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China Market Insider Wie China seiner Industrie aus der Coronakrise helfen will

Autor / Redakteur: Henrik Bork / M. A. Benedikt Hofmann

China will dem wirtschaftlichen Schaden durch die Coronakrise mit einer noch schnelleren Modernisierung seiner Fertigungsindustrie begegnen.

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Unter dem Titel „China Market Insider“ berichtet der MM Maschinenmarkt ab jetzt regelmäßig aus dem chinesischen Markt.
Unter dem Titel „China Market Insider“ berichtet der MM Maschinenmarkt ab jetzt regelmäßig aus dem chinesischen Markt.
(Bild: ©vegefox.com - stock.adobe.com)

Das fertigende Gewerbe solle qualitativ weiterentwickelt und zukunftssicherer gemacht werden, zitierte die amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua aus dem jährlichen Regierungsbericht des chinesischen Premiers Li Keqiang.

Die Förderung der „Neuen Infrastruktur“, zu der maßgeblich auch der massive Ausbau des industriellen Internets der Dinge (IIOT) gehört, ist zu diesem Zweck nun offiziell zur „Chefsache“ erklärt worden. Li nannte in seinem Bericht, den er in diesem Jahr wegen der Coronakrise erst mit zweimonatiger Verspätung verlesen konnte, einen ganzen Katalog von direkten und indirekten Fördermaßnahmen für die von eben dieser Krise gebeutelte herstellende Industrie des Landes.

Da die Maßnahmen stets sofort von den Abgeordneten des Nationalen Volkskongresses (NVK) in Peking abgesegnet werden, sind die Anmerkungen des chinesischen Premiers im Grunde als industriepolitische Weichenstellung für die kommenden Jahre zu verstehen. Zwar hatte der Ausbau des industriellen Internets, wie IIOT seit kurzem in chinesischen Regierungsdokumenten genannt wird, schon vor der Coronakrise auf der Agenda der kommunistischen Staats- und Parteiführung gestanden. Doch in der Folge der Krise sind nun noch einmal massive staatliche Fördermittel bereitgestellt worden, mit denen der Konjunktureinbruch der herstellenden Industrie in China bekämpft werden soll.

„In diesem Jahr werden 3,75 Billionen Yuan (rund 473 Millionen Euro) an speziellen Regierungsbonds aufgelegt werden. Priorität wird dabei Projekten der Neuen Infrastruktur und Initiativen der neuen Urbanisierung und solchen Großprojekten gegeben, die nicht nur den Verbrauch fördern und den Menschen zugute kommen, sondern auch strukturelle Anpassungen erleichtern und die Nachhaltigkeit des Wachstums erhöhen”, sagte Li Keqiang.

Mit dem nun viel beschworenen Schlüsselbegriff „Neue Infrastruktur“ fasst Chinas Regierung ihre Investitionen in Zukunftstechnologien zusammen, die sie bewusst zu einem wesentlichen Teil ihrer Konjunkturmaßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Wirtschaftskrise gemacht hat. Mit anderen Worten sollen diesmal anders als in Wirtschaftskrisen nicht nur Brücken gebaut und Hafenbecken betoniert werden, sondern viel Staatsgeld zur Förderung von Smart Manufacturing, 5G, autonomes Fahren, Künstliche Intelligenz und eben IIOT ausgegeben werden.

„Das industrielle Internet baut unsere industrielle Fertigung und unsere Service-Systeme um, ermöglicht damit eine qualitativ hochwertigere Entwicklung der chinesischen Wirtschaft”, sagt Xu Xiaolan, Direktorin der Chinesischen Akademie für das industrielle Internet. „Es ist ein wichtiges Mittel, um kleineren und mittelgroßen Unternehmen aus der Patsche zu helfen.” Auch Finanzspritzen hat der Staat in China für die verarbeitende Industrie zur Bekämpfung der Coronakrise angekündigt. „Wir werden die mittel- und langfristigen Darlehen für Hersteller deutlich erhöhen”, sagte der Premier in der Großen Halle des Volkes vor den Gesichtsmasken tragenden Abgeordneten.

