Fertigungsindustrie Die Künstliche Intelligenz steht für den Einsatz bereit

Wo lässt sich KI schon heute sinnvoll in den Industrieunternehmen einsetzen? Antworten darauf gibt der KI-Experte Dr. Tim Walleyo, Geschäftsführer der Unternehmensberatung PTA.

Firmen zum Thema

Dr. Tim Walleyo ist Experte für Künstliche Intelligenz und Geschäftsführer bei PTA. Er sagt: „KI wird sich schneller durchsetzen, als Smartphones es geschafft haben.“
Dr. Tim Walleyo ist Experte für Künstliche Intelligenz und Geschäftsführer bei PTA. Er sagt: „KI wird sich schneller durchsetzen, als Smartphones es geschafft haben.“
(Bild: PTA)

Künstliche Intelligenz (KI/AI) wird über- und gleichzeitig unterschätzt. Überschätzt wird die „Intelligenz“ der Systeme, die noch meilenweit entfernt ist von der menschlichen. Unterschätzt werden die Auswirkungen klug eingesetzter KI-Algorithmen und die Geschwindigkeit, mit der KI-Prozesse, Kundenbeziehungen und die gesamten Unternehmen verändern werden.

Herr Dr. Walleyo, wo ist der Einsatz von KI jetzt schon zu empfehlen?

Der Einsatz von KI-basierten Technologien und Algorithmen ist überall dort empfehlenswert, wo es um Routinetätigkeiten geht. Im produzierenden Gewerbe wäre beispielsweise das Thema systematische Fehlererkennung ein Bereich, der hohen Mehrwert verspricht. Denn durch Künstliche Intelligenz lassen sich zeitaufwändige manuelle Serviceprozesse automatisieren und dadurch effizienter gestalten. Der KI-Algorithmus sorgt dafür, dass für die Maschinenwartung erforderliche Dokumente, Informationen und Protokolle, die über verschiedene Systeme verteilt vorliegen, sehr schnell und zuverlässig ausgewertet werden können. So lassen sich Fehlerbilder exakt identifizieren, Wartungsvorgänge unverzüglich einleiten und die Servicetechniker damit erheblich entlasten.

Wo sollte man noch etwas warten?

Im Grunde sollten Unternehmen in all jenen Bereichen Vorsicht walten lassen, in denen Aufwand und Nutzen nicht zusammenpassen. Insbesondere im mittelständisch geprägten Produktionsumfeld sind die Unternehmensverantwortlichen gut beraten, mit Augenmaß vorzugehen und sich ein detailliertes Bild darüber zu verschaffen, an welchen Stellen ein allzu komplexes KI-Projekt eine Organisation schlicht überfordern würde. Hier liefern vortrainierte Systeme wertvolle Vorteile, welche führende Plattformanbieter wie Microsoft, SAP oder auch Salesforce längst anbieten. Alle liefern eine „KI-Speisekarte“, mittels derer sich klar umrissene Aufgabenstellungen einsehen und die dazugehörigen KI-Services einfach zusammenstellen und abrufen lassen. Dazu ist kein hohes Expertenwissen oder technische Kompetenz für die Modellierung eigener Algorithmen notwendig. Und das Einsatzspektrum ist mittlerweile erfreulich groß, ganz gleich ob es um Spracherkennung, optische Erkennung oder einen Ähnlichkeitsabgleich geht.

Wann ist mit ersten Anwendungen in Sicherheitseinrichtungen zu rechnen?

Diese Frage lässt sich Stand heute nicht abschließend beantworten, da KI-basierte Technologien immer noch systematische Fehlerbilder auslösen, die bis dato nicht gänzlich rückverfolgbar und nicht auch erklärbar sind. Je nach Sicherheitseinrichtung müssen die Verantwortlichen eine detaillierte Risikoeinschätzung durchführen, ob ein KI-Einsatz in solchen Arbeitsbereichen überhaupt vertretbar ist.

Schon Ende des vergangenen Jahrhunderts gab es KI-Ansätze. Worin besteht der Unterschied zu heute?

