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Prüftechnik

Prüfmonopol bei technischen Überwachungsdienstleistungen fällt

17.10.2007 | Autor / Redakteur: Robert Wouters / Udo Schnell

Dr. Manfred Bayerlein, Leiter des Geschäftsbereichs Industrie Service der TÜV Süd AG: „Die Liberalisierung bei der Prüfung von überwachungsbedürftigen Anlagen gibt den Betreibern mehr Freiheit, aber auch deutlich mehr Verantwortung.“ Bild: TüV
Dr. Manfred Bayerlein, Leiter des Geschäftsbereichs Industrie Service der TÜV Süd AG: „Die Liberalisierung bei der Prüfung von überwachungsbedürftigen Anlagen gibt den Betreibern mehr Freiheit, aber auch deutlich mehr Verantwortung.“ Bild: TüV

Das staatlich garantierte Prüfmonopol bei technischen Überwachungsdienstleistungen fällt endgültig zum Jahresanfang 2008. Nach ersten Schritten der Öffnung ab 1. Januar 2006 gelten die neuen Regelungen des Geräte- und Produktsicherheitsgesetzes (GPSG) und die Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) dann vollständig. Der Prüfmarkt soll sich damit liberalisieren und entscheidend vereinfachen.

Seit dem 1. Januar 2006 haben sich die TÜV-Unternehmen auf Konkurrenz eingestellt. Im Detail geht es um die Kontrolle von Aufzügen, Druckbehältern, Anlagen in explosionsgefährdeten Bereichen oder Einrichtungen zur Lagerung und zum Umschlag von entzündlichen Flüssigkeiten und um alle Arbeits-, Haushalts- und Medizingeräte, die das CE-Prüfzeichen der Europäischen Union tragen. Nach dem Willen der EU dürfen auch Mitbewerber der TÜV-Unternehmen neue Anlagen dieser Art auf deren Sicherheit hin überprüfen und ab 2008 zudem die bereits bestehenden.

In Deutschland hat sich das bisherige System der technischen Anlagensicherheit als wichtiges Element des Arbeitsschutzes entwickelt. Es steht für niedrige Unfallzahlen und hohe Betriebssicherheit. Dampfkessel, Druckbehälter, Aufzüge, Anlagen für brennbare Flüssigkeiten und andere gefährliche Anlagen waren eben mit besonderen Maßnahmen quasi unter staatlicher Aufsicht.

In ganz Europa hat dieser Prüfmarkt ein Auftragsvolumen von 4 bis 5 Mrd. Euro. Der steht natürlich jetzt auch deutschen Prüfern offen. Die größten Spieler auf dem Markt sind die Société Générale de Surveillance (SGS) aus der Schweiz und die Franzosen mit dem Bureau Veritas, die Dekra folgt an dritter und der TÜV Süd an vierter Stelle. Im Sommer 2005 übernahm die Dekra den drittgrößten französischen Industrieprüfer Norisko, der Umsatz der Prüfsparte lag im Jahr 2006 bei etwa 270 Mio. Euro. Die geplante Fusion von TÜV Süd und TÜV Nord dagegen ist Ende August 2007 überraschend geplatzt. Auch die GTÜ (Gesellschaft für Technische Überwachung) will auf den neuen Markt.

Akkreditierung bei der Zentralstelle der Länder für Sicherheitstechnik

Wer in Deutschland Anlagen prüfen möchte, muss sich bei der Zentralstelle der Länder für Sicherheitstechnik (ZLS) akkreditieren lassen. „Neben den technischen Voraussetzungen müssen die Unternehmen auch gut ausgebildetes Fachpersonal nachweisen“, sagt die ZLS in München. Eine Liste dieser „zugelassenen Überwachungsstellen“ ist zum Beispiel im Internet bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (www.baua.de) erhältlich.

Die wird vor allem für die andere, große Gruppe der von der Gesetzesänderung Betroffenen interessant: produzierende Unternehmen, Hausverwaltungen und Besitzer großer Immobilien zum Beispiel. Oder die Maschinenbauer, Aufzugshersteller und eben alle, die überwachungspflichtige Anlagen herstellen oder betreiben. Denn die sind stärker als bisher in der Pflicht, die Fristen einzuhalten und die Prüfung zu organisieren. Das sieht auch Dr. Manfred Bayerlein, Leiter des Geschäftsbereichs Industrie Service der TÜV Süd AG, so: „Die Liberalisierung bei der Prüfung gibt den Betreibern mehr Freiheit, aber auch deutlich mehr Verantwortung. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen werden Probleme haben, die Chancen der neuen Regelungen zu nutzen und die möglichen Risiken in den Griff zu bekommen.“

Besonders die ordnungsgemäße Beurteilung der Gefährdungspotenziale und das umfangreiche Explosionsschutzdokument sind von vielen Betroffenen sicher nur mit Unterstützung durch externe Dienstleister zu bewerkstelligen. Aber da haben sie ja jetzt deutlich mehr Auswahl als früher. Dr.-Ing. Walter Pelka, Geschäftsführer der Dekra Testing & Inspection GmbH, ist da in eigener Sache optimistisch: „Die Unternehmen haben endlich zum ersten Mal die Wahl des Dienstleisters. Sie möchten Leistungen transparent vergleichen können und wollen Kunde und nicht Antragsteller sein. Wir erwarten, dass allein aus diesen Gründen 20 % aller Unternehmen über einen Wechsel nachdenken“.

