Interviewreihe „Hidden Champions“ „Wir mussten unseren Kunden mit minimalstem Aufwand zeigen, dass wir die Funktionen beherrschen“

Das Gespräch führte Melanie Krauß 6 min Lesedauer

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Heidelberger Druckmaschinen baut sich ein zweites Standbein im Verteidigungssektor auf. Geschäftsführer Michael Wellenzohn verrät im Interview, wie er den Einstieg in die Branche angegangen ist und was er bisher erreicht hat.

Michael Wellenzohn ist Geschäftsführer bei HD Advanced Technologies, einem Tochterunternehmen der Heidelberger Druckmaschinen AG. Die neu gegründete Gesellschaft soll gezielt Märkte in den Bereichen Sicherheit, Verteidigung, Energie, Ladeinfrastruktur und industrielle Systemlösungen erschließen. Heidelberg sieht den strategischen Mehrwert dabei unter anderem in seiner Fähigkeit, bestehende industrielle Infrastruktur, qualifizierte Fachkräfte und Fertigungskapazitäten kurzfristig hochzufahren.(Bild:  Heidelberger Druckmaschinen AG)
Michael Wellenzohn ist Geschäftsführer bei HD Advanced Technologies, einem Tochterunternehmen der Heidelberger Druckmaschinen AG. Die neu gegründete Gesellschaft soll gezielt Märkte in den Bereichen Sicherheit, Verteidigung, Energie, Ladeinfrastruktur und industrielle Systemlösungen erschließen. Heidelberg sieht den strategischen Mehrwert dabei unter anderem in seiner Fähigkeit, bestehende industrielle Infrastruktur, qualifizierte Fachkräfte und Fertigungskapazitäten kurzfristig hochzufahren.
(Bild: Heidelberger Druckmaschinen AG)

MM Maschinenmarkt: Herr Wellenzohn, was macht Ihrer Meinung nach einen Hidden Champion aus, und würden Sie Ihr Unternehmen in diese Kategorie einordnen?

Michael Wellenzohn: Ein Hidden Champion ist für mich ein Unternehmen, das über bahnbrechende Technologien verfügt, die es ihm ermöglichen, in einem Geschäftsfeld rasch an Bedeutung zu gewinnen und eine starke Marktposition einzunehmen, die auf den ersten Blick vielleicht noch nicht erkennbar ist. Blickt man auf HD Advanced Technologies, sehe ich uns als Hidden Champion, insbesondere im Bereich der Skalierung für Verteidigungs- und Sicherheitslösungen.

Dann stelle ich gleich mal die brennendste Frage: Druckmaschinen und Verteidigungstechnologie – Wie passt das zusammen?

Wellenzohn: Bei Heidelberg gibt es eine technologische Breite und eine Fertigungstiefe, wie ich sie in Deutschland selten gesehen habe – vielleicht noch bei Liebherr. Diese Voraussetzungen schaffen eine ideale Basis, um Innovationen voranzutreiben. Ziel war es, diese technischen Kompetenzen und die beeindruckende Wertschöpfungstiefe des Unternehmens zu nutzen, um auf Megatrends wie Sicherheit, Energie und Mobilität zu reagieren.

Nehmen Sie beispielsweise unsere Fähigkeiten in der Präzisionsmechanik und Elektronik. Unsere Druckmaschinen arbeiten mit einer unglaublichen Genauigkeit, was wir auch in den neuen Technologien und Märkten umsetzen können. Ein gutes Beispiel ist die Leistungselektronik, die wir selbst entwickeln und fertigen, denn unsere Druckmaschinen benötigen stabile Spannung, um unter unterschiedlichsten Netzbedingungen weltweit betrieben zu werden. Diese Kompetenz übertragen wir auf die Steuerungssysteme der unbemannten Landfahrzeuge (Unmanned ground vehicles = UGV) und Drohnenabwehrsysteme – beides Bereiche, die hochgradig präzise und zuverlässig arbeiten müssen.

