Suchen

Porträt Durch die Mauer: Yeager war schneller als der Schall

| Autor / Redakteur: Jonas Keck / Simone Käfer

Vor siebzig Jahren durchbrach das erste Flugzeug die Schallmauer. Der waghalsige Pilot Chuck Yeager gilt in den USA seither als Nationalheld. Angeblich leistete ein Besenstiel einen wesentlichen Beitrag dazu.

Firmen zum Thema

Heutzutage ist ein Überschallflug in einigen Kreisen eher normal. So wie bei diesem US-Militärflug mit einem Jagdbomber F/A-18 Hornet.
Heutzutage ist ein Überschallflug in einigen Kreisen eher normal. So wie bei diesem US-Militärflug mit einem Jagdbomber F/A-18 Hornet.
(Bild: gemeinfrei (Ensign John Gay, U.S. Navy/wikipedia commons) / CC0 )

Charles „Chuck” Yeagers Leben wird gerne als Heldengeschichte erzählt. Als amerikanischer Kampfpilot im Zweiten Weltkrieg holte er ein Dutzend Flieger vom deutschen Himmel. Wurde selbst getroffen, überlebte den Absturz und kam in Gefangenschaft. Doch mithilfe der französischen Résistance gelang ihm die Flucht. Nach dem Krieg wurde das Fliegerass mit Orden und Auszeichnungen überhäuft – darunter auch mit dem Silberstern für „auffallenden Heldenmut“. Vielleicht hätte das genügt, um zur amerikanischen Legende zu werden. Doch erst nach dem Krieg unternahm Yeager eine Mission, die ihm seinen Platz in den Geschichtsbüchern endgültig sichern sollte. Das Ziel dieser Mission waren keine gegnerischen Flugzeuge. Yeagers Auftrag: Er sollte als erster Mensch die Schallmauer durchbrechen.

„Der Pilot mit der meisten Erfahrung ist der beste. Und wenn er diese Erfahrung im Krieg gesammelt hat, muss er offensichtlich verdammt gut sein. Andernfalls wäre er tot“, sagte Yeager im Alter von 89 Jahren im Interview gegenüber der „Huntington Quarterly“. Offenbar hielt die US Air Force den damals 24-Jährigen für den Besten. Jedenfalls sollte er den Rekordflug unternehmen.

Mit Raketenantrieb zwischen Himmel und Erde

Der junge Pilot gab dem Versuchsflugzeug in Anlehnung an seine Ehefrau Glennis den Spitznamen „Glamorous Glennis“. Offiziell hieß das Raketenflugzeug mit einer Spannweite von rund 9 m „Bell X-1“. Ihr Rumpf glich der Patrone eines Maschinengewehrs. Ein Geschoss, schneller als der Schall. In den vier Brennkammern des Raketentriebwerks „XLR-11“ sorgte ein Gemisch aus flüssigem Sauerstoff und Alkohol für einen maximalen Schub von 27 kN. Der Vortrieb konnte nur durch das Ein- und Ausschalten einzelner Brennkammern reguliert werden.

„Glamorous Glennis“ war knallorange – oder besser: „International Orange“. So nannte man den Farbton in der Fachsprache. Er wurde speziell dafür entwickelt, sich sowohl vom Himmel als auch von der Erde möglichst gut abzuheben. Denn irgendwo dazwischen sollte in wenigen Minuten Chuck Yeager einen neuen Geschwindigkeitsrekord aufstellen. Irgendwo dazwischen sollten die Instrumente an Bord eine „Machzahl“ größer als eins messen. Die Machzahl gibt das Verhältnis der Fluggeschwindigkeit zur Schallgeschwindigkeit in der Umgebungsluft an. Je kälter die Luft und je größer die Flughöhe, desto niedriger ist die Schallgeschwindigkeit.

Erstmals schneller als der Schall

Es ist der Morgen des 14. Oktober 1947. Auf einem ausgetrockneten Salzsee im Süden Kaliforniens rollt eine „Boeing B-29 Superfortress“ auf die Startbahn. Das Trägerflugzeug bringt „Glamorous Glennis“ auf eine Flughöhe von über 7000 m, wie aus einem Flugbericht der US Air Force hervorgeht. Dann klinkt sich Yeager aus. Er zündet zwei Brennkammern des Raketenantriebs, beschleunigt und gewinnt an Höhe. Knapp 13.000 m über dem Boden zeigt der Machmeter 0,98. Zu wenig. Yeager zündet die dritte Brennkammer und der Zeiger springt auf Mach 1,05. Er hat es geschafft. Die Crew unter ihm hört den Überschallknall – Yeager nicht. Denn er fliegt als erster Mensch überhaupt schneller als der Schall. Was in dieser Flughöhe einer Geschwindigkeit von 1080 km/h entspricht.

Nur 14 min nach dem Ausklinken landete Yeager sicher im Bett des Salzsees. Was erwartete den Pionier des Überschallflugs bei seiner Ankunft? Wer feierte seinen Heldenmut? Niemand. Weder Schaulustige noch Journalisten oder Fotografen. Denn der Flug unterlag der strengen Geheimhaltung des US-Militärs. Erst im Juni 1948 erfuhr die Öffentlichkeit von diesem Meilenstein der Luftfahrtgeschichte.

Wie ein Besenstiel den Rekordflug rettete

Und weil jede Heldengeschichte mindestens eine unglaubliche Anekdote benötigt, weiß Yeager in seiner Autobiografie auch damit aufzuwarten. Zwei Tage vor dem Rekordflug soll sich Yeager bei einem Reitunfall mehrere Rippen gebrochen haben. Er befürchtete, nicht zum Flug zugelassen zu werden, wenn er seine Verletzung offiziell machen würde. Daher vertraute er sich nur seinem Fliegerkollegen Jack Ridley an. Gemeinsam testeten sie, ob Yeager trotzdem im Cockpit Platz nehmen könnte. Es gelang ihm, die Steuerung ohne größere Schmerzen zu bedienen. Doch er konnte die Luke des Cockpits nicht eigenständig schließen. Kurzerhand soll Ridley einen Besenstiel abgesägt haben, um den Hebel der Tür zu verlängern. Das Problem war gelöst, der Rekordflug gerettet.

Heute lebt der 94-Jährige im Norden Kaliforniens. „Ich hatte immer Angst vor dem Sterben. Immer. Es war meine Angst, die mich dazu antrieb, alles über mein Flugzeug und meine Notausrüstung zu lernen, respektvoll mit meiner Maschine umzugehen und im Cockpit aufmerksam zu sein“, sagt Yeager rückblickend. Eine Aussage, die nur schwer mir der Besenstiel-Anekdote in Einklang zu bringen ist. Dem Status als Nationalheld tat sie jedoch keinen Abbruch.

Unbestritten ist hingegen der Treppenwitz der Geschichte, dass auf den Tag genau 65 Jahre nach Yeagers Rekordflug die Grenzen des Schalls erneut auf spektakuläre Weise überwunden wurden. Am 14. Oktober 2012 stürzte sich Felix Baumgartner aus über 36.000 m in die Tiefe und durchbrach die Schallmauer im freien Fall. Ein Zufall, denn zuvor wurde der Sprung zwei Mal wetterbedingt verschoben. Der 14. Oktober scheint ein guter Tag zum Fliegen zu sein. Und ein guter Tag, um Geschichte zu schreiben.

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de (ID: 44787514)