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Elektrische Ausrüstung Elektrische Betriebsmittel richtlinienkonform herstellen

| Autor / Redakteur: Hauke Abbas / Dipl.-Ing. (FH) Reinhold Schäfer

Elektrische Betriebsmittel dürfen nur dann verkauft werden, wenn sie richtlinienkonform produziert worden sind. Was dazu alles beachtet werden muss und wie wichtig die Funkanlagenrichtlinie ist, zeigt dieser Beitrag.

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Bild 1: Am Beginn des Prozesses zur CE-Kennzeichnung steht die Auswahl der relevanten Richtlinien. Sie bildet außerdem die Grundlage für die anschließende Festlegung der anzuwendenden Normen.
Bild 1: Am Beginn des Prozesses zur CE-Kennzeichnung steht die Auswahl der relevanten Richtlinien. Sie bildet außerdem die Grundlage für die anschließende Festlegung der anzuwendenden Normen.
(Bild: Phoenix Contact)

Auf einen Blick

  • Je nach Produkt und Anwendung müssen Niederspannungs-, EMV-, Atex- oder RoHS-Richtlinie für elektrische Betriebsmittel beachtet werden.
  • Häufig fließt jedoch die Funkanlagenrichtlinie (2014/53/EU) nicht in die Betrachtungen ein.
  • Der Beitrag zeigt, wie alle Anforderungen in die Praxis umgesetzt werden können.

Das Aufbringen der Kennzeichnung, dass ein Produkt die CE-Richtlinien erfüllt, ist nur der letzte Schritt eines Prozesses, der die gesamte Fertigung des Produkts begleitet. Die Einhaltung der europäischen Richtlinien ist dabei keineswegs freiwillig, denn diese wurden im deutschen Recht in Gesetzesform umgesetzt.

Am Beginn des Prozesses zur CE-Kennzeichnung steht die Auswahl der relevanten Richtlinien. Sie bildet außerdem die Grundlage für die anschließende Festlegung der anzuwendenden Normen (Bild 1). Weil elektrische Betriebsmittel in den Geltungsbereich verschiedener Richtlinien fallen können, die teilweise gleichzeitig anzuwenden sind, sollte die Komplexität des Selektionsverfahrens nicht unterschätzt werden.

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Während es noch relativ eindeutig ist, in welchen Fällen die Niederspannungs-, EMV-​(elektromagnetische Verträglichkeit), Atex- oder RoHS-Richtlinie für elektrische Betriebsmittel zum Einsatz kommt, lässt sich der Zusammenhang in anderen Fällen vermeintlich schwieriger erkennen. Insbesondere die Funkanlagenrichtlinie (2014/53/EU) wird häufig vergessen. Nachfolgend werden deshalb die Anwendungsbereiche sowie wesentliche Anforderungen der Niederspannungs-, EMV- und Funkanlagenrichtlinie beleuchtet und aufgezeigt, wie dies in die Praxis umgesetzt werden kann (Bild 2).

Oftmals sind mehrere Richtlinien gültig

Die Niederspannungsrichtlinie hat einen klar definierten Geltungsbereich. In der Richtlinie sind elektrische Betriebsmittel mit einer Nenn­spannung von 50 bis 1000 VAC sowie 75 bis 1500 VDC erfasst. Die EMV-​Richtlinie beinhaltet hingegen Betriebsmittel, die elektromagnetische Störungen verursachen oder durch derartige Störun­gen beeinträchtigt werden können.

Ein Abgleich dieser Anwendungsbereiche mit realen Produkten verdeutlicht, dass für viele Betriebsmittel beide Richtlinien gültig sind. Das ist im Konzept der europäischen Richtlinien genauso vorgesehen; die wesentlichen Anforderungen ergänzen sich lediglich.

Die in der Niederspannungsrichtlinie aufgeführten wesentlichen Anforderungen dienen dem Schutz von Menschen, Haus- und Nutztieren sowie Sachgütern. Erörtert werden einerseits die Gefährdungen, die von den elektrischen Betriebsmitteln ausgehen. Auf der anderen Seite müssen Gefahren berücksichtigt werden, die durch äußere Einwirkungen auf die Betriebsmittel entstehen können. Die EMV-Richtlinie verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Sie beschäftigt sich ebenfalls mit dem Einfluss der Geräte auf ihre Umgebung sowie mit der Fragestellung, welche Effekte die Umgebung auf die einzelnen Geräte haben kann. Der Fokus liegt dabei auf elektromagnetischen Phänomenen. So dürfen Geräte, die den Ansprüchen der EMV-Richtlinie gerecht werden, keinen zu hohen elektromagnetischen Störpegel aussenden. Andererseits dürfen sie sich nicht von EMV-Phänomenen, die in der Einsatzumgebung auftreten können, unzulässig beeinflussen lassen. Typischerweise wird dabei zwischen einem industriellen und einem öffentlichen Anwendungsbereich unterschieden.

