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Logistik

Kanban für C-Teile

| Redakteur: Güney Dr.S.

Moderne Lagertechnik unterstützt den globalen Handel mit Befestigungs- und Montagematerial.

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( Archiv: Vogel Business Media )

Selbst die kleinste Schraube ist für eine Produktionsanlage ein unverzichtbares Teil. Allerdings steht der geringe Materialwert oft in keinem wirtschaftlichen Verhältnis zum finanziellen Aufwand, der für die Beschaffung dieser Schraube geleistet werden muss. Die Kompetenz der Würth Industrie Service GmbH & Co. KG mit Sitz im tauberfränkischen Bad Mergentheim liegt in der Versorgung von Industrieunternehmen mit solchen C-Teilen. Zur Lagerung und Bereitstellung der C-Teile greift man seit Jahren auf die Produkte und das Know-how des Siegerländer Lagertechnik-Spezialisten SSI Schäfer zurück – so auch bei der aktuell in Betrieb genommenen Palettenregalanlage im Kanban-Lager.

Der globale Handel mit Befestigungs- und Montagematerial ist das Kerngeschäft der Würth-Gruppe. Um besonders die Industrie schneller, besser und just in time mit den benötigten Artikeln zu versorgen, wurde 1999 das Tochterunternehmen Würth Industrie Service gegründet. Als Systemlieferant und Dienstleister übernimmt das Unternehmen nicht nur die Beschaffung der C-Teile, sondern rationalisiert gleichermaßen die dabei anfallenden Prozesse für Einkauf, Logistik und Qualitätssicherung. Der Einsatz von scannerunterstützten Regalsystemen und die Just-in-time-Versorgung mittels Kanban-Behältersystem sind hierzu wesentlich.

Was alles unter den Begriff „C-Teile“ fällt, erklärt Ralf Lagerbauer, Leiter Key-Account-Management bei Würth Industrie Service, so: „Die Kunden treten an uns mit der Aufgabenstellung heran, sie von all jenen Beschaffungs- und Lagerungspro-zessen zu entbinden, die sich auf Produkte beziehen, die nicht direkt zum Kerngeschäft gehören. Die Auslegung variiert je nach Kunde und Branche. Das führt zu einer kaum einzugrenzenden Sortimentsvielfalt.“

Neue Kunden erweitern das Lagersortiment

Die Folge ist, dass mit jedem neuen Kunden einige Hundert bis eintausend neue Teile hinzukommen, die zu bevorraten sind. Der Fokus liegt auf Verbrauchsmaterialien für den Produktionsbedarf, Montagematerial für den Bau von Anlagen sowie Betriebsmitteln für den Wartungsbedarf. Durchschnittlich etwa 115000 Artikel, von Schrauben bis zu Arbeitshandschuhen, werden im Industriepark auf 27530 m2 Lagerfläche bevorratet.

Im August dieses Jahres wurde die Kapazität durch einen Hallenanbau auf 30000 m2 erhöht. Die Erweiterung wurde erforderlich, weil mittlerweile auch der französische und der dänische Markt aus Bad Mer-gentheim versorgt werden. Bis zum Jahresende sollen noch Spanien, Holland, Belgien und die Schweiz hinzustoßen. Als Hauptgrund für das schnelle Wachstum der Gesellschaft führt das Unternehmen die große Sortimentstiefe an.

Als Systemlieferant stellt Würth Industrie Service die termingetreue Beschaffung der C-Teile mit rund 1300 Lieferanten und die Just-in-time-Anlieferung bei rund 8000 Kunden sicher. Eine tragende Rolle spielen dabei die Partner der Gruppe. Der Siegerländer Komplettanbieter für Lagereinrichtung und Materialfluss, SSI Schäfer, ist beispielsweise einer der Partner, auf dessen Produkte und Know-how Würth Industrie Service seit Jahren zurückgreift. So wurde in 1999 eine dreigeschossige Fachbodenregalanlage installiert, aus der manuell heraus kommissioniert wird. Als Kanban-Behälter dienen 40000 Sichtlagerkästen von SSI Schäfer.

