Fortschritt oder Risiko

Redakteur: MM

Elektronische Systeme verdrängen zunehmend die konventionelle Transfertechnik bei Pressen. Die klassische mechanische Transfertechnik, über Jahrzehnte bis zur Perfektion weiterentwickelt, kommt...

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Elektronische Systeme verdrängen zunehmend die konventionelle Transfertechnik bei PressenDie klassische mechanische Transfertechnik, über Jahrzehnte bis zur Perfektion weiterentwickelt, kommt zunehmend in Bedrängnis. Seit am Markt leistungsfähige Servoantriebe und stabile Steuerungen verfügbar sind, verdrängen elektronische Systeme zunehmend die bewährten Transferkurven. Die Gründe für diese Entwicklung sind eindeutig in der mangelnden Flexibilität und den hohen Produktionskosten mechanischer Systeme zu suchen. Schon ein flüchtiger Systemvergleich macht deutlich, dass sich die beiden Systeme vor allem im Antriebsbereich deutlich unterscheiden.Wo bei mechanischen Systemen ein Kurvengetriebe teilweise mit übermannshohen Kurvenscheiben dominiert, findet man bei elektronischen Transfersystemen zwei einfache Zahnsegmenthebel, mit denen die Transferschienen vor- und zurückgefahren werden.Alle anderen Transferbewegungen, also das Öffnen und Schließen und das Heben und Senken der Schienen, werden direkt an den Transferschienen in den so genannten Schließkästen erzeugt. Die typischen Schub- und Umlenkhebel mechanischer Transfertechnik sucht man dafür vergebens (Bilder 1 und 2).Diese aufwändige Kurven- und Hebelmechanik, deren Komplexität sich aus Bild 1 nur erahnen lässt, ga-rantiert einerseits eine außerordentlich hohe Funktionalität, erfordert andererseits aber einen Produktionsaufwand, der weit über dem der elektronischen Systeme liegt.Schon die Herstellung der Transferkurven erfordert neben jahrelanger Erfahrung eine spezielle Fertigungtechnik und kostenintensive Spezialmaschinen (Bilder 3 und 4).Der Technologiesprung in der Transfertechnik ist vor allem auf veränderte Produktionskriterien in der Karosseriefertigung zurückzuführen. Neben hohen Produktionsleistungen wird heute von modernen Transferpressen vor allem eine große Flexibilität erwartet, ein Kriterium, das von mechanischen Transfersystemen nicht zu erfüllen ist.Mechanische Transferpressen werden bekanntlich auf das komplexeste Teil des Produktionsspektrums ausgelegt, Kurvenprofil und Hebelverhältnisse darauf abgestimmt. Dieses System, das eine hohe Produktionssicherheit garantiert, hat den eklatanten Nachteil, dass alle Teile, auch die flachen Standardteile, im gleichen Produktionszyklus gefertigt werden.Häufige Produktwechsel brauchen flexible AnlagenDie Modellvielfalt und der häufige Modellwechsel im heutigen Automobilbau erfordern dagegen Produktionsanlagen, die flexibel auf die unterschiedlichen Anforderungen reagieren können. Mit der Entwicklung multifunktionaler Transferpressen für das gesamte Produktionsspektrum der Karosseriefertigung haben die Pressenbauer auf die Marktforderungen reagiert.Der technische Umbruch im Pressenbau fokussiert sich nicht nur auf die Greiferschienentechnik der Transferpressen. Zwischenzeitlich sind auch in der Großteilproduktion die elektonisch gesteuerten Handhabungssysteme auf dem Vormarsch.Schwingarmfeeder in Compakt-saugerpressen, oder Highflex-Crossbarsysteme in Pressenstraßen und Produktionszentren, wurden zwischenzeitlich zu hochflexiblen Produktionskonzepten weiterentwickelt.Die freie Gestaltungsmöglichkeit