Porträt Ulrich Hütter: Der Wind ist sein Element

Autor / Redakteur: Rebecca Hornung / Simone Käfer

Vor 60 Jahren entstand die erste Windenergieanlage. Jeder kennt diese Bauten, doch wer hat schon vom Konstrukteur gehört?

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In dem Jahr, in dem Hütter starb, bekam Sachsen-Anhalt seine erste Windkraftanlage.
In dem Jahr, in dem Hütter starb, bekam Sachsen-Anhalt seine erste Windkraftanlage.
(Bild: Bild 183-1990-0816-014 / Bild 183-1990-0816-014 / Bundesarchiv / CC BY-SA 3.0 / BY-SA 3.0)

Sie prägen unser Landschaftsbild und sind aus ihm nicht mehr wegzudenken: Die Rede ist von den bis zu 200 m hohen Windrädern, die unsere Felder und Küsten zieren. Rund 28.217 Wind- energieanlagen gibt es in Deutschland; die meisten davon stehen in Niedersachsen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. 12,3 % der Stromgewinnung werden durch Windenergie erreicht. Hinter den Anlagen steht ein Mann, der seinen besonderen Beitrag zur alternativen Stromgewinnung nie miterleben konnte: der Konstrukteur Ulrich Hütter.

Vom Segelflug zur Stromgewinnung

Hütter wurde am 18. Dezember 1910 im böhmischen Pilsen geboren. Mit einem Architekten Eduard Hütter als Vater kann man sagen, dass ihm das Interesse und das Verständnis für Konstruktion schon in die Wiege gelegt waren. Als er drei Jahre alt war, zog die Familie nach Salzburg, wo Hütter aufwuchs und sein Abitur ablegte. Gleich nach dem Schulabschluss schrieb er sich 1930 an der Technischen Hochschule in Wien für Maschinenbau ein. Seine Freizeit verbrachte er mit seinem Bruder Wolfgang beim Segel­fliegen. Zusammen bastelten sie an eigenen Ideen für Segelflugzeuge, doch hatten sie aus Geldmangel nicht viele Ressourcen zur Verfügung. Sie mussten darauf achten, dass Material und Raum optimal ausgenutzt wurden, wodurch ihnen 1934 das aufsehenerregende Übungssegelflugzeug H17 gelang. Das Talent des jungen Konstrukteurs blieb nicht lange unbemerkt, sodass in Deutschland Wolf Hirth, Teilhaber der Schempp-Hirth Flugzeug GmbH, auf ihn aufmerksam wurde.

Noch bevor Hütter sein Studium in Wien abgeschlossen hatte, bot Hirth ihm eine Stelle als Konstrukteur in Deutschland an und eröffnete ihm die Möglichkeit, gleichzeitig sein Studium der Luftfahrttechnik an der Hochschule Stuttgart mit Diplom zu beenden. Schon bald nach dem Hochschulabschluss wechselte er 1939 nach Weimar, wo er an der Ingenieurschule luftfahrttechnische Fächer wie Flugzeugbau, Strömungslehre, aber auch Mathematik und Maschinenbau unterrichtete. Im dortigen Strömungslabor wuchs schließlich seine Faszination für Windkraftanlagen, weshalb er ab 1940 als technischer Berater und Entwicklungsingenieur bei der Ventimotor GmbH arbeitete. Das Wissen und die Erfahrungen aus den Bereichen der Segelfliegerei und des Flugzeugbaus sowie die Untersuchungen von Ventimotor verhalfen ihm zu theoretischen Erkenntnissen, wie Windkraftanlagen maximale Leistung zur Stromgewinnung erbringen sollen; beispielsweise durch das Verstellen des Propellers. Diese Ausführungen festigte er in seiner Doktorarbeit „Beitrag zur Schaffung von Gestaltungsgrundlagen für die Windkraftwerke“ von 1942, die bis heute noch richtungsweisende Erkenntnisse für den Bau von Windkraftanlagen liefert.

Hütter im Zweiten Weltkrieg

Die Jahre des Zweiten Weltkriegs zogen auch an Hütter nicht ohne Weiteres vorbei. Die Arbeit von Ventimotor wurde stark eingeschränkt, bis Hütter 1943 für kriegswichtige Aufgaben in die Luftfahrtforschungsanstalt Graf Zeppelin bei Stuttgart gerufen wurde. Er musste seine Arbeiten an den Windkraftanlagen erst mal auf Eis legen und sich wieder mit der Luftfahrt beschäftigen. Ein Lehrauftrag für Strömungslehre und Flugmechanik an der Technischen Hochschule in Stuttgart kam ebenfalls hinzu. Nach Kriegsende musste sich Hütter für seine Mitgliedschaft in der NSDAP verantworten, weshalb er unter die Lupe genommen, schließlich aber nur als Mitläufer eingestuft wurde.

Vom Konstruktionsleiter zum Professor

Ab 1946 arbeitete Hütter als Konstruktionsleiter bei der Allgaier Werke GmbH und untersuchte glasfaserverstärkte Kunststoffe (GFK). Deren Vorteile sah Hütter vor allem im Flugzeugbau und erforschte tragende Flugzeugteile, Luftschrauben und Rotorblätter aus GFK. Dem Flugzeugbau wieder stärker zugewandt, erneuerte er 1952 seinen Lehrauftrag aus Kriegszeiten an der TH Stuttgart. Daraufhin habilitierte er 1957 am Institut für Flugzeugbau mit der Arbeit „Fangstartverfahren mit durch Schirm gedämpften Anschleppstoß“. Doch seine GFK-Forschung sollte nicht nur dem Flugzeugbau zugute kommen; er brachte seine Erkenntnisse auch in die Entwicklung neuer Windanlagen ein. So entwarf er noch im selben Jahr die Windanlage StGW 34 mit einer Nennleistung von 100 kW, die bis heute als das Urmodell moderner Windenergieanlagen gilt. Das Besondere: Die beiden 17 m langen Rotorflügel waren aus glasfaserverstärktem Kunststoff.

Hütter wird zum „Windpast“ gekürt

Durch den Aufschwung neuer Energieträger wie Erdöl und Atomkraft wandte man sich in den Jahren ab 1960 immer mehr von der Windkraftforschung ab. In diesen Jahren war Hütter verstärkt als Professor und Lehrstuhlinhaber des Instituts für Flugzeugbau an der TH Stuttgart tätig, wo man ihn schließlich als „Windpapst“ bezeichnete. Erst mit der Ölkrise in den 70er-Jahren und der Anti-Atomkraft-Bewegung in den 80ern war Hütter wieder zunehmend als Experte für Windenergieanlagen weltweit gefragt, um die alternative Energiegewinnung voranzutreiben. Gewürdigt wurde Hütter unter anderem 1977 mit dem „Aachener und Münchner Preis für Technik und angewandte Naturwissenschaften“.

Hütter verstarb am 12. August 1990 in Kirchheim unter Teck, als erst 769 Windenergieanlagen in Deutschland standen. „Dass er gleichzeitig ein begeisternder Hochschullehrer war, ein begabter Zeichner und Dichter, dass er sich von der Natur für moderne Fasertechnologie inspirieren ließ und als leidenschaftlicher Segelflieger schon in jungen Jahren mit ebenso ästhetischen wie leistungsstarken Flugzeugkonstruktionen auf sich aufmerksam machte“, wie Heiner Dörner, Assistent Hütters und Autor seiner Biografie, über Hütter schreibt, zeigt, dass Hütter noch heute als einer der wichtigsten Pioniere im Bereich der Windkraft gilt.

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