Eingefahrene Prozesse können neu überprüft werden

Hans-Jürgen Börke, Leiter Facilities Management der Heidelberger Druckmaschinen AG, hat das schon getan. Sein Haus „begrüßt die Beseitigung von Monopolstellungen und die Einführung des Wettbewerbs auch auf dem Sektor der Prüfung von technischen Anlagen. Der entstandene Wettbewerb hat auch bei Heidelberg dazu geführt, dass eine Reihe von Prüfaufgaben an befähigte Personen oder Sachverständige übergeben wurden“. Ähnlich sieht dies Karl-Friedrich Schöps, Marketing-Manager Modernisierung & Repair des Aufzugsherstellers Otis in Berlin: „Der Wegfall des TÜV-Monopols ist an und für sich erst einmal eine gute Sache, denn Konkurrenz belebt das Geschäft und nur so können alte, eingefahrene Prozesse neu auf ihre Sinnhaftigkeit hin überprüft werden.“

Stephan Baus, Vorsitzender der Geschäftsführung TÜV Rheinland Industrie Service GmbH, hat mit solchen Aussagen kein Problem. Er und der „TÜV Rheinland sind für Wettbewerb und damit für die Deregulierung. Wettbewerb führt zu marktgerechten Preisen und auch zu einer marktgerechten Qualität“. Das mag zum Teil auch an der komfortablen Situation seines Hauses liegen. Von rund 1 Mrd. Euro Jahresumsatz sind nur etwa 60 Mio. Euro direkt durch die Deregulierung betroffen.

Damit handelt es sich um eine Marktveränderung, deren Tragweite überschaubar ist. Deshalb sieht der TÜV Rheinland „für sich als Unternehmen mehr Chancen als Risiken durch die Liberalisierung“. Dafür spricht auch, dass der TÜV Rheinland in Zukunft – wie alle anderen zugelassenen Stellen – bundesweit arbeiten darf. Und somit etwa 70 % der Marktgebiete und damit neue Marktchancen hinzukommen. Deshalb sagt Baus: „Wir haben uns hierauf vorbereitet und gehen davon aus, in den nächsten fünf Jahren mehr Geschäft dazuzugewinnen, als wir in unseren klassischen Gebieten Rheinland, Pfalz, Berlin und Brandenburg verlieren werden.“

Mittelfristig bleiben wenige Anbieter auf dem Markt

Natürlich will auch die Dekra rasant starten und schnell zulegen. Walter Pelka glaubt, „dass mittelfristig nicht mehr als eine handvoll Anbieter auf dem Markt bleiben wird und die Dekra mit 20% Marktanteil dazugehört“. Denn auch der Mitbewerber der TÜV-Unternehmen ist flächendeckend in allen Bundesländern vertreten und für alle Bereiche als zugelassene Überwachungsstelle anerkannt. „Die Nähe zum Kunden und die Servicebereitschaft wird über den Erfolg entscheiden und nicht der Preis“, umreißt Pelka die eigene Strategie und das deckt sich wiederum mit den Erwartungen von Karl-Friedrich Schöps. Der Aufzugshersteller meint: „Das Ziel beim Wegfall des TÜV-Monopols muss mehr Kundennähe bei gleichem Sicherheitsniveau sein.“

Allerdings erwartet man bei Otis auch verbesserte Preisstrukturen. Denn bisher waren die Prüfkosten von Bundesland zu Bundesland manchmal doch recht unterschiedlich. Schöps meint: „Die Gebührenverordnung und alte, nach Verwaltung anmutende Richtlinien können und müssen nun von den einzelnen TÜV-Organisationen neu überdacht werden.“ Das tun die auch, der TÜV Süd sieht die Neuordnung als Chance. Manfred Bayerlein hat die nötige Manpower an qualifizierten und kompetenten Experten, um seine Dienstleistungen vom nächsten Jahr an in der gesamten Bundesrepublik anzubieten. Und er wird die TÜV-Prüfdienstleistungen mit einer ganzen Reihe von Mehrwert-Leistungen ergänzen. Ziel ist hier, den Verwaltungsaufwand bei den Kunden zu vereinfachen. Und er verspricht: „Mit unserem Wissen und unserer Kompetenz unterstützen wir die Anlagenbetreiber dabei, die Herausforderungen der Liberalisierung zu meistern und die Chancen zu ihrem Vorteil zu nutzen.“

Ruinöser Preiskampf steht nicht bevor

Vor einem ruinösen Preiskampf haben also weder der ehemalige Monopolist noch die neu am Start stehenden Prüfer Angst. Schon bei der Liberalisierung der Prüfungen für Autos hat sich gezeigt, dass durch die Konkurrenz Qualität und Serviceorientierung der Anbieter steigen und die nach wie vor regulierten Preise nur tendenziell sinken. Wie weit, ist allerdings die Frage. Denn die Dekra und die anderen Mitbewerber haben prinzipiell nichts zu verschenken. Zumal es bei aller Liberalisierung ja nicht zu einem Qualitätsverlust kommen darf. Das sieht man auch bei Otis so: „Für uns steht die Sicherheit bei Aufzügen an erster Stelle und wir werden daher gerade in der Einführungszeit der neuen Zugelassenen Überwachungsstellen (ZÜS) am Markt genau beobachten. Wir wollen nicht, dass Niedrigpreisangebote mit reduzierten Sicherheitsstandards einhergehen.“

Davon geht die Dekra nicht aus. Im Gegenteil. Sie verspricht der Industrie eine neue Praxis, „die den Kunden unnötige Prüfungen erspart und gleichzeitig bei hohem Sicherheitsniveau die Verfügbarkeit der Anlagen erhöht“. Es kommt also Bewegung in einen bisher vom Gesetzgeber abgeschotteten Markt. Ob das den Betroffenen einen echten Mehrwert bietet, bleibt abzuwarten. Spannend wird diese Öffnung des Marktes auf jeden Fall. Obwohl sie ja eigentlich schon seit dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes am 31. Dezember 2000 vorgegeben ist.

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