Zusammenbau von Funk- und Nichtfunkeinrichtung entscheidet

Im Sinne der Richtlinie 2014/53/EU handelt es sich bei einer Funkanlage um ein Erzeugnis, das zum Zweck der Funkkommunikation und/oder Funkortung Funkwellen ausstrahlt und/oder empfängt. Somit schließt die Richtlinie nicht nur klassische Funkprodukte wie Mobilfunkrouter ein, sondern auch GPS-​Emp­fänger, RFID-​Geräte, NFC-Devices (Near Field Communications) und ähnliches. Durch die Definition des „Combined Equipments“ wurde ferner dem Umstand Rechnung getragen, dass aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung immer mehr Produkte über eine Funkschnittstelle verfügen. Unter Combined Equipment ist der feste Zusammenbau einer Funkeinrichtung mit einer Nicht-​Funkeinrichtung zu verstehen. Als Beispiel sei die Ausstattung einer Schaltgerätekombination mit einem Mobil­funk­router angeführt. Als wesentlich erweist sich, dass ein Combined Equipment als Ganzes als Funkanlage betrachtet werden muss. Folglich ist die Konformität des Produkts auf der Grundlage der Funkanlagenrichtlinie zu bewerten (Bild 3).

Die Funkanlagenrichtlinie legt insgesamt drei Anforderungen fest, denen entsprochen werden muss. Die erste enthält die Ziele der Niederspannungs- und der EMV-Richtlinie. Die zweite konzentriert sich auf die effektive und effiziente Nutzung von Funkfrequenzen. Die dritte umfasst schließlich mehrere Unteranforderungen, die momentan noch nicht beachtet werden müssen. Ihnen kommt erst durch eine sogenannte delegierte Rechtsakte eine Verbindlichkeit zu.

Keine Konformität bei funktionellen Veränderungen

Weil elektrische Betriebsmittel häufig mit einer Funkeinrichtung kombiniert werden, stehen die Hersteller von Schaltschränken, Schaltgerätekombinationen und ähnlichem vor der Herausforderung, ihre Produkte zum Teil gemäß der Funkanlagenrichtlinie in Verkehr bringen zu müssen.

Die gute Nachricht ist, dass sich durch diesen Sachverhalt in der Praxis lediglich wenig für sie ändert. Bei der Konformitätsbewertung können sich die Hersteller eines Combined Equipments in der Regel auf die Konformität der installierten Funk­einrichtung be­rufen, sofern sie alle Vorgaben an deren Einbau und Betrieb einhalten. Sollte dies aus funktionellen Gründen nicht möglich sein, weil beispielsweise eine nicht vorgesehene Antenne montiert werden muss, sind messtechnische Untersuchungen erforderlich.

Die Voraussetzungen der Niederspannungs- und der EMV-​Richt­linie, die in die Anforderungen der Funkanlagenrichtlinie inkludiert sind, werden üblicherweise schon seit Längerem betrachtet. Dort muss der Hersteller seine täglichen Arbeiten also kaum anpassen, weil er weiterhin auf die bekannten harmonisierten Normen zurückgreifen kann. Als wichtig erweist sich jedoch, dass die Niederspannungs- und die EMV-​Richtlinie bei Funkanlagen nicht zusätzlich auf der Konformitätserklärung aufgeführt werden müssen. Des Weiteren sind einige Details bei der technischen Dokumentation zu berücksichtigen.

Enge Verzahnung mit den betrieblichen Abläufen

Aufgrund der Vielzahl an möglicherweise wichtigen Richtlinien sowie deren notwendiger paralleler Anwendung scheint die richtlinienkonforme Fertigung von elektrischen Betriebsmitteln für die Hersteller manchmal eine große Hürde zu sein. Bei einer engen Verzahnung mit den betrieblichen Abläufen lässt sich der CE-Prozess trotzdem effizient und nutzbringend umsetzen. Weil sich die gesetzlichen und normativen Vorgaben stetig weiterentwickeln, sollten sich die Hersteller regelmäßig mit der Thematik der CE-Konformität auseinandersetzen.

Umfassender Überblick der relevanten Richtlinien Vom individuellen Workshop bis zum mehrtägigen Expertenseminar bietet Phoenix Contact die jeweils passende Veranstaltung für die spezifischen Bedürfnisse seiner Kunden. Die von Produkt- und Branchenspezialisten durchgeführten Trainings zeichnen sich dabei durch ein aktuelles und flexibles Themenangebot sowie die praxis- und ortsnahe Umsetzung aus. Im Seminar „CE-Kennzeichnung von Schaltschränken“ vermitteln die Referenten beispielsweise einen umfassenden Überblick über die relevanten Richtlinien für elektrische Betriebsmittel und deren Anwendung. Außerdem gehen sie auf die gesetzlichen Zusammenhänge und Rahmenbedingungen ein. Das Grundlagenwissen wird durch eine Hilfestellung bei der richtigen Auswahl und praktikablen Realisierung ergänzt. Darauf aufbauend gehen die Kursleiter den Konformitätsprozess durch und erläutern die einzelnen Schritte. Abschließend werden die Anforderungen an technische Unterlagen sowie die unterschiedlichen Konformitätsbewertungsverfahren behandelt. Weitere Informationen zum Seminar finden Sie hier auf der Homepage von Phoenix Contact.

* Hauke Abbas B. Sc. ist Experte für elektrische Sicherheit im Competence Center Services bei der Phoenix Contact Deutschland GmbH in 32825 Blomberg

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