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Porträt Ursula Ida Lapp feiert ihren 90. Geburtstag

Autor / Redakteur: Reinhold Schäfer / Dipl.-Ing. (FH) Reinhold Schäfer

1959 hat Ursula Ida Lapp das Unternehmen Lapp, Weltmarktführer für integrierte Verbindungssysteme, gegründet. Am 30. Mai 2020 feiert die erfolgreiche Unternehmerin ihren 90. Geburtstag.

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Unternehmensgründerin Ursula Ida Lapp feiert am 30. Mai 2020 ihren 90. Geburtstag.
Unternehmensgründerin Ursula Ida Lapp feiert am 30. Mai 2020 ihren 90. Geburtstag.
(Bild: Lapp)

Ursula Ida Lapp hat deutsche Wirtschaftsgeschichte geschrieben. Gemeinsam mit ihrem Mann Oskar Lapp hat sie mit Mut, Weitblick und einer unglaublichen Schaffenskraft ein Unternehmen von Weltruf geschaffen. Schon in ihrer Kindheit und Jugend musste sie sich großen Herausforderungen stellen. Das hat sie bis heute geprägt.

Am 30. Mai 1930 wird Ursula Ida als zweites Mädchen der Familie Emmelmann geboren. Ihr Vater ist Zimmermann. Anfangs verläuft ihre die Kindheit in Benshausen (Thüringen) völlig unbekümmert. Mit den Dorfkindern durchstreift sie die Wiesen und Wälder, baut Hütten, und nachdem der Turnverein Benshausen 1934 ein eigenes Schwimmbad eröffnet hat, wird Ursula Ida begeisterte Schwimmerin. Im Winter ist Skifahren im Thüringer Wald angesagt.

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Mit dem frühen Tod der Mutter beginnt die Verantwortung

Dann, sie ist gerade 10 Jahre alt, kommt der Einschnitt: Ihre Mutter stirbt an einer zu spät entdeckten Blinddarmentzündung. Sie musste deshalb schon früh Verantwortung übernehmen. Ursula Ida und ihre zwei Jahre ältere Schwester müssen sich von da an um den gesamten Haushalt und den Garten kümmern. Auch im Unterricht fällt sie durch verantwortungsvolles Denken und Handeln auf. Deshalb ist die stets umsichtige Ursula Ida stolz, als sie von ihrer Hauswirtschaftslehrerin gelobt wird, weil sie als einzige im Kochunterricht beim Erstellen des Wochenspeiseplans daran denkt, am Montag die Reste des Sonntagsessens zu verarbeiten.

Ihre Jugend war geprägt vom Krieg und der sowjetischen Besatzung nach 1945. Unvergesslich ist für sie ein trauriges Erlebnis an der deutsch-deutschen Grenze: Die Schwestern wollten einmal in die Westzone und wurden von den Grenzsoldaten erwischt und über Nacht in einer Holzhütte eingesperrt. Sie erinnert sich dort an einen in die Wand geritzten Spruch. „Ich bin als Deutscher von Deutschen gefangen, weil ich die große Sünde beging und von Deutschland nach Deutschland ging.“

Ursula Ida Lapp geht schon früh ihren eigenen Weg

Als Kind einer Handwerkerfamilie ist sie schon früh ihren eigenen Weg gegangen und absolviert eine Ausbildung zur Industriekauffrau bei Mercedes Büromaschinenwerke in Zella Mehlis, der „Sowjetischen Aktiengesellschaft für Feinmechanik und Optik, Schreib- und Rechenmaschinenfabrik“. Als ob sie es geahnt hat, dass diese Kenntnisse für ihr Lebenswerk später einmal so wichtig sein würden…

Ursula Ida hat aber auch ein großes Hobby. Dank dieser Bühnenleidenschaft lernt sie auch ihren späteren Ehemann Oskar Lapp (1921-1987) kennen. Sie ist Mitglied im Gesangsverein Benshausen und singt zu Weihnachten 1950 sogar die weibliche Hauptrolle in der Operette „Das Walzermädel von Wien“. Einer der Zuschauer ist Oskar Lapp. Er ist von ihr so begeistert, dass er ihr den Hof macht und sie bei der anschließenden Tanzveranstaltung zum Tanz auffordert. Bei einem späteren Schützenfest in Zella-Mehlis kommen sie sich endgültig näher… Im Mai 1951 wird geheiratet.

Der Umzug nach Westdeutschland ist unausweichlich

Am 30.6.1952 wird Siegbert Lapp geboren. Und als die politischen Zustände und Repressalien in der Ostzone immer unerträglicher wurden, entschließt sich das Paar in den Westen zu gehen. Oskar Lapp geht voraus. Hochschwanger flieht Ursula Ida Lapp ein paar Wochen später mit dem kleinen Sohn Siegbert an der einen Hand und einem kleinen Koffer an der anderen über Berlin in den Westen. Am 6.3.1956 wird der zweite Sohn Andreas in Stuttgart geboren.

