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Ausbildungstrends Studium statt Ausbildung – Akademisierung bedroht Azubi-Nachwuchs

| Redakteur: Katharina Juschkat

Seit Jahren fehlen Auszubildende im Maschinenbau – dieses Jahr verschärft sich der Mangel enorm, so aktuelle Zahlen des VDMA Ost. Die Gründe sind vielfältig: Akademisierung, Wissenslücken, aber auch Corona. Problematisch: Diejenigen, die sich bewerben, sind häufig nicht geeignet.

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Drei Viertel der Maschinenbauer in Ostdeutschland hatten dieses Jahr Probleme, die Ausbildungsstellen zu besetzen. Die Gründe sind vielfältig.
Drei Viertel der Maschinenbauer in Ostdeutschland hatten dieses Jahr Probleme, die Ausbildungsstellen zu besetzen. Die Gründe sind vielfältig.
(Bild: ©Atelier 211 - stock.adobe.com)

An Auszubildenden im Maschinen- und Anlagenbau mangelt es seit Jahren. Dieses Jahr hat sich das Problem sprunghaft verschärft: Drei Viertel der ostdeutschen Maschinen- und Anlagenbauer haben Probleme, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen – über zehn Prozent mehr als noch 2019. Die Zahlen stammen aus einer aktuellen Umfrage des VDMA-Landesverbandes Ost.

Der fehlende Nachwuchs ist kein ostdeutsches Problem: Auf Nachfrage der Redaktion bestätigt das der VDMA Landesverband Mitte. Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen: In Maschinenbau-relevanten Berufen waren im Mai noch 16.000 Ausbildungsstellen offen.

Ausbildung im Maschinenbau lohnt sich

Trotz Coronakrise setzt der Maschinen- und Anlagenbau weiter auf Ausbildung: Neun von zehn ausbildenden Unternehmen in Ostdeutschland wollen 2020 alle Stellen wie geplant anbieten. Für das kommende Jahr plant deutschlandweit zwar jedes fünfte Unternehmen weniger Ausbildungsstellen – jedes zehnte Unternehmen will aber mehr Azubis einstellen.

Attraktiv für Auszubildende: Im Maschinen- und Anlagenbau werden überdurchschnittlich viele Azubis nach der Ausbildung übernommen. Bundesweit über alle Branchen liegt der Schnitt bei zwei Drittel aller Auszubildenden. Im Maschinenbau dagegen werden durchschnittlich 85 Prozent übernommen.

Warum es weniger Auszubildende gibt

Das größte Problem sehen die Unternehmen in der zunehmenden Akademisierung. Junge Schulabgänger wollen nicht länger eine Ausbildung anfangen, sondern studieren gehen. Mit einem Studienabschluss verbinden viele bessere Chancen. Außerdem sind Universitäten in der Regel in großen Städten ansässig - eine Infrastruktur, die junge Leute anlockt.

Alle Zahlen im Überblick:

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Ausbildungsstätten dagegen liegen auch mal auf dem Land. Fast 40 Prozent der Unternehmen geben die geografische Lage als Grund für rückläufige Bewerber an. Junge Leute wünschen sich attraktive Lebensbedingungen. Auf dem Land aber scheitert es oft schon an fehlendem öffentlichen Nahverkehr.

Ausbildungsberufe mit schlechtem Ruf

Auch haben die Ausbildungsberufe einen schlechten Ruf: „Mit Maschinen- und Anlagenbau verbinden viele Leute dunkle, dreckige Werkhallen“, erklärt Katrin Blanke, Pressesprecherin des VDMA Ost. Man denkt an montieren und zerspanen. Aber die modernen Ausbildungsberufe bieten gerade im Zuge der Digitalisierung spannende neue Berufsfelder.

In Schulen und auch zuhause wird häufig noch ein veraltetes Bild gezeichnet. Über 40 Prozent nennen den geringen Bekanntheitsgrad der Berufe als Grund für fehlende Bewerber. Hier fordert der VDMA von Unternehmen aber auch von Schulen Aufklärungsarbeit.

Kontaktbeschränkung verschärft den Ausbildungsmangel

Weshalb der Mangel in diesem Jahr so sprunghaft angestiegen ist, begründet der Verband mit der Coronakrise. Normalerweise werben Unternehmen junge Leute über Praktika, in Schulen, auf Messen und an Tagen der offenen Tür. Viele dieser Maßnahmen konnten aufgrund der Pandemie nicht stattfinden.

Zahlreiche Unternehmen haben bei der Werbung deshalb vermehrt auf Social Media gesetzt: Die Zahlen steigen seit Jahren an – dieses Jahr nutzen mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen Social Media, um junge Leute zu erreichen. Das sind über zehn Prozent mehr als im Jahr zuvor. Wie bei so vielem kann das jedoch nicht den direkten Kontakt ersetzen. Viele junge Leute müssen Berufe direkt kennenlernen, damit sie sich etwas darunter vorstellen können.

Jugendlichen fehlt es an technischem Verständnis

Es mangelt nicht nur an Bewerbern – auch sind viele Bewerber gar nicht für die Stellen geeignet. Über 70 Prozent der Unternehmen bemängeln, dass die Schulabgänger nur bedingt für eine Ausbildung geeignet sind. Vor allem die Schwächen im Grundlagenwissen sind groß. In den Fächern Mathematik und Physik herrschen große Wissenslücken.

Immer weniger Jugendliche können ein Fahrrad reparieren.

Oliver Köhn, Geschäftsführer VDMA Ost

Aber auch technisches Alltagswissen und das Verständnis technischer Zusammenhänge geht verloren. Schuld sieht der Geschäftsführer des VDMA Ost, Oliver Köhn, bei den veränderten Interessen der Jugendlichen: „Mit den digitalen Medien haben sich die Interessen und das Freizeitverhalten stark verändert. Immer weniger Jugendliche können zum Beispiel ein Fahrrad reparieren oder selbstständig einen einfachen Schaltkreis bauen.“

Jedes vierte Unternehmen kritisiert auch mangelnde soziale Kompetenzen: Motivation, Zuverlässigkeit, Eigeninitiative, angemessenes Auftreten und die Fähigkeit, eigene Bedürfnisse den betrieblichen Gegebenheiten unterzuordnen, fehlen.

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