Porträt Margrit Harting „Ich stehe mit Technik auf Kriegsfuß“

Von Karin Pfeiffer

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Eine Frau mit Ecken und Kanten – zumindest wirkt Margrit Harting so auf den ersten Blick: Handelsschullehrerin und kunstsinnige Grande Dame zugleich, mit Gespür für die Vermarktung eines Technologie­unternehmens. Dabei fehlt ihr jeglicher Draht zur Technik.

Margrit Harting sorgt im Technologieunternehmen für den weltoffenen Blick über den Tellerrand.
Margrit Harting sorgt im Technologieunternehmen für den weltoffenen Blick über den Tellerrand.
(Bild: Harting )

Sollen wir sie rausschicken? So heißt es meist bei Harting, wenn ein neues Produkt vorgestellt wird – und es ausgerechnet beim Vorführen nicht funktioniert. Das geschieht nämlich in schöner Regelmäßigkeit dann, wenn aus der Führungsriege Margrit Harting dabei ist. „Sie ist unser Proof of Concept“, witzelt das Team. „Ich stehe mit Technik auf Kriegsfuß“, gibt die geschäftsführende Gesellschafterin der Harting-Technologiegruppe unumwunden zu. Sie hege keine Liebe zur Technik, auch nicht nach Jahrzehnten im global agierenden Familienbetrieb, in dem sie sich mit ihrem Mann Dietmar und inzwischen auch den zwei Kindern Philip (CEO) und Maresa Harting-Hertz (Vorstand für Finanzen, Einkauf und Facility Management) sowie drei Fremdvorständen die operative Verantwortung teilt. „Um Liebe zur Technik zu entwickeln, dafür ist mein Anspruch an sie zu hoch.“

Die Frau mit dem Blick auf die Lösung

Im Gespräch mit ihr fällt der „hohe Anspruch“ öfter. Doch statt sich von einer solchen Erwartungshaltung ausbremsen zu lassen, münzt die Westfälin sie offenbar konstruktiv um: „Ich stelle meinem Mann jedes Mal die Frage: Was nützt mir das?“ Was haben Anwender davon? Und so fehlt ihr zwar jeglicher Draht zur Technik, nicht aber der Blick auf Notwendigkeit und Lösung, was sie für Querschnittsaufgaben mit Innen- und Außenwirkung praktisch prädestiniert: Marketing und Öffentlichkeitsarbeit, Aus- und Weiterbildung, Personal, Frauen- und Nachwuchsförderung sind die Vorstandsressorts der achtfachen Großmutter.

Seit 35 Jahren steht das Ehepaar Dietmar (Jahrgang 1939) und Margrit Harting (Jahrgang 1945) gemeinsam in der Führung der internationalen Technologiegruppe in Espelkamp. Er, ein Technikenthusiast und Tüftler, sie gesegnet mit einem „exzellenten Händchen für Design, Ästhetik und dem Mut zum ersten Schritt“, wie Dietmar Harting ihre Rolle einmal beschrieb. So war es beispielsweise Margrit Harting, die ihren Mann bei der Internationalisierung unterstützte. „Ohne diesen expansiven Schritt wären wir nicht dort, wo wir heute sind“, sagt sie. Heute ist Harting ein Unternehmen mit 14 Produktionsstätten und 44 Vertriebsgesellschaften, das etwa im Bereich der Steckverbinder weltweit Normen gesetzt hat, als führender Anbieter industrieller Verbindungstechnik gilt und in die Entwicklung zukunftsweisender Technologien investiert. 869 Millionen Euro erwirtschafteten die knapp 6.200 Mitarbeiter im Geschäftsjahr 2020/21.

Espelkamp hinterm Berg hervorgeholt

Margrit Harting war es auch, die in den 1990er-Jahren regionale Pionierarbeit leistete, weil Espelkamp als einstiges Munitionslager ohne jeglichen baulichen Charme nicht nur für die zuständige IHK Ostwestfalen in Bielefeld buchstäblich hinterm Berg lag, dem Wiehengebirge. „Harting nahm schon damals eine rasante Entwicklung, nur haben sie das in Bielefeld nicht wahrgenommen“, erinnert sich die Unternehmerin, die dort Mitglied der Vollversammlung und Vize-Präsidentin wurde und auch die Hannover Messe für Harting zum Heimspiel machte. „Wir wollten unsere Stärke zeigen.“

Für den Bau des neuen Vertriebsgebäudes in Minden beauftragte die kunstsinnige Margrit Harting den Schweizer Architekten Mario Botta ("Tessiner Schule").
Für den Bau des neuen Vertriebsgebäudes in Minden beauftragte die kunstsinnige Margrit Harting den Schweizer Architekten Mario Botta ("Tessiner Schule").
(Bild: Harting )