Best Practices für den Mittelstand

Heidelberger Druckmaschinen baut jetzt Drohnenabwehrsysteme

Michael Wellenzohn, Geschäftsführer | HD Advanced Technologies
Michael Wellenzohn, Geschäftsführer | HD Advanced Technologies
(Bildquelle: Heidelberger Druckmaschinen)

Michael Wellenzohn ist Geschäftsführer bei HD Advanced Technologies, einer Tochter der Heidelberger Druckmaschinen AG. Mit der neu gegründete Gesellschaft soll der Einstieg in den Defense-Markt gelingen. In seinem Vortrag beim Industrial Benchmark Summit zeigt Wellenzohn, wie er diesen Auftrag in Rekordzeit umgesetzt hat und wo er dafür manchmal auch von den üblichen Methoden abgewichen ist.

Der Defense-Bereich ist für viele Unternehmen gerade attraktiv, wenn es darum geht, ein zweites Standbein aufzubauen. Wie schätzen Sie die aktuelle Wettbewerbssituation ein?

Wellenzohn: Die Wettbewerbssituation lässt sich in zwei Hauptbereiche unterteilen: Zum einen gibt es die etablierten Primes. Die haben gewisse Fähigkeiten, müssen diese jedoch derzeit auch nachschärfen in Bezug auf autonome Systeme, softwaregesteuerte Systeme im Verbund und all diese Effektoren in einem neuen Kriegsszenario. Momentan sind sie aber damit beschäftigt, die aktuelle Nachfrage an etablierten Systemen abzufedern. Sie haben zwar zurzeit den Vorteil, dass sie die Notwendigkeit der aktuellen Kriegsgebiete mitbekommen, aber die neusten Innovationszyklen und vor allem die Geschwindigkeit, die dahintersteckt – das haben sie die letzten 30 Jahre lang nicht gekannt.

Und der zweite Hauptbereich?

Wellenzohn: Der zweite Hauptbereich sind Newcomer, Start-ups. Die etablieren sich hauptsächlich im Bereich der autonomen Systeme. Diese Start-ups haben vielleicht smarte technische Lösungen, aber ihnen fehlt die Möglichkeit der Skalierung. Daher bin ich überzeugt: Langfristig in diesem Geschäftsfeld mitzuspielen, geht nur über Kooperationen.

Wo findet man denn passende Kooperationspartner im Bereich Defense?

Wellenzohn: Geeignete Partner finden sich zum Beispiel in Israel. Die Israeli haben seit 30 Jahren Erfahrung im Umgang mit Krieg und Konflikten – die wissen, wie das funktioniert und wie man eine Grenze entsprechend effektiv sichert. Und auf der anderen Seite in der Ukraine. Dort lernt man Innovationszyklen und was die moderne Kriegs- und Verteidigungsführung in Zukunft mit sich bringt.

Sie haben ja selbst erst kürzlich ein Joint-Venture gemeinsam mit dem israelischen Unternehmen Ondas gegründet.

Wellenzohn: Genau, Onberg. Unser Joint Venture mit Ondas aus Israel bewegt sich im Bereich von Drohnenabwehr, also Counter-UAVs, wie der Fachbegriff heißt. Gemeinsam können wir ein System anbieten, das zum Schutz von Kritis eingesetzt wird. Es erkennt Drohnen, übernimmt die Steuerung und landet sie an einem sicheren Ort.

Ist die Übernahme nicht möglich, weil die Steuerung unbekannt ist, kommt eine Interceptor-Drohne zum Einsatz, die die gegnerische Drohne mit einem Netz abschießt. Zudem kann das System den Piloten lokalisieren, der die Drohne steuert. So kann man ihn verfolgen und dingfest machen oder zumindest feststellen, wer das ist.

Unsere Wertschöpfungstiefe im Bereich Elektronik und Elektrik fließt dabei vollständig ein und diese Systeme werden auch weiterentwickelt. Ziel ist es, die einzelnen Komponenten in einem integrierten One-Stop-Shop für Drohnenabwehr zu bündeln und am Markt als Gesamtlösung anzubieten – sowohl für den militärischen als auch für den zivilen oder industriellen Bereich.