Das Ehepaar Lapp muss sein Leben von null auf neu aufbauen, sie hatten nichts, keine eigene Wohnung, keine Möbel und kaum Kleidung. Aber sie hatten einen Traum, den es zielstrebig verfolgte… Oskar Lapp hat mittlerweile von Stuttgart aus die Vertretung für die Firma Harting für ganz Süddeutschland übernommen und von seinem Arbeitgeber Provisionen für seine Erfindungen erhalten. Und auf seinen vielen Reisen zu den Kunden und den Gesprächen mit ihnen hatte er wieder eine geniale Idee. Er entwickelt Ende der 50er-Jahre die erste industriell gefertigte Anschluss- und Steuerleitung, die die Verbindungstechnik revolutionierte. Zuvor waren in den Kabeln alle Adern schwarz oder grau und die Elektromeister hatten es schwer, die Leitungen an den jeweiligen Enden beim Anschließen richtig zuzuordnen. Dafür war ein umständlicher Prozess des so genannten Durchklingelns nötig. Zudem hatten die Kabel sehr große Querschnitte und waren wenig flexibel. Oskar Lapp erfindet ein Kabel mit farbigen Adern mit deutlich kleineren Durchmessern. Die erste industriell gefertigte Anschluss- und Steuerleitung war geboren. Das Ehepaar kreiert auch den dazu passenden Markennamen: Ölflex. Dieser steht auch heute noch weltweit für besonders ölbeständige und flexible Leitungen.

Das Unternehmen Lapp wird gegründet

1959 gründen die Lapps ihr Unternehmen mit Hilfe eines Bankkredits in Höhe von 50.000 Mark. Und weil ihr Mann noch bei Harting beschäftigt war, ließ sich Ursula Ida Lapp als Unternehmensgründerin ins Handelsregister eintragen. Der Name des Unternehmens wurde am Küchentisch erdacht: U. I. Lapp KG – die Initialen U. I. stehen für Ursula Ida. Anfangs werden die Geschäfte von der Garage des Wohnhauses in Stuttgart-Vaihingen ausgeführt. Oskar Lapp übernimmt den Außendienst, Ursula Ida Lapp kümmert sich zuhause um die Buchhaltung, die Bestellungen, die Werbung und die noch kleinen Kinder. Oft fährt sie mit dem Handwagen zum Güterbahnhof, um die frisch gelieferten Kabel, die das Unternehmerehepaar anfangs im Auftrag fertigen lässt, in Empfang zu nehmen oder gleich weiter zu versenden. Ihre Schaffenskraft ist beeindruckend. Auch abends, wenn die Kleinen schlafen, wird weitergearbeitet. „Man muss Freude an der Arbeit haben, dann gelingt es auch.“

Die Qualität der Kabel ist ihr wichtig

Ursula Ida Lapp steht in der technischen Männerwelt „ihren Mann“. Zu Beginn der Auftragsfertigung ist sie nicht immer mit der Qualität der gelieferten Ölflex zufrieden: so reist sie nach Wuppertal, um beim Hersteller zu reklamieren, dass die Kabel nicht rund genug waren. Denn auch bei einem Industriegut zählt die Optik, weiß Ursula Ida Lapp. Und sie erreicht, was sie will. Ölflex ist das richtige Produkt zur richtigen Zeit. Das Ehepaar Lapp setzt damit Qualitätsstandards, die in der Kabelproduktion bis heute weltweit gültig sind. Es bietet sogar fertig produzierte Kabelstränge mit bis zu 130 farbigen Adern an. Die Nachfrage ist enorm. Und auch die Familie wächst: Am 5.3.1962 wird ihr dritter Sohn Volker geboren.

Bereits 1963 wird die erste eigene Fabrik eröffnet, um die Ölflex-Leitungen selbst zu fertigen. 1965 wird der Firmensitz vom Wohnhaus der Familie in Stuttgart-Vaihingen in die Schulze-Delitzsch-Straße verlegt – auch heute der Firmenstammsitz. Ursulas Ida Lapp hat stets gearbeitet: „Ich habe nicht ans Vergnügen gedacht, sondern ich war glücklich, wenn ich abends meine Arbeit getan hatte. Ich war zufrieden, wenn ich das erreicht habe, was ich mir vorgenommen hatte.“

Der Tod von Oskar Lapp verändert vieles

1987 stirbt Oskar Lapp an einem Herzinfarkt, Ursula Ida Lapp übernimmt zusammen mit ihren Söhnen Siegbert und Andreas die Leitung des Unternehmens. Die Internationalisierung wird weiter fortgesetzt. In Osteuropa, Asien, Afrika und kürzlich auch in Australien werden neue Märkte erschlossen und neue Standorte gegründet.