Verbandsarbeit, ein Amt im Stadtrat und sehr, sehr viel kulturelles Engagement. Sie fördert zahlreiche künstlerische, soziale und kulturelle Projekte in Espelkamp und rundherum, setzt damit nachhaltige Akzente, die das Stadtleben anreichern und verändern. Sie beauftragte beispielsweise den Schweizer Architekten Mario Botta („Tessiner Schule“) mit dem Entwurf des neuen Vertriebsgebäudes von Harting in Minden und holte die Theaterlegende Claus Peymann (u. a. Burgtheater Wien) und das Berliner Ensemble zu Auftritten in die Kleinstadt. „Es ist eine Sache, in Espelkamp zu arbeiten, aber genauso wichtig ist die Frage, wie wohl fühle ich mich in der Stadt und in ihrer Umgebung?“, erklärt die kunstsinnige Grande Dame mit Bundesverdienstkreuz und Ehrenbürgerin der Stadt Espelkamp eine ihrer Antriebsfedern ganz pragmatisch.

Nicht nur der Slogan "Pushing Performance" ist von Margrit Harting, sondern das gesamte Corporate Design - gelbe Sneaker inklusive.
Nicht nur der Slogan "Pushing Performance" ist von Margrit Harting, sondern das gesamte Corporate Design - gelbe Sneaker inklusive.
(Bild: Harting )

Ihre Handschrift ist auch im Unternehmen unverkennbar – weltweit: Der Slogan „Pushing Performance“ ist von ihr, sie hat Leitlinien für den respektvollen Umgang miteinander entwickelt, richtet Jubiläen und Firmenausflüge aus, hat Markennamen für Steckverbinderserien geschaffen, füllt die Mitarbeiterzeitschrift People mit greifbarem Wissen und führte in einer neuen Ausbildungswerkstatt die zwei Welten der gewerblichen und kaufmännischen Auszubildenden zusammen, um nur ein paar Beispiele herauszupicken. Margrit Harting setzt vor allem gerne auffällige Signale. Auch das Corporate Design – samt der gelben Sneaker – für jeden auf Messen auftretenden Mitarbeiterfuß stammt von ihr. Damit hat sie sogar bei Ex-US-Präsident Barack Obama auf der Hannover Messe für Aufmerksamkeit gesorgt.

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Jeder Mitarbeiterfuß trägt auf Messen gelbe Sneaker. Mit ihrer Idee sorgte Margrit Harting sogar bei Ex-US-Präsident Barack Obama auf der Hannover Messe für Aufmerksamkeit: „You are the company with yellow shoes!"
Jeder Mitarbeiterfuß trägt auf Messen gelbe Sneaker. Mit ihrer Idee sorgte Margrit Harting sogar bei Ex-US-Präsident Barack Obama auf der Hannover Messe für Aufmerksamkeit: „You are the company with yellow shoes!"
(Bild: Harting )

Mit gelben Sneakern in die Welt

Dabei war die operative Mitarbeit der Diplom-Handelsschullehrerin und Mutter von zwei Kindern im Familienunternehmen der Hartings ursprünglich gar nicht geplant. Nach dem frühen Tod des Gründers Wilhelm Harting hatten zunächst dessen Frau Marie und seit 1967 Sohn Dietmar und dessen 1973 früh verstorbener Bruder Jürgen das Unternehmen in engem Schulterschluss weitergeführt. Margrit Harting war seit einigen Jahren in Elternzeit und von ihrem Vater immer noch dafür vorgesehen, einmal seine Handelsschule im benachbarten Rahden zu übernehmen – als Firmenchefin und Schwiegermutter Marie Harting schwer erkrankte. Da übernahm die verbeamtete Studienrätin im März 1987 den wichtigen Konterpart für ihren Mann – und setzte ihre frischen Signale, womit sie dem Unternehmen von seinem zuvor eher zurückhaltenden Kurs zu einem weltoffeneren Blick über den Tellerrand und mehr Öffentlichkeit verhalf.

Nicht jedoch ohne klare Leitplanken und einen Hang zur Perfektion, der sie manchmal erst zufrieden sein lässt, wenn auch noch das i-Tüpfelchen stimmt. „So war ich auch als Lehrerin.“ Nie sei sie etwa darauf aus gewesen, bei den Schülern beliebt zu sein. „Ich hatte immer den Wunsch, ihnen etwas beizubringen. Da konnte ich einfach nicht immer nachgiebig sein.“ Sie fordert und fördert gleichermaßen, ist eine Führungskraft, die sich von der eigenen Kommunikationsabteilung in einer Presseinformation zum 35. Dienstjubiläum als „unnachgiebige Perfektionistin und streitbare Persönlichkeit“ beschreiben lässt, was viele wohl gleich aus dem vorgelegten Entwurf gestrichen hätten. Die 77-Jährige empfindet diese Charakteristika als positiv: „Ich gebe ungerne auf. Ich habe ein Ziel vor Augen und suche den Weg dorthin, lasse mir nicht einreden, dass etwas nicht geht“, skizziert sie, was vor allem nach Hartnäckigkeit und Stärke klingt. „Ich habe eben einen hohen Anspruch.“

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