Materialmangel und Lieferengpässe Wie Manager der Industrie auf 2021 blicken und was sie für 2022 erwarten

Von M.A. Manja Wühr und Svenja Gelowicz

Dem MM Maschinenmarkt erzählen sechs Unternehmenslenker aus der Industrie, wie sie mit den Widrigkeiten des vergangenen Jahres fertig geworden sind und wie sie nach vorne blicken.

Anbieter zum Thema

Igus liefert zurzeit ohne größere Einschränkungen mit geringfügig längeren Lieferzeiten direkt ab Lager.
Igus liefert zurzeit ohne größere Einschränkungen mit geringfügig längeren Lieferzeiten direkt ab Lager.
(Bild: Igus)

Die zahlreichen Jahresrückblicke in verschiedenen Medien sind sich bei einem Punkt einig: 2021 war schwierig, vor allem wegen Corona. Blicken Unternehmen zurück, stöhnen sie vor allem über die Lieferengpässe. Bei vielen prallen volle Auftragsbücher auf leere Lager. In unserem Stimmenfang erzählen Manager der Industrie, wie sie mit den Versorgungsproblemen umgegangen sind – und wann sie mit einer Besserung rechnen.

Harting: „Verteilen Stecker teils einzeln“

Philip Harting ist Vorstandschef beim Technologieanbieter Harting. Er berichtet, dass Kunden teils persönlich anrufen und nach Teilen fragen:

Philip Harting ist Vorstandschef bei Harting.
Philip Harting ist Vorstandschef bei Harting.
(Bild: Harting)

Unser Geschäftsjahr war wirtschaftlich gut. Wir hatten bei Umsatz und Auftragseingang ein zweistelliges Plus. Vor allem im zweiten Quartal haben die Bestellungen angezogen, da waren wir noch in Kurzarbeit. Das Jahr war insgesamt nicht einfach. Wir hatten die ganzen Herausforderungen mit der Corona-Pandemie zu meistern. Hier in Espelkamp hatten wir schon früh Inzidenzen um die 800. Mögliche Produktionsstopps hingen wie ein Damoklesschwert über uns. Dazu kamen Herausforderungen wie der Brexit, die Blockade des Suez-Kanals durch das Frachtschiff Ever Given und die schlimmen Überschwemmungen in Nordrhein-Westfalen, wo viele unserer Lieferanten fertigen. Dennoch haben wir weiter investiert und sind in allen Regionen gewachsen.

Die Materialengpässe bereiten uns Kopfzerbrechen. Wir haben mit unseren Lieferanten eine Taskforce eingerichtet und konnten so die Knappheit ausbalancieren. Das heißt, unsere Lieferfähigkeit ist nicht abgerissen. Aber das hat Kraft gekostet, und wir sind weit weg von der Effizienz, die wir vor Corona hatten. Es ist eine Katastrophe: Wir verteilen Stecker teils einzeln, manche Kunden rufen persönlich an. Das ist kein Zustand, da müssen wir raus. Es ist schwer, an Material heranzukommen. Die Kosten für die Logistik sind dramatisch gestiegen: Sie haben sich teils versechsfacht. Und auch die Preise vieler Rohstoffe wie Kupfer, Gold oder Palladium sind explodiert. Die Stecker sind am Markt sechs bis acht Prozent teurer geworden.

Wir stellen uns im Lieferantennetzwerk nun noch breiter auf, Stichwort Second Source. Insgesamt haben wir schon eine Menge dafür getan. Wir wollen als Lieferant weiter zuverlässig sein.

Igus: „Auf minus 50 Prozent und plus 50 Prozent einstellen“

Tobias Vogel, Geschäftsführer Gleitlager- und Lineartechnik von Igus, berichtet wie sich das Unternehmen auf Lieferschwierigkeiten eingestellt hat und gibt einen Ausblick auf das kommende Jahr:

Tobias Vogel, Geschäftsführer Gleitlager- und Lineartechnik von Igus
Tobias Vogel, Geschäftsführer Gleitlager- und Lineartechnik von Igus
(Bild: Igus)

Unsere Kunststoffprodukte, wie Energieketten, Gleit- oder Linearlager, werden überall auf der Welt aktuell stark nachgefragt, natürlich mit regionalen Unterschieden. Sei es für Krananlagen in Shanghai, Landmaschinen in den USA oder automatisierte Fabriken in Deutschland. Auch bei den Herstellern von Bürostühlen, Kaffeemaschinen, Fahrrädern, Türen und Fenstern oder Autos merken wir die gute Auftragslage. Wir sehen in einzelnen Bereichen, dass es immer wieder Lieferschwierigkeiten gibt und sich die Kosten von Rohstoffen und Zukaufteilen auf dem Markt erhöhen. Dank guter Beziehungen zu unseren Lieferanten, die wir auch im konjunkturschwachen letzten Jahr gepflegt haben, konnten Einkauf und Geschäftsführung gemeinsam Lösungen erzielen. Daher kann ich sagen: Igus liefert zurzeit ohne größere Einschränkungen mit geringfügig längeren Lieferzeiten direkt ab Lager.

