise dazu, dass internationale Industrieunternehmen China verlassen? Wie geht China weiter mit der Corona-Pandemie um? Und wie verändert das Virus die Esskultur im Reich der Mitte? Antworten darauf gibt die aktuelle Ausgabe des China Market Insider.

Firmen zum Thema

Unter dem Titel „China Market Insider“ berichtet der MM Maschinenmarkt ab jetzt regelmäßig aus dem chinesischen Markt.
Unter dem Titel „China Market Insider“ berichtet der MM Maschinenmarkt ab jetzt regelmäßig aus dem chinesischen Markt.
(Bild: ©vegefox.com - stock.adobe.com)

Viel diskutiert wird in der Industrie gerade die Frage, ob die Corona-Krise die globalen Wertschöpfungsketten neu ordnen, also eine massive Abwanderung von Herstellern aus China auslösen wird. Viele Beobachter prophezeien derzeit eine solche Abwanderung. Haben doch der Schock des chinesischen Produktionsstopps, später dann die Versorgungsengpässe bei Ventilatoren und Schutzmasken Europa und USA ihre Abhängigkeit von „Made in China” schmerzhaft deutlich gemacht.

Doch wie das so häufig ist mit solchen Prognosen, so muss auch diese nicht unbedingt eintreffen. Momentan erscheint sogar das Gegenteil wahrscheinlich: Die Corona-Krise wird die Abwanderung der herstellenden Industrie aus China kurz- und mittelfristig eher bremsen.

„Verlagerung bedeutet neue Investitionen, und während einer weltweiten Rezession mag niemand investieren”, schreibt Robin Xing, der Chefökonom von Morgan Stanley diese Woche in der chinesischen Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Caixin. Mit anderen Worten: Der Aufbau alternativer Produktionsstandorte ist teuer, und wird während des internationalen Wiederaufbaus nach den Coronavirus-Shutdowns nicht unbedingt Priorität haben.

Einige multinationale Konzerne (MNC), die aufgrund des Handelskrieges zwischen Washington und Peking oder aus Kostengründen bereits mit einer Abwanderung aus China geliebäugelt hatten, würden diese Pläne derzeit „vertagen”, hat der Chinakenner von Morgan Stanley beobachtet. Und wo die MNC bleiben, werden sich auch deren Zulieferer eine Abwanderung aus China gut überlegen.

Auch an dem wichtigsten Grund, aus dem viele Hersteller in China aktiv sind, wird die Corona-Krise nichts ändern. China ist und bleibt einer der größten und am schnellsten wachsenden Märkte weltweit, und kaum eine Marke mit internationalen Ambitionen kann trotz aller Schwierigkeiten auf diesen Markt verzichten. Steigende Lohnkosten in China – obwohl nicht unwichtig – waren vergleichsweise zweitrangig als Standortfaktor. Das war schon vor Corona so, und dies wird auch künftig sein.

Als wollte man diesen Punkt machen, kündigt der multinationale Material-Science-Konzern Dow erst vor wenigen Wochen Neuinvestitionen von 300 Mio. US-Dollar (knapp 280 Mio. Euro) für den Ausbau ihrer Kapazitäten am Standort Zhangjiagang in der Provinz Jiangsu an. Die Unterschrift erfolgte in der zweiten Märzhälfte, nach Wochen des Shutdowns in China, und während die Corona-Krise das Land noch gut im Griff hatte.

„Die ausländischen Direktinvestitionen in China mögen im ersten Quartal dieses Jahres zwar fallen, aber einige multinationale Konzerne setzen weiterhin auf den chinesischen Markt und erhöhen ihre Investitionen sogar”, kommentierte das chinesische Wirtschaftsmagazin „Diyi Caijing” die Unterschrift von Dow. Das ist in diesem Fall nicht bloß Propaganda. Auch im privaten Gespräch bekräftigen die Führungskräfte großer Unternehmen in der Pharma, Tech- oder Finanzbranche, dass sie trotz Corona langfristig weiter auf China setzen.

Eine gewisse Abwanderung aus China werde sich, wenn überhaupt, dann eher in „slow motion” vollziehen, sagt Xing von Morgan Stanley. Ein weiterer Grund dafür ist, dass Multis und KMI zunehmend von China aus Asien beliefern. „Aufgrund von Megatrends wie Globalisierung, Urbanisierung und dem wachsenden Fokus auf nachhaltige Entwicklung brauchen Kunden in allen Industrien mehr innovative, nachhaltige und differenzierte Silikonprodukte - vor allem Kunden in China und in Asien-Pazifik”, sagte Mauro Gregorio, Präsident von Dow Performance Materials and Coating, anlässlich der Investition gegenüber der Nachrichtenagentur Xinhua, nannte dabei also China und Asien-Pazifik als Zielmärkte in einem Atemzug.