Lapp ist heute einer der führenden Anbieter von integrierten Lösungen und Markenprodukten im Bereich der Kabel- und Verbindungstechnologie. Zum Portfolio des Unternehmens gehören Kabel und hochflexible Leitungen, Industriesteckverbinder und Verschraubungstechnik, kundenindividuelle Konfektionslösungen, Automatisierungstechnik und Robotiklösungen für die intelligente Fabrik von morgen und technisches Zubehör. Der Kernmarkt ist der Maschinen- und Anlagenbau. Weitere wichtige Absatzmärkte sind die Lebensmittelindustrie, der Energiesektor und Mobilität. Das Unternehmen befindet sich vollständig in Familienbesitz. Im Geschäftsjahr 2018/19 erwirtschaftete es einen konsolidierten Umsatz von 1,2 Mrd. Euro. Lapp beschäftigt weltweit rund 4650 Mitarbeiter, verfügt über 18 Fertigungsstandorte sowie 44 eigene Vertriebsgesellschaften und kooperiert mit rund 100 Auslandsvertretungen.

Mit Leidenschaft Unternehmerin

Ursula Ida Lapp ist dem Unternehmen auch heute noch mit Leidenschaft verbunden. Sie ist Ehrenvorsitzende des Aufsichtsrats und bei wichtigen Veranstaltungen im Unternehmen präsent. Bereits Ende der 90er-Jahre übergibt sie das operative Tagesgeschäft an ihre Söhne Siegbert und Andreas Lapp. Andreas Lapp ist heute Vorstandsvorsitzender der weltweiten Dachgesellschaft Lapp Holding AG, sein Bruder Siegbert E. Lapp ist Aufsichtsratsvorsitzender. Auch zwei Enkel haben im Unternehmen bereits Verantwortung übernommen. Enkel Matthias Lapp übernahm 2017 die Position des CEO für die Region Europa einschließlich Südamerika, Afrika und Mittlerer Osten. Enkel Alexander Lapp verantwortet in der Holding die Themen Digitalisierung und e-Business. Damit geht auch ein Lebenswunsch für Ursula Ida Lapp in Erfüllung: Das Unternehmen bleibt im Familienbesitz – auch die 3. Generation soll fortführen, was sie aufgebaut hat.

Aufgrund des umfangreichen Angebots für Familien wurde Lapp vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend auch zum familienfreundlichsten Unternehmen in Deutschland gekürt.

Ihr soziales Engagement ist groß

Auch außerhalb des Unternehmens ist soziales und kulturelles Engagement für Ursula Ida Lapp stets eine Herzensangelegenheit. Neben großzügigen Spenden für Einrichtungen in und um Stuttgart, aber auch in Indien initiiert sie gemeinsam mit ihren Söhnen 1992 zu Ehren ihres Mannes Oskar Lapp die Oskar-Lapp-Stiftung. Die Stiftung bietet jungen Wissenschaftlern zusätzliche Anreize, sich gezielt in der Herz- und Kreislaufforschung zu engagieren. Der mit 12.000 Euro dotierte Oskar-Lapp-Forschungspreis wird jährlich verliehen, alle zwei Jahre wird zudem ein Oskar-Lapp-Stipendium vergeben, das mit bis zu 20.000 Euro für Sachmittel ausgestattet ist. Auch die Realisierung des Bürgerhauses Möhringen war nur dank einer großzügigen Spende in Höhe von 600.000 Euro möglich. Zudem engagierte sich Ursula Ida Lapp vier Jahre im Regionalparlament.

Wie sehr Ursula Ida Lapp das Unternehmen geprägt hat, bringt ihr Enkel Matthias Lapp auf den Punkt: „Unsere Oma, das ist die Firma.“ Für ihre Leistungen als Unternehmerin, ebenso wie für ihr gesellschaftliches Engagement, wurde Ursula Ida Lapp vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und der Wirtschaftsmedaille des Landes Baden-Württemberg.

Ursula Ida Lapp hat das Unternehmen und seine Mitarbeiter geprägt

„Meine Mutter ist auch heute noch das Herz unseres Unternehmens. Sie hat uns mit ihrer immensen Tatkraft und ihrer Leidenschaft für das Unternehmen und seine Mitarbeiter geprägt. Sie ist unser großes Vorbild“, betont ihr Sohn Andreas Lapp, Vorstandsvorsitzender der Lapp Holding AG. Eine große Geburtstagsfeier ihr zu Ehren wurde wegen der Corona-Krise abgesagt. „Wir können unsere Mutter leider nur im kleinsten Familienkreis hochleben lassen – aber natürlich mit Geburtstagstorte und einem Ständchen“, bedauert Andreas Lapp. MM

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