Auslandsmärkte Nachwuchssorgen bremsen Bulgariens Industrie

Autor / Redakteur: Frank Stier / Stéphane Itasse

Elf Jahre nach seinem EU-Beitritt steht Bulgarien vor einer politischen Herausforderung; in der ersten Jahreshälfte 2018 wird es zum ersten Mal die EU-Ratspräsidentschaft innehaben. Ministerpräsident Boiko Borissov will sie nutzen, die EU-Integration der gesamten Region Südosteuropa voranzutreiben.

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Zu den internationalen Großunternehmen, die sich in Bulgarien in der Nähe von Plovdiv niedergelassen haben, gehört Liebherr.
Zu den internationalen Großunternehmen, die sich in Bulgarien in der Nähe von Plovdiv niedergelassen haben, gehört Liebherr.
(Bild: Stier)

Die Repräsentanten der bulgarischen Wirtschaft versprechen sich von Der EU-Präsidentschaft eine Verbesserung des Image ihres Landes, das nicht nur als das ärmste Land der Union gilt, sondern auch als das korrupteste. Seinem Negativimage in Westeuropa zum Trotz blickt Bulgarien in diesem Jahrtausend auf eine positive Wirtschaftsentwicklung zurück. Selbst in der Phase politischer Instabilität mit vier regulären und drei provisorischen Regierungen seit 2013 hat sich die Volkswirtschaft robust behauptet. Vor allem Tourismus, Informations- und Kommunikationswirtschaft sowie Maschinen, Ausrüstungen und Apparate trugen mit kräftigen Zuwachsraten zum moderaten, aber stabilen Anstieg des BIP bei. Dieser Trend sollte sich fortsetzen; für 2017 und 2018 erwarten Wirtschaftsexperten jeweils Wachstumsraten von knapp 4 %. Die Arbeitslosenrate liegt mit 6,2 % auf niedrigem Niveau und der Export hat 2016 mit 23,6 Mrd. Euro ein Rekordergebnis erzielt.

Beachtliche Maschinenexporte

Informationen der Bulgarischen Handelskammer (BSK) zufolge hat Bulgarien von 2012 bis 2016 Maschinen und Apparate (ohne Elektrotechnik und Elektronik) im Wert von knapp 2,1 Mrd. US-Dollar ausgeführt und seinen Export um 2 % gesteigert, während die globale Ausfuhr dieser Produkte im selben Zeitraum um 2 % gesunken ist. Ilija Keleschev, Vorsitzender der bulgarischen Maschinenbaukammer (BBKM), weist auf die starke Exportorientierung der Industrieunternehmen hin. Sie verkaufen mehr als die Hälfte ihrer Produkte ins Ausland, vor allem in EU-Länder wie Deutschland, Italien und Rumänien. „Im Jahr 2016 haben alle EU-Mitgliedsländer ein Wachstum verzeichnet, was sich günstig ausgewirkt hat auf die Verkäufe der bulgarischen Maschinenbauunternehmen“, sagt er. Schwierig sei es dagegen, „im Inland der Produktionsentwicklung förderliche Faktoren zu finden“. Besonders expansiv entwickelte sich in den vergangenen Jahren die Automobilzulieferindustrie. Ihr gehören renommierte deutsche Unternehmen an wie der Türschlosshersteller Witte Automotive, der Autositzproduzent Grammer und der Klimaanlagenbauer Behr-Hella Thermocontrol.

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Im Jahr 2016 erlöste die produzierende Industrie einen Umsatz von rund 9 Mrd. Bulgarischen Lewa (circa 4,6 Mrd. Euro), 500.000 Lewa (knapp 256.000 Euro) mehr als im Vorjahr. Ihre Beschäftigtenzahl erhöhte sich um 10.000 auf 115.000. Laut dem bulgarischen Wirtschaftsblatt Kapital rangierte 2015 der Kühl- und Gefriergerätehersteller Liebherr Hausgeräte Maritsa mit einem Erlös von über 397 Mio. Lewa (knapp 203 Mio. Euro) an der Spitze der umsatzstärksten Unternehmen der Branche, gefolgt vom Sanitärproduzenten Ideal Standard – Vidima mit circa 387 Mio. Lewa (knapp 198 Mio. Euro) und Intertrading Mikroelektronik Bulgaria mit 325 Mio. Lewa (circa 166 Mio. Euro). In den bulgarischen Top 30 figurierten 2015 weitere deutsche Unternehmen wie die Wolfsburger SE Bordnetze, die Kostal-Gruppe aus Lüdenscheid und die Hamberger Industriewerke.

