Plagiate Mit schwer kopierbaren Produktinnovationen der Produktpiraterie vorbeugen

Autor / Redakteur: Rainer Hundsdörfer / Jürgen Schreier

Studien des VDMA ergaben, dass rund 80% der in Deutschland produzierenden Firmen vom drastisch wachsenden Kopierwettbewerb – insbesondere aus China und Taiwan – betroffen sind. Aktive Schutzrechtspolitik ist aber nur eine, wenn auch wichtige Strategie gegen die Produktpiraterie. Nicht minder wirksam zur Plagiatoren-Abwehr kann eine hohe Innovationsrate sein. Der Holzbearbeitungsmaschinen-Hersteller Michael Weinig AG hat sich dazu vom „klassischen“ linearen Innovationsprozess gelöst und generiert schwer kopierbare Produktinnovationen im Rahmen eines interaktiven Prozesses.

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Der Variomat ist weltweit die einzige Kehlmaschine zum vierseitigen Hobeln und Profilieren, die Werkstücke längs und quer bearbeiten kann.
Der Variomat ist weltweit die einzige Kehlmaschine zum vierseitigen Hobeln und Profilieren, die Werkstücke längs und quer bearbeiten kann.
( Archiv: Vogel Business Media )

In der vergangenen Dekade spürten die Investitionsgüterindustrie und ganz besonders der deutsche Maschinenbau die Folgen der aggressiven Produktpiraterie aus China und Taiwan. Studien des Maschinen- und Anlagenbauverbandes VDMA ergaben, dass rund 80% der in Deutschland produzierenden Firmen vom dramatisch wachsenden Kopierwettbewerb betroffen sind. Die Umsatzeinbußen beziffern die Unternehmen mit 3 bis 5%.

Viel ernstzunehmender als die durch Umsatzeinbußen entstehenden Gewinnverluste ist jedoch der Preisdruck, den die Plagiate am Weltmarkt erzeugen. Die Verkaufspreise für Plagiate liegen nach Erfahrungen der Weinig-Gruppe zwischen 40 und 70% unter denen vergleichbarer Maschinen aus deutscher Herstellung. Waren bisher Maschinen älterer Generationen Ziele der Kopierer, so sind es heute zunehmend auch Maschinen der neueren Generation. Dies ist der Stand der Dinge, doch die deutsche Industrie steht nicht wie das Kaninchen vor der Schlange, sondern kann sich aus eigener technologischer Kraft vor den Angriffen aus China und Taiwan schützen.

Neben einer aktiven Schutzrechtspolitik, die auch die Weinig-Gruppe verfolgt, setzen wir vor allem auf den schnelleren technologischen Fortschritt. Aus diesem Grund haben wir in den letzten Jahren unseren Fokus auf Innovationen gelegt, Kräfte gebündelt und zentrale Prozesse beschleunigt. Ergebnisse sind hier zum Beispiel das Power-Lock-Werkzeugsystem und die Steuerungssoftware Power-Com, womit die Rüstzeiten und -kosten von Holzbearbeitungsmaschinen auf ein Minimum reduziert werden. Technologien dieser Art sind für den Wettbewerb aus China und Taiwan sehr schwer zu kopieren, da die Beherrschung ihrer Komplexität ein hohes Maß an technischem Wissen erfordert.

Lineares Innovationsmodell durch interativen Prozess ersetzt

Im Zuge der Veränderungen unserer Prozesse lösten wir auch das lineare Modell des Innovationsprozesses ab. Unsere technischen Fortschritte erzeugen wir heute aus einem interaktiven Prozess heraus, an dem eine Reihe von Akteuren beteiligt ist, die verschiedene Arten von Wissen produzieren, verbreiten und anwenden. Entscheidend ist dabei die Umsetzung der Ideen in erfolgreiche Produkte und Dienstleistungen.

Dass aus diesem Netzwerk innerhalb der Weinig-Gruppe Innovationen entstehen, zeigt unsere neueste Entwicklung, die Mehrwertkehlmaschine Variomat. Das hochinnovative Produkt, mit dem neben Längsbearbeitung auch Querbearbeitung möglich ist, entstand aus einem Kontinuum strukturierter Innovationsprozesse. Für die Querbearbeitung, die an der linken Spindel erfolgt, steht ein schwenkbarer Tisch zur Verfügung. Die Werkstücke werden pneumatisch gespannt und manuell am Werkzeug vorbeigeführt. Der Querschlitten ist um bis zu 60° schwenkbar, so dass auch die Bearbeitung von Gehrungsprofilen kein Hindernis für die Maschine darstellt.