Da dieses Jahr das letzte Jahr vor dem Beginn eines neuen Fünfjahresplanes in Chinas zentral gelenkter Wirtschaft ist, haben die Weichenstellungen auf dem diesjährigen NVK noch einmal eine zusätzliche Bedeutung. Sie setzen im Grunde schon den Ton für die kommenden fünf Jahre, so dass IIOT in China in diesem Zeitraum einen gewaltigen Boost erleben dürfte. Sämtliche unter „Neue Infrastruktur” genannten Zukunftsfelder – neben IIOT besonders auch 5G, die Elektromobilität, Zentren für „Big Data”, moderne Transport- und Energiesystem - sollen in den kommenden fünf Jahren mit mehr als zehn Billionen Yuan (rund 1,3 Milliarden Euro) vom chinesischen Staat gefördert werden.

Digitale Leuchtturmfabrik von Siemens in China bekommt ein Innovationszentrum

Siemens hat in Chengdu im Südwesten Chinas Ende Mai ein neues Innovationszentrum für Industrie 4.0 eröffnet. Das Zentrum steht neben der digitalen Leuchtturmfabrik SEWC (Siemens Electronic Works Chengdu) und sei Teil der Anstrengungen von Siemens, der chinesischen herstellenden Industrie „neue Möglichkeiten durch digitale Lösungen” zu eröffnen, zitierte Maschinenmarkt (China) Jörg Westerholt, den Vizepräsidenten der „Digital Factory Division” von Siemens in China. Das nun offiziell eröffnete „Siemens Smart Manufacturing Innovation Center Chengdu” war im August 2017 gemeinsam mit der Chengdu High-Tech-Zone vereinbart worden. Zusammen mit einem F&E-Zentrum für Industriesoftware, das bereits im vergangenen Jahr seine Türen öffnete, sind dafür rund eine Milliarde chinesische Yuan (etwa 126 Millionen Euro) investiert worden.

Man wolle in Chengdu “das Flaggschiff der digitalen Transformation bauen, dass der Innovation der chinesischen Fertigungsbranche zu neuen Höhen verhelfen wird”, heißt es in einer Presseerklärung von Siemens zu der Eröffnung in Chengdu. Das Werk und die angegliederten Forschungs- und Innovationszentren in Chengdu, einer der am schnellsten wachsenden Städte Chinas, ist dem elektronischen Vorzeigewerk von Siemens in Amberg (EWA) nachempfunden.

Über Mangel an Interesse wird man sich bei Siemens in China nicht beklagen müssen: Schon jetzt besuchen etwa 10.000 Chinesen pro Jahr, darunter jede Menge Regierungsdelegationen aus anderen Teilen Chinas, das SEWC-Werk und informieren sich dort über digitale Lösungen von Siemens. Das Weltwirtschaftsforum in Davos hatte SEWC vor zwei Jahren zu einer der neun “modernsten Fabriken der Welt” erklärt.

Als Antwort auf die Coronakrise hat Chinas Regierung kürzlich die Förderung von Automatisierung und Digitalisierung besonders auch in der verarbeitenden Industrie zu einem Fokus ihrer Konjunkturpolitik gemacht.

Aus dem Regen in die Traufe

Die Freude, endlich wieder an seinen Arbeitsplatz in China zurückkehren zu dürfen, ist für einen deutschen Ingenieur am Sonntag deutlich getrübt worden. Bei dem 34-jährigen wurde nach der Ankunft in China das Coronavirus festgestellt. Er habe keine Krankheitssymptome, sei aber zur „Beobachtung” in eine zentrale Quarantäneeinrichtung gebracht worden, berichtete die Gesundheitskommission der Stadt Tianjin am Sonntag.

Der Ingenieur war einer der rund 200 Deutschen, die mit einer Chartermaschine der Lufthansa zurück nach China fliegen konnten, nachdem die deutsche Handelskammer in China eine Sondergenehmigung seitens der chinesischen Behörden erstritten hatte. Vor dem Abflug in Deutschland waren zwar alle auf das Virus getestet worden, dennoch fiel einer der Tests nach der Ankunft nun positiv aus.

Viele deutsche Unternehmen und deutsch-chinesische Joint-venture in China leiden derzeit wegen der Grenzschließungen, Flugverbote und Quarantänemaßnahmen in der Folge des Coronavirus-Ausbruchs unter akutem Facharbeitermangel.

* Henrik Bork, langjähriger China-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Rundschau, ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking.

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