Zugegeben, es hat bereits in den 60er- und 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts KI-euphorische Zeiten gegeben. Die langen Phasen dazwischen nennen Analysten heute den KI-Winterschlaf. In den euphorischen Phasen der Vergangenheit wurden ähnliche KI-Träume und -Albträume gesponnen wie heute. Terminator und HAL aus Kubricks Filmepos „Odyssee im Weltraum“ lassen grüßen. Der große Unterschied zu heute besteht darin, dass wir jetzt die nötige Technologie haben und mit Cloud-Technik und serverless Computing eine sehr flexible Infrastruktur, welche die außerordentlich CPU- und speicherhungrigen KI-Applikationen beherbergen können. Und allem voran haben wir die Daten beziehungsweise können diese heute leicht erhalten, die KI braucht, um zu lernen und Muster zu erkennen, die uns häufig verborgen bleiben.

Was treibt die Entwicklung voran?

Die drei Elemente Gelegenheit, also CPU und Cloud, sowie Bedarf, dazu gehören Digitalisierung und Komplexität, und das Motiv, also die Produktivitätssteigerung, werden dafür sorgen, dass es keinen KI-Winterschlaf mehr geben wird. Im Gegenteil: Die Weiterentwicklung und Adaption von KI wird rasanter verlaufen als der Siegeszug des Smartphones. Das wird nicht mit einem Big Bang geschehen. Vielmehr werden sich die KI-Algorithmen und -Applikationen zügig in digitalen Services und Anwendungssoftware wiederfinden. Deshalb sollten sich Anwenderunternehmen heute auf diese bereits angelaufene Entwicklung vorbereiten. Sonst werden sie in drei bis fünf Jahren sehr gute Geschäftsmöglichkeiten nicht realisieren können.

Warum ist denn die KI so wichtig für die Unternehmen?

Es gilt, Erfahrungen zu sammeln und KI ist keine 1-Aufgaben-Technologie. Sie ist nicht wie Buchhaltungssoftware, mit deren Hilfe Finanzabteilungen in Unternehmen Ein- und Ausgaben verwalten. KI spielt bereits jetzt und wird beim Bearbeiten sehr vielfältiger Aufgaben auch künftig eine immer wichtigere Rolle spielen. Sie wird überall dort eingesetzt, wo es darum geht, auf Basis von Daten und ihren Mustern zu entscheiden. Das ist öfter der Fall, als viele gemeinhin denken. So basiert die Gesichtserkennung auf dem Vergleich von Datenbezugspunkten, genau wie Sprachverständnis und Sprachverarbeitung. Ebenso Beispiele im Bereich vorausschauender Wartung, wo sich strapazierte Bauteile anhand von Vergleichsdaten kurz vor einem Defekt austauschen lassen. All diese Szenarien werden inzwischen mit KI-Algorithmen optimiert.

Also heißt es jetzt loslegen, ohne zu zögern?

Das Argument, lieber in Ruhe abzuwarten, bis die Technologie die notwendige Reife für den Unternehmenseinsatz aufweist, sticht bei KI jedenfalls nicht. Das hat zahlreiche gute Gründe.

Welche sind das?

Nun, die zunehmende Komplexität in Produktion, Prozessen und Entscheidungsparametern bringt die bisherige IT oft an ihre Grenzen. Die meisten Prozesse sind in mittleren und großen Unternehmen IT-gestützt, Tendenz steigend. Gleichzeitig kommen immer öfter digital erweiterte Produkte und Services auf den Markt. Zudem wird die Welt zunehmend von schnellen Veränderungen, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit geprägt. Mit diesem Nix-is-fix-Modell kommt klassische IT nicht gut zurecht. Sie reagiert zu langsam, zudem fehlt Fachpersonal. In Sachen Schnelligkeit helfen Standardisierung und Automatisierung. Beide Vorgehensweisen machen klassische IT-Landschaften allerdings auch enorm unflexibel.

Welchen Rat haben Sie für unsere Leser?

Bauen Sie Ihre KI-Fähigkeiten zügig aus, denn die Anwendungs­szenarien von KI sind mannigfaltig, das Wachstumspotenzial neuer Technologien riesig. Zumal diese einen entscheidenden Beitrag dafür leisten, das exponentiell ansteigende Datenwachstum weiterhin zu überblicken und zu beherrschen.Eines ist sicher: KI wird sich schneller durchsetzen, als Smartphones es geschafft haben.

Das Interview führte MM-Redakteur Reinhold Schäfer

(ID:46995431)

Über den Autor

Dipl.-Ing. (FH) Reinhold Schäfer

Dipl.-Ing. (FH) Reinhold Schäfer

Redakteur, MM MaschinenMarkt