Technologisches Potenzial als Abgrenzung zum Kopierwettbewerb

Noch deutlicher wird die innovationsfördernde Unternehmenskultur der Weinig-Gruppe bei dem Softwareprodukt „Millvision“. Die Software ermöglicht es, in der Produktion Teile zurückzuverfolgen und die Bearbeitung zu optimieren. Millvision greift dabei auf Daten aus der Arbeitsvorbereitung zurück und sucht aus verschiedenen Aufträgen Werkstücke zusammen, die in Holzart und Dimension gleich sind. Diese werden in die Schnittliste übernommen und an der Kappsäge in der Produktion optimiert und zugeschnitten. Jedes optimierte Werkstück wird nach der Kappung mit einem Barcode versehen. Dessen Daten können an nachfolgenden Maschinen eingelesen werden. Das passende Bearbeitungsprogramm wird dann automatisch aufgerufen und die Maschine eingestellt. Eine derartige Integration der Verarbeitungsstufen bei gleichzeitiger Abbildung durch eine Software ist für die Holz verarbeitende Industrie ein absolutes Novum.

Hier zeigen wir aber, wo das technologische Potenzial deutscher Unternehmen liegt und wo eine ganz klare Abgrenzung zum Kopierwettbewerb aus China und Taiwan erfolgt. Gerade wenn es um die Entwicklung von Hightech geht, zeigt sich die Leistungsfähigkeit unseres Innovationssystems, das auf Wissens- und Informationsflüssen basiert. An dieser Stelle wird der Gejagte zum Jäger, denn vergleichbare Strukturen können China und Taiwan nicht vorweisen. Dabei ist das technologische Potenzial der deutschen Unternehmen noch lange nicht ausgeschöpft.

Cross-Industrie-Innovation rückt in den Fokus

Während anderswo noch kopiert wird, denken deutsche Ingenieure zum Beispiel über den Ersatz von Barcodes durch RFID-Technologien nach oder integrieren die Bildverarbeitung in immer mehr Produktionssysteme. Gerade bei der zerstörungsfreien Prüftechnik gibt es dank immer schnellerer Bildverarbeitung und -auswertung in der Holz verarbeitenden Industrie große Innovationspotenziale. Mit dem Scannerhersteller Luxscan gehört seit August ein Unternehmen zur Weinig-Gruppe, das auf diesem Gebiet führend ist. Die Integration dieser Technologie in immer mehr Produktionsschritte der Holzverarbeitung wird helfen, den Rohstoff Holz noch nachhaltiger nutzen zu können.

Immer weiter in den Fokus der Maschinenbauer und damit auch der Weinig-Gruppe rückt das Thema „Cross-Industrie-Innovation“. Unsere Industriebranche hat einen hohen Reifegrad erreicht, was zwar inkrementale Innovation zulässt, radikale Innovationssprünge jedoch zunehmend schwieriger macht. Heutige Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle sind sehr stark von einem bestimmten Branchendenken geprägt. Analogiebetrachtungen, die über die Grenzen der eigenen Industriebranche hinausgehen, öffnen interessante Perspektiven und bieten oft wichtige Anhaltspunkte für größere Innovationsschritte.

Technologieposition durch immer kreativere Ideefindung schützen

Auch hierfür gibt es schon erste Beispiele aus der Weinig-Gruppe. So stammt zum Beispiel das Material für einen neuen Splittervorhang an einer Vielblattkreissäge aus der Militärtechnik. Das Material passt sich sehr flexibel an die Brettgeometrie an und kann die Energie eines Spreißels sehr gut absorbieren und stellt damit eine optimale Abschottung des Gefahrenbereichs dar. Denkbar wäre hier auch der Einsatz von adaptronischen Systemen aus der Automobilindustrie zur Schwingungsdämpfung und damit zur Steigerung der Lebensdauer mechanisch beanspruchter Baugruppen.

Die Beispiele zeigen, dass die deutsche Industrie nicht zu denen gehört, die von den Kopierwettbewerbern gejagt werden. Vielmehr schützt sie ihre Technologien durch immer kreativere Innovationsfindung und langfristige Innovationsstrategien. Gerade der Mittelstand hat hier eine besondere Bedeutung, denn er ist lange nicht mehr nur Adapteur, sondern Motor der Innovationsmaschine Deutschland.

Rainer Hundsdörfer ist Vorstandsvorsitzender der Michael Weinig AG, Tauberbischofsheim.

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