der Wegachsen erlaubt es erstmals, jedem Teil sein individuelles Produktionsprofil zuzuordnen. Damit wurde der Weg zur multifunktionalen Transfertechnik geebnet, die in ihrer Vielseitigkeit den heutigen Produktionsanforderungen in vollem Umfang gerecht wird.Wie sich mit moderner Technik ein handfester Produktions- und damit Kostenvorteil erzielen lässt, zeigt sich an der neuen Generation multifunktionaler Transferpressen, die von Müller Weingarten schon mehrfach an Automobilzulieferer ausgeliefert wurde (Bilder 5 und 6).Gerade im Marktsegment der Zulieferindustrie ist Flexibilität eine der Grundvoraussetzungen für den Produktionserfolg. Die multifunktionalen Transferpressen mit Greiferschienentechnik wurden speziell für die wechselnden Produktionsaufgaben der Zulieferindustrie entwickelt.Diese Anlagen sind so konzipiert, daß sie wahlweise im Greifer- oder Saugerbetrieb gefahren werden können. Damit ist es erstmals möglich, für jede Teilefamilie die optimale Transfertechnik zu wählen.Neben dem Einsatz als klassische 3-Achsen-Greifer-Transferpresse ist auch ein vollwertiger 2-Achsen-Saugerbetrieb möglich. Wie kreativ sich diese Möglichkeiten nutzen lassen, zeigt die nachfolgende Übersicht:- Greifertransfertechnik: Teilehandling durch Köcheraufnahmen oder Aktivgreifer, variabler Transferschnitt für unterschiedliche Werkzeugsätze.- Kurzsaugertechnik: Teilehandling durch kurze Saugerbalken, ausgelegt auf die Großteil- und Doppelteilefertigung. Durch übergroßen Öffnungshub kollisionsfreies Zurückfahren möglich.- Saugertechnik: Teilehandling durch geteilte Crossbar-Saugerbalken, ausgelegt auf Doppel- und Großteile. Saugerbalken werden vor dem Umformvorgang um 90 gedreht und in den Werkzeuglücken positioniert.Die elektronische Transfertechnik lässt sich auch mit einer anderen Fertigungstechnik vorteilhaft kombinieren. Zusammen mit einer Kurzbandanlage kann wahlweise im Folgeverbund- oder Transferbetrieb produziert werden, außerdem ist eine Kombination von Folgeverbund- und Transfertechnik möglich. Dank der frei programmierbaren Wegachsen sind durchaus noch andere Produktionsalternativen denkbar.Ein erfolgreiches System durch Innovationen ersetztDiese zweifelnde Fragestellung von Fortschritt oder Risiko stammt noch aus der Entwicklungsphase der elektronischen Transfertechnik und war damals durchaus berechtigt. Schließlich war man dabei, ein bewährtes, perfekt funktionierendes System aufzugeben, das durch seine mechanische Synchronisation von Stößel und Transfer über Jahrzehnte eine hohe Produktionssicherheit gewährleistete.Zwischenzeitlich hat der Markt diese Frage eindeutig zu Gunsten der Flexibilität entschieden. Das befürchtete Kollisionsrisiko durch Ausfall eines Servoantriebs hat sich in der Praxis nicht bestätigt, obwohl die Zwangsläufigkeit der Bewegung nicht gegeben ist. Die positiven Praxiserfahrungen mit elektronischen Transfersystemen führte dazu, dass inzwischen auch die Großteil-Transferpressen - und nicht zu vergessen die großen Kompaktsaugerpressen - mit dieser zukunftsorientierten Technik ausgerüstet werden.Die Entwicklung multifunktionaler Transfertechnik muss man als bedeutendste Innovation im Pressenbau bezeichnen. Auch wenn technische Risiken nie auszuschließen sind, steht nun den Pressenbetreibern ein fortschrittliches Produktionskonzept zur Verfügung, das eine individuelle Produktionsgestaltung ermöglicht.

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