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Nachhaltigkeit So ermitteln Sie Ihre CO2-Bilanz

| Autor / Redakteur: Annika Schmitt / Sebastian Hofmann

Strenge Umweltschutzvorgaben zwingen Industriebetriebe dazu, ihre Emissionen zu verringern. Viele wissen aber gar nicht, wie hoch ihr Ausstoß ist. Wir zeigen Ihnen, wie Sie das herausfinden.

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Um die Einsparziele der Bundesregierung zu erreichen, muss die Industrie ihre Emissionen drastisch senken. Der erste Schritt zur nachhaltigen Produktion ist die Ermittlung der eigenen CO­2­-Bilanz.
Um die Einsparziele der Bundesregierung zu erreichen, muss die Industrie ihre Emissionen drastisch senken. Der erste Schritt zur nachhaltigen Produktion ist die Ermittlung der eigenen CO­2­-Bilanz.
(Bild: ©mmuenzl - stock.adobe.com)

Maximal 139 Mio. t CO2 darf die Industrie im Jahr 2030 ausstoßen. So lautet das ehrgeizige Sektorziel der Bundesregierung, das im Klimaschutzplan 2050 verankert ist. Der Weg dahin ist allerdings ein weiter. 2018 emittierte die Branche noch fast 200 Mio. t. Rechtliche Vorgaben und steigende Kundenanforderungen machen den Unternehmen jetzt aber Druck. Immer mehr arbeiten deshalb inzwischen an der CO2-freien Produktion. Auf ein großes Fragezeichen stoßen Betriebe dabei meist schon am Anfang. Denn: Wie hoch sind die Emissionen eigentlich?

Eine typische CO2-Bilanz untergliedert sich in drei sogenannte Scopes (Englisch für „Emissionsbereiche“ oder „Emissionsarten“). Diese sind nach dem Greenhouse Gas Protocol (GHG) weltweit gleich definiert.

Blick in die Praxis: So sind CO2-Bilanzen aufgebaut

Scope 1 umfasst direkte, Scope 2 und 3 indirekte Ausstöße. Wie die Emissionen auf ein Unternehmen verteilt sind, fällt je nach Branche sehr unterschiedlich aus. Verschiedene Faktoren spielen dabei eine Rolle: Wie energieintensiv ist die Fertigung? Entsteht Kohlendioxid im Produktionsprozess? Und wie aufwendig sind die nachgelagerten Prozesse? Wie Sie diese Fragen beantworten und Ihre Werte für die einzelnen Scopes ermitteln, haben wir hier für Sie zusammengestellt.

Scope 1: Direkte Emissionen

Was Sie dazu wissen müssen: Direkte Emissionen entstammen Quellen, die direkt von einem Unternehmen kontrolliert werden. Hierzu zählen etwa Verbrennungsprozesse, Prozessausstöße oder flüchtige Gase. Relevant sind insbesondere Kohlenstoffdioxid (CO2), Methan (CH4), Lachgas (N2O), (teil-)fluorierte Kohlenwasserstoffe (HFKW, HFC, FKW, PFC), Schwefelhexafluorid (SF6), sowie Stickstofftrifluorid (NF3).

Diese vier Emissionsbereiche sind zentral:

  • Verbrennung in stationären Anlagen (etwa Heizanlagen),
  • mobile Verbrennung (etwa Fuhrpark),
  • Leckagen (etwa an Klimaanlagen) und
  • Produktionsprozesse.

Wo Sie die Werte finden: Als Datenquellen dienen Ihnen Rechnungen, Lieferbelege, Produktionsdaten, Zählerstände und Messdaten. Relevante Ansprechpartner in Ihrem Betrieb finden Sie in der Buchhaltung, im Einkauf und in der Werksleitung.

Scope 2: Indirekte Emissionen

Was Sie dazu wissen müssen: Zu Scope 2 rechnet man Ausstöße, die bei der Bereitstellung von Strom, Wärme oder Dampf entstehen – zum Beispiel bei der Verbrennung von Erdöl, Kohle oder Erdgas.

Folgende Daten sind für die Berechnung dieses Bereichs in der CO2-Bilanz relevant:

  • Mengen an eingekauftem Strom,
  • Menge an eingekaufter Wärme und
  • Menge an eingekauftem Dampf.

Wo Sie die Werte finden: Ziehen Sie hierfür Ihre Rechnungen und Zählerstände heran, über die Ihre Buchhaltung verfügen müsste. Ihre Emissionsfaktoren erfragen Sie am besten direkt bei Ihrem Energielieferanten. Sie variieren je nach Zusammensetzung des Strom- beziehungsweise Wärmemixes.

Scope 3: Weitere indirekte Emissionen

Was Sie dazu wissen müssen: Dieser Bereich umfasst sämtliche übrigen Emissionen, die durch ein Unternehmen verursacht, aber nicht durch dieses kontrolliert werden – also alle vor- und nachgelagerten Prozesse.

Wichtige Emissionsquellen sind:

  • Eingekaufte Waren und Dienstleistungen,
  • Anlagegüter,
  • Mitarbeitermobilität,
  • Abfallaufkommen im Betrieb,
  • vor- und nachgelagerte Transporte,
  • Geschäftsreisen,
  • Leasinggegenstände,
  • Franchise-Betriebe,
  • Gebrauch, Weiterverarbeitung und Entsorgung verkaufter Produkte sowie
  • Investitionen.

Während Scope 1 und 2 zum Standard jeder CO2-Bilanz gehören, ist Scope 3 nach dem Greenhouse Gas Protocol optional. Das ist jedoch nicht als Freifahrtschein zu verstehen. Sollten in Ihrem Produktionsprozess die Emissionen der vor- und nachgelagerten Prozesse am größten ausfallen, müssen Sie Scope 3 in jedem Fall berücksichtigen.

Wo Sie die Werte finden: Die Datenerfassung ist bei Scope 3 am anspruchvollsten. Stellen Sie den Aufwand dafür ganz klar dem Nutzen gegenüber. In einem ersten Schritt sollten Sie sich Gedanken darüber machen, welche Scope 3-Emissionen für Ihr Unternehmen am relevantesten sind. Wenn Sie diese ermittelt haben, können Sie überlegen, welche Werte Ihnen dazu bereits vorliegen und welche Sie mit geringem Aufwand erfragen können – zum Beispiel von Geschäftspartnern oder den Mitarbeitern.

Für Ihre erste CO2-Bilanz können Sie durchaus auch mit pauschalen Annahmen arbeiten. Ziel sollte es jedoch sein, dass Ihre Daten und damit Ihre Bilanz von Jahr zu Jahr genauer werden. Denn sie dient Ihnen als Basis für die Ermittlung und Umsetzung von Reduktionspotenzialen. Nur wer weiß, wo seine Emissionsquellen liegen, kann an den richtigen Stellschrauben drehen, um seine Ausstöße zu reduzieren.

Klimaschutz ist längst in Politik und Industrie angekommen. Noch gibt es keine verbindlichen Einsparziele für Unternehmen, aber dies ist bloß eine Frage der Zeit. Solche Betriebe, die sich frühzeitig mit nachhaltiger Produktion auseinandersetzen, können außerdem von lukrativeren Märkten profitieren und haben eine höhere Chance auf langfristig erfolgreiche Geschäftsmodelle. Unser Tipp: Werden Sie jetzt aktiv, um den Anschluss nicht zu verpassen!

* Annika Schmitt ist Beraterin bei First Energy in 34260 Kaufungen, Tel. (0 56 05) 9 39 28-34, schmitt@first-energy.net, www.first-energy.net

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