Zudem haben wir unsere Lagerkapazitäten deutlich erhöht und schon im letzten Jahr damit begonnen, die Lagerbestände aufzustocken. Da wir unsere Produkte ausschließlich hier in Köln entwickeln, testen und produzieren, sind unsere Lieferketten kurz, und wir können sehr flexibel auf die Nachfrage reagieren. Zudem haben wir für Rohstoffe die Einkaufmengen erhöht und auch hierfür die Lagerkapazitäten erweitert.

Eine Prognose für das ersten Halbjahr 2022 ist aufgrund der vielen Unsicherheiten schwierig. Wir können uns einen weiteren Nachfrage-Boom im neuen Jahr vorstellen. Denn aktuell befindet sich vieles im Wandel – wie wir uns fortbewegen, wie wir arbeiten oder wie wir konsumieren. An diesen Veränderungen können wir partizipieren. Aber auch das Gegenteil ist derzeit denkbar. Die Konjunktur könnte sich nächstes Jahr abschwächen. Wir gehen davon aus, dass Unternehmen ihre Bedarfsmengen erhöht haben. Dann wären die Lager erst einmal voll und die Nachfrage eher verhalten. Der Gründer von Igus, Günter Blase, hat einmal gesagt: „Wir müssen uns immer auf minus 50 Prozent und plus 50 Prozent einstellen.“ Und ich denke, diese Sicht ist heute aktueller denn je.

Bosch Rexroth: „Schwieriger Winter absehbar“

Auch Reinhard Schäfer, Mitglied des Vorstands und verantwortlich für die Fertigung und das Qualitätsmanagement von Bosch Rexroth, stellt sich auf Unwägbarkeiten hinsichtlich Materialversorgung und Pandemielage ein:

Reinhard Schäfer, Mitglied des Vorstands und verantwortlich für die Fertigung und das Qualitätsmanagement von Bosch Rexroth
Reinhard Schäfer, Mitglied des Vorstands und verantwortlich für die Fertigung und das Qualitätsmanagement von Bosch Rexroth
(Bild: Bosch Rexroth AG / Jan Potente)

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung.

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Wir haben im Moment einen sehr guten Auftragseingang. Unsere Werke werden in den kommenden Monaten ausgelastet sein. Kurzarbeit war in den letzten Monaten kein Thema für uns. Im Hinblick auf die Produktion wird es bis mindestens Mitte 2022 eine der größten Herausforderungen sein, unsere Lieferkette konstant aufrechtzuerhalten – egal, ob es um Halbleiter, Kunststoffe oder andere Rohstoffe und Zukaufteile geht. Bisher läuft unsere Produktion trotz der schwierigen globalen Versorgungssituation. Eine enge Zusammenarbeit mit Kunden und Lieferanten und ein schneller Informationsaustausch sind Voraussetzungen, um Auswirkungen der angespannten Versorgung zu minimieren. Wir werden für unsere Kunden alles daransetzen, die Materialversorgung unserer Werke weiter aufrechtzuerhalten. Klar ist: Lieferfähigkeit ist der Schlüssel für den Erfolg im nächsten Jahr.

Angesichts der zunehmend verschärften pandemischen Lage in Deutschland und einem absehbar schwierigen Winter nimmt Bosch Rexroth bis auf Weiteres nicht als Aussteller an Messen hierzulande teil. Stattdessen bieten wir Möglichkeiten zum direkten Austausch in unserem neuen Kunden- und Innovationszentrum CU.BE in Ulm. Dort zeigen wir unseren Kunden unter Einhaltung der gegebenen Covid-Schutzmaßnahmen individuelle Lösungen in der Modellfabrik, den Ausstellungsbereichen im Gebäude und auf der Freifläche.

Darüber hinaus informiert Bosch Rexroth Kunden und Interessenten weiterhin digital über Neuheiten und technische Entwicklungen – multimedial und interaktiv. Wir bieten auch persönliche Gespräche mit Terminvereinbarung an, ebenfalls in kleinem Rahmen unter Einhaltung der geltenden Bestimmungen zum Infektionsschutz.

Weidmüller: „Normalität eher im zweiten Halbjahr oder 2023“

Timo Berger, Vertriebsvorstand Weidmüller Gruppe Detmold, gibt Einblicke in die Rohstoff- und Bauteilebeschaffung und einen Ausblick fürs kommende Jahr:

Dr. Timo Berger, Vertriebsvorstand Weidmüller Gruppe Detmold
Dr. Timo Berger, Vertriebsvorstand Weidmüller Gruppe Detmold
(Bild: Weidmüller)

Tatsächlich sind einige Materialien sehr knapp. Dies trifft uns vor allem im Bereich der Rohstoffe wie spezieller Kunststoffe und Additive. Das erfordert sehr flexibles Handeln in der Produktion. So steht beispielsweise nicht immer die benötigte Menge an Granulaten zur Verfügung. Dazu kommen erhöhte Lieferzeiten. Wir verzeichnen eine extreme Knappheit an Containern und Luftfrachtkapazitäten. Das ist nicht ganz allein der Covid-Situation geschuldet. Da reicht es auch schon, wenn ein Frachtschiff den Suezkanal blockiert.

