Interview „Wir brauchen mehr Querdenker!“

Redakteur: M. A. Benedikt Hofmann

Der MM sprach mit dem renommierten Bildungsforscher Prof. Dr. Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance

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Der Bildungsforscher Prof. Dr. Klaus Hurrelmann ist an der Hertie School of Governance in Berlin tätig.
Der Bildungsforscher Prof. Dr. Klaus Hurrelmann ist an der Hertie School of Governance in Berlin tätig.
(Bild: Hertie School of Governance)

Herr Hurrelmann, kann jeder Mensch gute Ideen haben?

Hurrelmann: Alle Menschen haben ein Kreativitätspotenzial. Es ist unterschiedlich groß: Es gibt die ganz Vorsichtigen, die sich wenig trauen, Neuland zu beschreiten. Am anderen Ende des Spektrums stehen jene, die neugierig sind und Grenzen verschieben. Die Naturells sind unterschiedlich.

Und wo steht das deutsche Bildungssystem?

Leider vor allem in der Mitte. Eigentlich muss man Schule daran messen, wie sie mit diesen unterschiedlichen Naturells umgeht: Erstickt sie Kreativität? Ermuntert sie die Bewahrer? Oder fördert sie Neugierde und Engagement?

Und was tun unsere Schulen und Hochschulen Ihrer Meinung nach?

Viel für die Mitte, viel zu wenig für die Ränder. In allen PISA-Studien schneiden wir in Deutschland deshalb auch nur im Mittelfeld ab. Doch es gibt Länder, die holen viel mehr aus den unterschiedlichen Talenten raus.

Wie machen die Erfolgreichen Bildungssysteme das?

Sie arbeiten in Laboren, in Projekten, mit Experimenten, gemischten Gruppen, weniger mit Frontalunterricht – und damit kitzeln diese Bildungssysteme mehr raus, als wir das mit unserem konservativen System tun. Unser Bildungssystem erstickt nicht die Talente – aber es fördert sie auch nicht ausreichend.

Wo liegt das Grundproblem?

Bei uns ist die Spitze nicht so gut wie in den anderen Ländern. Und die Schwächsten sind schwächer als die in anderen Ländern. Unser Bildungssystem spricht die Mitte an, nicht die Ränder. Das ist das Problem des Klassenverbandes. Alle in der zweiten Klasse mögen acht Jahre alt sein. In Wirklichkeit aber spreizen sich ihre Fähigkeiten weit auseinander. Von den 25 Kindern werden dementsprechend die 16 Kinder der Mitte angesprochen – aber die Starken und die Schwachen an den Rändern werden nicht genügend gefördert.

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Zur Person
Klaus Hurrelmann

Klaus Hurrelmann wurde 1944 in Gdingen, dem heutigen polnischen Gdynia, geboren. Er studierte Soziologie, Psychologie und Pädagogik an den Universitäten Freiburg, Berkeley (USA) und Münster. 1975 habilitierte er mit der Arbeit „Erziehungssystem und Gesellschaft“ und war von 1975 bis 1979 Professor für Bildungsforschung an der Universität Essen. Von 1980 bis 2009 war er als Professor an der Universität Bielefeld unter anderem Inhaber des Lehrstuhls für Sozialisationsforschung an der Fakultät für Pädagogik und Gründungsdekan an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften. Zu seinen zahlreichen Forschungsprojekten zählt die wissenschaftliche Leitung der Shell-Jugendstudien 2002, 2006 und 2010. Seit 2007 leitet Prof. Hurrelmann das von ihm mit begründete Institut für Gesundheits- und Bildungsforschung (Inge) mit Sitz in Berlin. Nach seiner Emeritierung übernahm er 2009 eine Position als Senior Professor an der Hertie School of Governance in Berlin.

Was müssten die Pädagogen dafür tun?

Sie müssten viel mehr nach Anzeichen für Kreativität Ausschau halten. Die Lehrerin in der Gesamtschule sollte das ebenso erkennen können wie in der Grundschule oder gymnasialen Oberstufe. Bei Lehrern könnte trainiert werden, die unterschiedlichen Potenziale von Schülern zu erkennen und Querdenker zu identifizieren.

Was könnten Anzeichen für solche Potenziale sein?

Lehrer könnten darauf achten, ob da ein Kind ist, das vieles infrage stellt, das selbstständig alternative Rechenwege versucht, das selbst viel macht und ausprobiert, das in Aufsätzen eigenwillige Perspektiven und spannende Formulierungen wählt, das eine Geschichte schreibt, die voller Überraschungen steckt: Es gibt viele Identifikationspunkte, die zeigen: Oh, hier habe ich es mit einem Kind zu tun, das viele ungewöhnliche Dinge macht!

Wie können Schule und Hochschule solche Talente fördern?

Man sollte diese Talente pflegen und hegen. Was kann eine Lehrerin dabei tun?

Im Grunde braucht jedes Kind in der Klasse ein individuelles Angebot. Klar: Das ist eine ungeheure Herausforderung in einer Klasse von 28 Kindern. Deswegen gehöre ich zu denen, die in der Schule viele gute Angebote zur Verfügung stellen würden, auch mehr Lehrkräfte, um diese unterschiedlichen Talente besser zu erkennen und zu fördern. Die Lehrkraft sollte erkennen können: Wo sind Lücken? Wo sind Stärken? Dann könnte sie die drei auffällig kreativen Kinder herausgreifen. Die könnten dann eine Extraaufgabe erhalten, zum Beispiel im Deutsch­unterricht ein Theaterstück vorbereiten. Sie könnten ein Team bilden, eine knackige Aufgabe stellen, die herausfordernd ist, und die Lehrkraft coacht sie dabei. Sie beobachtet ob die Kinder das lösen können.

Ein anderes Beispiel?

Ein Schüler ist in Mathematik auffällig. Auch hier könnte eine gezielte Aufgabe gegeben und in ein Lernteam eingebaut werden. Also: Aufgaben suchen, die die Kinder individuell ansprechen und fordern, Talente in eine Struktur bringen, aber auch so leiten, dass am Ende etwas Produktives herauskommt, also etwas, was zu einem Endprodukt führt. So könnte die Lehrerin einerseits die Talente fördern, zweitens diese Talente nutzbar machen und drittens die anderen Kinder in der Gruppe mit Kreativität anstecken.

Das bedeutet für die Bildungspraxis?

Raus aus dem immer nur die Mitte ansprechenden Frontalunterricht. Lieber hin zu kleinen Gruppen im zudem digital machbaren Unterricht, der mehr Individualisierung für die Schüler zulässt: In diese Richtung muss das gehen. Und das gilt auch für die Hochschulen, die Talente früh identifizieren sollten, die Guten rasch fördern, ihnen Chancen geben, sich rasch zu entfalten, um nicht die ganze Zeit im gleichen Sattel zu sitzen wie die Schwachen oder Mittelbegabten. Das geht vor allem durch Freiräume, Labore, variierte Lern- und Unterrichtsverfahren und Methoden – und nicht nur Frontalunterricht.

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