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Bereits im April haben Sie bei einer Live-Demonstration gezeigt, dass Ihr UGV-System einsatzfähig ist. Wie darf ich mir den Prozess von der Idee bis zur Umsetzung vorstellen?

Wellenzohn: Als ich im Juni 2025 bei Heidelberg anfing, habe ich die Idee mitgebracht. Unser Entwicklungsansatz hat dabei auf der 80/20-Regel basiert – also nicht so gut wie möglich, sondern so gut wie notwendig, um rasch funktionsfähige Prototypen zu erstellen. Parallel haben wir den Markt analysiert, um herauszufinden, was eine potenzielle Marktgröße wäre, und haben mit potenziellen Kunden über eine mögliche Preisgestaltung gesprochen. Daraus hat sich für uns die Zielableitung ergeben, wo wir uns hin entwickeln müssen.

Dann haben wir angefangen zu entwickeln, parallel die Kosten im Blick behalten und hatten nach gerade mal sechs Wochen den elften Konstruktionsstand. Nach diesen sechs Wochen haben wir gemäß der 80/20-Regel gesagt: Nagel reinschlagen, umsetzen. Da bekommen die Vollblutentwickler natürlich erst einmal Schweißperlen auf der Stirn. Aber unser Ziel war: Wir müssen unseren Kunden mit minimalstem Aufwand zeigen, dass wir die Funktionen beherrschen und dass wir ein System schaffen können, auf dem er etwas integrieren kann.

HD Advanced Technologies ist kein Prime und integriert nicht beliebige Waffensysteme. Stattdessen stellen wir diese Transportfunktion zur Verfügung mit einer offenen Schnittstelle. Das war die Zielsetzung. Unser erstes Ziel war, dies innerhalb von sechs Monaten zu erreichen. Alle haben gesagt: Du bist verrückt, das reicht nie! Aber am Ende war das Team nach viereinhalb Monaten fertig – und zurecht sehr stolz auf sich.

Jetzt zeigen wir es extern, weil wir die Sicherheit haben, dass dieses System vom Kunden angenommen wird. Und es schlägt auch unerwartet positiv ein, was darauf hindeutet, dass mit der Analyse ein Nerv am Markt getroffen wurde.

Um so eine Geschwindigkeit aufnehmen zu können, benötigt man aber auch entsprechende Kapazitäten.

Wellenzohn: Die generelle Absatzschwäche, die Investitionszurückhaltung und die weltpolitische Sachlage sind ja jetzt nicht unbedingt vorteilhaft für den Maschinenbau. Daher haben wir aktuell keine Ressourcen- und Kapazitätsprobleme. Letztendlich geht es auch um Priorisierung und da muss man vielleicht auch im Kerngeschäft neue Wege gehen, um die Kapazitäten dort einzusetzen, wo man Opportunitäten sieht. In diesem Fall eben, um unser zweites Standbein aufzubauen.

Was waren für Sie bisher die wichtigsten Erkenntnisse in diesem Prozess?

Wellenzohn: Wenn man solche neuen Wege geht, dann muss man das herauslösen aus den bestehenden Strukturen und Agilität zulassen. Das hat der Vorstand von Heidelberg auch erkannt und unterstützt. Das war ein wesentlicher Erfolgsfaktor, der dazu beigetragen hat, dass es so schnell und gut funktioniert hat.

Ein zweiter Punkt ist, dass man realisieren muss, wann man vom Pferd absteigen muss. Darum machen wir das methodisch so, dass wir uns nicht nur mit der Technik befassen, sondern Skalierbarkeit, Kosten und Markt gleich mitberücksichtigen. Wenn ich diese Aspekte nicht parallel betrachte, kann ich mich total verrennen. Wir haben demzufolge auch Projekte abgebrochen und gesagt: „Das macht keinen Sinn, das lassen wir sein.“ Diese Ehrlichkeit und diese Objektivität zu sich selbst muss man haben.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Wellenzohn.

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