Auch Mikrochips und elektronische Bauelemente sind derzeit schwer zu beschaffen. Das trifft uns genauso wie die großen Konzerne. Durch unsere langjährigen und vor allem vertrauensvollen Lieferantenbeziehungen sehen wir uns hier jedoch im Vergleich gut aufgestellt. Unser Fokus liegt auf bestehenden Kunden- und Lieferbeziehungen. Dafür lehnen wir auch je nach Situation schon mal das ein oder andere Neugeschäft ab. Wo immer möglich und die Materialsituation es zulässt, gewinnen wir aber auch neue Kunden hinzu.

Unser Ansatz ist, transparent und eng mit unseren Kunden zu kommunizieren. Und wir orientieren uns bei Engpässen an Vorjahres- und Planmengen, sofern letztere frühzeitig mitgeteilt wurden. Auf der Beschaffungsseite stellen wir uns noch breiter auf.

Die Situation wird besser, aber Normalität wird sich insbesondere auch im Bereich der elektronischen Komponenten eher im zweiten Halbjahr oder 2023 einstellen. Dann werden anstatt Lieferengpässen wieder Themen wie IIoT, Digitalisierung und Vernetzung in den Fokus des Maschinen- und Anlagenbaus rücken. Wir von Weidmüller stehen unseren Kunden bei diesen Herausforderungen als verlässlicher Partner zur Seite.

Beckhoff Automation: „Mussten Aufträge von Neukunden ablehnen“

Hans Beckhoff, Geschäftsführender Inhaber, Beckhoff Automation, blickt optimistisch in die Zukunft:

Hans Beckhoff, Geschäftsführender Inhaber von Beckhoff Automation
Hans Beckhoff, Geschäftsführender Inhaber von Beckhoff Automation
(Bild: © Beckhoff Automation)

Die Auftragslage sieht sehr gut aus. Wir sind im Jahr 2021 um mehr als 25 Prozent gewachsen und erwarten hier auch für 2022 ein zweistelliges Wachstum. Wir könnten noch schneller wachsen, wenn es eine unendlich gute Materialversorgung gäbe. Aber das entspricht nicht der Realität. So mussten wir aufgrund der Lieferengpässe und Materialknappheit Aufträge von Neukunden ablehnen.

Wir haben langfristige und gute Beziehungen zu unseren Kunden und meistern die Situation gemeinsam. Die Situation für das erste Halbjahr 2022 schätzen wir so positiv ein, wie das zweite Halbjahr 2021.

ZCC Cutting Tools Europe: „Auf Luftfracht umgestiegen“

Martin Sprung, Manager Marketing & Business Development ZCC Cutting Tools Europe, erklärt, warum das Unternehmen von den aktuellen Engpässen verschont geblieben ist:

Martin Sprung, Manager Marketing & Business Development ZCC Cutting Tools Europe
Martin Sprung, Manager Marketing & Business Development ZCC Cutting Tools Europe
(Bild: ZCC Cutting Tools Europe)

Für ZCC Cutting Tools Europe lief das Jahr 2021 unter den gegebenen Bedingungen gut. Wie viele andere haben wir letztes Jahr pandemiebedingt Rückgänge verzeichnet. Doch die Zahlen für 2021 zeigen, dass wir das Ergebnis von 2019 übertreffen werden. Darauf sind wir stolz.

Die aktuellen Lieferengpässe spüren wir nicht. Denn als Teil der Zhuzhou Cemented Carbide Group, die Hartmetall-Produkte und Hartmetall-Pulver herstellt, liegt die komplette Wertschöpfungskette in unserer Hand. Davon profitieren wir gerade sehr. Einige wenige Materialengpässe konnten wir dank unserer Lagerkapazitäten in Düsseldorf ausgleichen. Aber wir haben auch die Logistik im Blick und sehen, dass aktuell zu wenige Container und zu wenige Schiffe in Einsatz sind. Um die Versorgungssicherheit auch in Zukunft gewährleisten zu können, sind wir auf Luftfracht umgestiegen.

Wir schauen optimistisch in die Zukunft und gehen davon aus, dass sich die Lage im Laufe des Jahres stabilisieren wird. Auf die Herausforderungen in der Logistik und mit den Lieferengpässen wird sich die Industrie gut einstellen. Unsicherheit wird auch weiterhin von den pandemiebedingten Entwicklungen ausgehen. Etwa wenn ein weiterer Lockdown droht. Wir stellen uns vorausschauend auf die verschiedenen Szenarien ein und streben für 2022 ein signifikantes Wachstum an.

(ID:47914609)