Spur des Lebens Hat künstliche Intelligenz schon ein Bewusstsein? Ein Experte antwortet

Quelle: Ruhr-Universität Bochum 3 min Lesedauer

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Wäre es gut, wenn künstliche Intelligenzen ein Bewusstsein entwickeln? Eher nicht, meint Dr. Wanja Wiese vom Institut für Philosophie II der Ruhr-Universität Bochum (RUB).

Viele fragen sich, ob Systeme der künstlichen Intelligenz schon bewusst existieren. Doch es fällt schwer, das sicher zu erkennen oder auszuschließen. Nicht zuletzt stellen sich moralische Fragen, wenn KI ein Bewusstsein entwickeln sollte. Hier versucht ein Experte, den Nebel zu lichten ...(Bild:  fotomek - stock.adobe.com)
Viele fragen sich, ob Systeme der künstlichen Intelligenz schon bewusst existieren. Doch es fällt schwer, das sicher zu erkennen oder auszuschließen. Nicht zuletzt stellen sich moralische Fragen, wenn KI ein Bewusstsein entwickeln sollte. Hier versucht ein Experte, den Nebel zu lichten ...
(Bild: fotomek - stock.adobe.com)

Wenn man sich mit der Möglichkeit von Bewusstsein in künstlichen Systemen beschäftigt, gibt es mindestens zwei verschiedene Ansätze. Einer fragt danach, wie wahrscheinlich es ist, dass aktuelle KI-Systeme sich ihrer bewusst sind, und was bestehenden Systemen hinzugefügt werden muss, um es wahrscheinlicher zu machen, dass sie bewusstseinsfähig sind. Der zweite Ansatz fragt, welche Arten von KI-Systemen wahrscheinlich nicht bewusst existieren, und wie man ausschließen kann, dass bestimmte Arten von Systemen bewusstseinsfähig werden. Wiese verfolgt in seiner Forschung den zweiten Ansatz. So will er zu zwei Zielen beitragen! Zum einen soll das Risiko gemindert werden, versehentlich künstliches Bewusstsein zu schaffen. Das sei wünschenswert, weil derzeit nicht klar sei, unter welchen Bedingungen ein künstlich geschaffenes Bewusstseins moralisch zulässig sei. Zum anderen soll dieser Ansatz helfen, Täuschungen durch scheinbar bewusste KI-Systeme auszuschließen, die nur so wirken, als wären sie sich ihrer bewusst. Das sei besonders deswegen wichtig, weil es bereits Hinweise darauf gebe, dass viele Menschen, die oft mit Chatbots interagierten, diesen Systemen Bewusstsein zuschrieben. Zugleich besteht unter Expert ein Konsens, dass aktuelle KI-Systeme kein Bewusstsein besitzen, wie Wiese anmerkt.

Gedanken nach dem Prinzip der freien Energie

In seinem Aufsatz fragt Wiese deshalb, wie man herausfinden kann, ob es notwendige Bedingungen für Bewusstsein gibt, die zum Beispiel von klassischen Computern nicht erfüllt werden. Eine allgemeine Eigenschaft, die alle bewussten Tiere teilten, sei, dass sie eben lebendig sind. Lebendig zu sein, sei jedoch eine so starke Anforderung, dass viele sie nicht als plausiblen Kandidaten für eine notwendige Bedingung für Bewusstsein ansehen würden. Aber vielleicht sind einige Bedingungen, die notwendig sind, um lebendig zu sein, auch notwendig für Bewusstsein, fragt sich Wiese. Der Forscher aus Bochum bezieht sich in seinem Artikel deshalb auf das Prinzip der freien Energie des britischen Neurowissenschaftlers Karl Friston. Es zeigt, dass die Vorgänge, die für die fortwährende Existenz eines sich selbst organisierenden Systems (wie eines lebenden Organismus) sorgen, als eine Art von Informationsverarbeitung beschrieben werden können. Beim Menschen sind das unter anderem Vorgänge, die lebensnotwendige Werte wie Körpertemperatur, den Sauerstoffgehalt im Blut oder den Blutzucker regulieren. Die gleiche Art von Informationsverarbeitung könnte auch in einem Computer umgesetzt werden, heißt es weiter. Der Computer würde dadurch aber weder seine Temperatur oder die Blutzuckerwerte regulieren, sondern diese Vorgänge lediglich simulieren. Der Forscher schlägt deshalb vor, dass es sich mit dem Bewusstsein ähnlich verhalten könnte.

Das computationale Korrelat von Bewusstsein

Unter der Annahme, dass Bewusstsein einen Beitrag zum Überleben eines bewussten Organismus leistet, muss es aus Sicht des Prinzips der freien Energie in den physiologischen Vorgängen, die zum Erhalt des Organismus beitragen, eine Spur geben, die das bewusste Erleben hinterlässt. Diese Spur sollte sich dann als informationsverarbeitender Vorgang beschreiben lassen. Das kann man das „computationale Korrelat von Bewusstsein“ nennen. Auch dieses könne aber in einem Computer realisiert werden. Es kann jedoch sein, dass in einem Computer weitere Bedingungen erfüllt sein müssen, damit der Computer das bewusste Erleben nicht nur simuliert, sondern repliziert, stellt es sich Wiese vor. Er untersucht deshalb Unterschiede zwischen der Art, wie bewusste Lebewesen das computationale Korrelat von Bewusstsein realisieren, und der Art, wie ein Computer es in einer Simulation realisieren würde. Er argumentiert etwa, dass die meisten dieser Unterschiede nicht bewusstseinsrelevant sind. Zum Beispiel ist das menschliche Gehirn im Gegensatz zu einem elektronischen Computer, sehr energieeffizient. Es sei jedoch unplausibel, das als eine Voraussetzung für Bewusstsein zu sehen.

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