Selbstverständlich gibt es von Industrie zu Industrie unterschiedliche Prioritäten. Während sich die Spielzeug- oder Textilproduktion in China immer seltener rentieren, sind für den Maschinenbau, die Automobil- und Chemieindustrie ein Umzug aus China derzeit noch kaum denkbar. Für sie ist China als Markt viel zu wichtig. Kurzfristig gesehen ist diese Abhängigkeit durch die Corona-Krise sogar weiter gestiegen, während alle Märkte außer China durch Corona-Shutdowns schachmatt gesetzt worden sind. Und langfristig dürfte sie ebenfalls noch grösser werden.

Ein Beispiel für die zweite Gruppe ist die TMT-Industrie (Telekommunikation, Medien, Technologie). Viele Unternehmen hätten gerade erlebt, dass China zwar das erste Land war, das von dem Ausbruch heimgesucht wurde, aber eben auch „das erste Land, das wieder aus der Krise kam”, sagt Robin Xing von Morgan Stanley. Zusätzlich hat die kommunistische Staats- und Parteiführung nun gezielte Investitionen in Zukunftsbranchen wie 5G, IIOT (Industrial Internet of Things) und Künstliche Intelligenz angekündigt, um ihren von Corona angeschlagenen Binnenmarkt staatlich zu fördern.

China mag international dank seiner ursprünglichen Vertuschung des Virus-Ausbruchs gerade massiv an Ansehen verloren haben. Doch eine „Entkopplung” vom chinesischen Markt ist dadurch nicht leichter geworden.

Dennoch hat sich die Debatte um eine zu große Abhängigkeit von China durch die Corona-Krise noch einmal verstärkt. Gerade im Bereich medizinischen Hilfsgüter, wo viele Staaten gerade regelrecht in China um Lieferungen betteln mussten, wird es zweifellos einige Verlagerungen geben. Mehrere Länder haben bereits entsprechende Initiativen angekündigt.

„Leider lernen wir genau wie viele andere im Zuge dieser Krise, dass eine übermäßige Abhängigkeit von anderen Ländern bei billigen medizinischen Produkten und Gütern eine strategische Verletzbarkeit unserer Wirtschaft geschaffen hat”, sagte der US-Handelsrepräsentant Robert Lihthizer am vergangenen Montag in der Runde seiner Kollegen aus den G-20-Ländern.

Auch in anderen High-Tech-Branchen wie 5G, Automation und Batterietechnik wird die seit Jahren diskutierte Sicherstellung nationaler Kapazitäten in Europa und den USA - kulminierend etwa in dem sehr Streit um Huawei - nun wohl noch entschiedener vorangetrieben werden. Die japanische Regierung will die Abwanderung ihrer Unternehmen aus China sogar mit 2,2 Mrd. US-Dollar (rund zwei Mrd. Euro) fördern. Trump flirtet mit ähnlichen Ideen. Daher haben auch diejenigen nicht völlig unrecht, die nun eine „massive Umstrukturierung der Lieferketten” vorhersagen, wie etwa Alex Capri sagt, ein erfahrener Handelsbürokrat, der nun an der Nationaluniversität von Singapur forscht.

Es ist also wahr, dass die Diversifizierung von Standorten Post-Corona für viele nun noch aktueller werden wird, zumindest für diejenigen Unternehmen, die sich das leisten können. Doch eine „globale Neuordnung von Lieferketten” ist das allerdings noch lange nicht. Auch nicht „das Ende der Globalisierung”.

Die Debatte allein hat die chinesische Regierung aber immerhin so sehr beunruhigt, dass Gao Feng, der Sprecher des Wirtschaftsministerium in Peking, am Donnerstag (16. April) öffentlich gegensteuerte. „Einem Bericht der amerikanischen Handelskammer in Südchina zufolge werden 75 Prozent der befragten Unternehmen ihre Investitionspläne in China nicht wegen der Epidemie ändern”, sagte Gao.

Auch für die Japaner gelte, dass zumindest kaum jemand die Krise zum Anlass genommen hat, in seinen Werken in China das Licht ausgeschaltet zu lassen. „98 % aller japanischen Firmen in Südchina haben inzwischen die Produktion wieder aufgenommen”, sagte der Sprecher des Wirtschaftsministerium.

Tatsache ist: Viele kleinere Länder, die für neue Standorte in Frage kommen, etwa Vietnam, können in puncto Infrastruktur im Bereich Transport, dem Angebot von Facharbeitern und auch der immer wichtiger werdenden Digitalisierung nicht wirklich mit China konkurrieren. Der Unternehmer Cao Dewang, der selbst gerade in eine Glasfabrik in Amerika investiert hat, fasst es so zusammen: „Kurzfristig gesehen ist es hart, eine Volkswirtschaft zu finden, die China in der globalen Wertschöpfungskette ersetzen kann.”

(ID:46525207)