Industrie siedelt sich gerne in Plovdiv an

Die Hauptstadt Sofia profiliert sich gegenwärtig als europäische Metropole der IT- und Outsourcingbranche, nirgendwo aber manifestiert sich die aktuelle Re-Industrialisierung des Balkanlandes so sichtbar wie in der zweitgrößten Stadt Plovdiv. In der zentralbulgarischen Thrakischen Tiefebene produzieren Konzerne wie ABB, Liebherr Hausgeräte und Schneider Electric. Zuletzt hat im Oktober 2017 der deutsche Leuchtenhersteller Osram dort ein Werk eröffnet, die französische Latecoere will im kommenden Jahr ihre Fertigung von Flugzeugteilen für den Airbus aufnehmen.

„Zunächst haben sich große Unternehmen zumeist aus den Bereichen Automotive, Elektronik und Weiße Ware in Bulgarien angesiedelt, um von den günstigen Produktionsbedingungen zu profitieren. Mittelständler wie wir sind ihnen gefolgt“, sagt Martin Els, Geschäftsführer des Spritzgussunternehmens DB Kunststofftechnik. Nach Stationen in Polen und Tschechien lebt der Bonner Maschinenbauer und Betriebswirt seit vierzehn Jahren in Bulgarien. In seinem 2200 m² großen, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Liebherr und Schneider Electric gelegenen Werk fertigt er Teile vor allem für Automobilzulieferer wie Witte Automotive in Russe, aber auch für Kunden in Deutschland.

Niedrige Unternehmenssteuern locken

Bulgarien lockt ausländische Unternehmen mit seiner niedrigen Steuerlast von 10 % auf Unternehmensgewinne. Für wesentlichere Vorteile einer Industrieansiedlung in Bulgarien hält Els aber die durch die Kopplung des bulgarischen Lew an den Euro garantierte Währungsstabilität und natürlich die günstigen Produktionskosten. Die monatlichen Durchschnittseinkommen liegen bei knapp über 1000 Lewa (circa 500 Euro). Für sein Unternehmen berichtet Els von einem geradezu „exorbitanten Wachstum“, vervielfachte sich die Mitarbeiterzahl in den vergangenen fünf Jahren doch von vier auf zwanzig Beschäftigte. Für das kommende Jahr rechnet er mit dreißig Angestellten. Dabei stellt sich ihm allerdings ein Problem, das inzwischen viele der im Land produzierenden Unternehmen plagt: Es wird immer schwieriger, gut qualifizierte Mitarbeiter zu finden und zu binden. „Lernen wir beispielsweise Maschineneinrichter an und sie bekommen dann anderswo 50 oder 100 Euro mehr angeboten, sind sie weg“, klagt Els.

Das agrarisch geprägte Bulgarien hat durchaus auch eine industrielle Tradition; an der Maschinenbaufakultät der Technischen Universität Sofia werden Ingenieure sogar nach deutschen Lehrplänen ausgebildet. Viele von diesen gehen aber nach dem Studium ins Ausland. So hat der Boom der Automotive-Branche zu einem eklatanten Mangel an Fachkräften geführt. Als Gegenmaßnahme dazu hat die Deutsch-Bulgarische Handelskammer (DBIHK) gemeinsam mit Unternehmen ein Cluster „Duale Ausbildungsgänge“ initiiert. Für DB Kunststofftechnik sei das keine Option, sagt Martin Els, „dafür sind wir zu klein“. Für sich und seinesgleichen sieht er eher in der Erhöhung des Automatisierungsgrades eine mögliche Strategie angesichts des Arbeitskräftedefizits.

* Frank Stier ist freier Journalist in 1463 Sofia (Bulgarien).

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