Im Zuge der wachsenden Kundenzahl und der zu lagernden Artikel waren die Kapazitätsgrenzen der Regalanlage erreicht. Bernd Rögner, Gebietsverkaufsleiter bei SSI Schäfer, erläutert die neue Lösung: „Zur Kommissionierung von großen Stückzahlen und Schnelldrehern haben wir eine Palettenregalanlage installiert, die Mitte August in Betrieb ging. Als Ladungsträger dienen Gitterboxen, die auf Quertraversen platziert sind. Mittels Man-up-Staplern fahren die Mitarbeiter auf die benötigte Arbeitshöhe und kommissionieren direkt aus den Gitterboxen heraus.“

Der Auftrag wurde an SSI Schäfer vergeben, weil, so Frank Freudenberger, Leiter Kanban-Logistik, „wir bei der Abwicklung des Fachbodenlagers sehr gute Erfahrungen gemacht haben hinsichtlich Produktqualität und Zusammenarbeit. Ein weiterer Aspekt ist das breite Produkt- und Leistungsprogramm der Schäfer-Gruppe. Unsere Kunden sehen uns als Generalist, der ihre Probleme im Bereich C-Teile löst. Da ist es effektiver, im Lieferantenkreis mit so genannten „Komplettanbietern“ zu arbeiten. Wir beziehen neben Regalsystemen und Kästen auch diverse Artikel der Werkstatt- und Betriebseinrichtungen von Schäfer.“

Die Organisation des Kanban-Lagers gestaltet sich schwierig, weil sich die Klassifizierung der Produkte nach A-, B- und C-Artikel im Laufe der Zeit verändern kann und damit auch die Anforderungen an die Lagerhaltung. So zeigten die ersten Jahre einen stetigen Anstieg von Kleinstmengen, welches eine Erweiterung des Fachbodenlagers zur Folge gehabt hätte. Mittlerweile gibt es viele Überschneidungen im Lieferprogramm, so dass die Integration eines Palettenregals sinnvoller erschien.

„Vertrieb und Logistik arbeiten eng zusammen“, so Freudenberger zur Schwierigkeit der Lagerplanung und fährt fort: „Wir möchten das Wachstum nicht durch eine starre Lagerorganisation blockieren, können aber die mit jedem Kunden hinzukommende Ware nicht einfach nur einlagern. Um wirtschaftlich zu arbeiten, achten wir bei der Erweiterung der Lagerkapazitäten auf äußerste Flexibilität beim Hallenbau und bei der Auswahl der Produktsysteme.“ So wurden in der neuen Halle auf halber Wandhöhe bereits Heizkörper installiert. Wenn das nächste Hochregallager realisiert wird, kann die gerade angebaute Halle als großes Fachbodenlager mit eingezogenen Bühnen genutzt werden.Eine weitere Herausforderung liegt in den Schwankungen im Lieferaufkommen, die zum Teil bis zu 30% ausmachen. Um flexibel reagieren zu können, setzt man bislang auf manuelle Kommissionierung. Auch im Falle einer Kapazitätserweiterung durch eine vollautomatische Lösung würde grundsätzlich ein manuell bedienter Bereich als Puffer verbleiben.

Über 200 Kunden sind über Kanban-Systeme mit der Würth Industrie Service verbunden. Die Bandbreite der in Anspruche genommenen Dienstleistungen ist breit gefächert. Beim „Basic“-Kanban hört die Dienstleistung im Wareneingangsbereich auf. Die innerbetriebliche Verteilung der Ware und Einsammlung der Behälter erfolgt durch den Kunden. Das „WOB“-Kanban (Ware ohne Behälter) eignet sich bei geringen Mengenbewegungen. Dabei verlässt der Behälter das Kundenlager nicht. Würth-Mitarbeiter liefern die Ware an und schütten sie vor Ort in die Behälter um. Die klassische Variante ist das „Full-Service“-Kanban, das einen durchgängigen Kanban-Prozess bis an die einzelnen Verbrauchsorte beim Kunden vorsieht.

Leerbehälter mit Barcode lösen die Bestellung aus

Die leeren Behälter sowie die darauf angebrachten Barcodes sind das bestellauslösende Medium für die Würth Industrie Service. In der Bereitstellungszone des Versands treffen zum einen die Waren von der Zentrallogistik Würth Industrie Service ein, die in die Regallager einsortiert werden und zum anderen die leeren Kanban-Behälter, die von den Kunden kommen. Der Bestückungsprozess beginnt mit dem Einlesen des Barcodes, den jeder Behälter hat. Auf dem Code stehen alle Informationen über Artikelart und -menge, so dass nach dem Einscannen sofort ein Kommissionierauftrag gedruckt wird.

Der Kommissionierauftrag wandert mit dem Kanban-Behälter über Förderbänder zu dem Pufferlager für 115000 Würth-Artikel. Die Ware wird dann kommissioniert und über automatische Waagen gewogen. Das Wägeprotokoll und eine zusätzliche Sichtprüfung reduzieren Fehler auf ein Minimum. Je nach Kundenwunsch bringen Würth-Mitarbeiter die befüllten Behälter beim Kunden direkt zur Montagestelle und sorgen für einen reibungslosen Behälterwechsel.´

Der anhaltende Erfolg bestätigt die Qualität der erbrachten Leistung: In 2002 erwirtschaftete Würth Industrie Service ein Umsatzplus von 10%. Bis 2010 rechnet man mit einem Lieferprogramm von einer halben Million Artikel.