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Das passende Interview zum Kunststoff-Mülldilemma „Nur gemeinsame Strategien lösen unser Kunststoffmüll-Problem“

| Autor / Redakteur: Christa Friedl / Peter Königsreuther

Verantwortungsloser Umgang mit Kunststoffabfall belastet den ganzen Globus. Die Lösungen heißen „effiziente Kreislaufwirtschaft“, „produktive Recyclingmethoden“ und „objektive Herangehensweise von Politik und Industrie“.

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Thorsten Kühmann zur herrschenden Kunststoff-Müllproblematik: „Ich will jeden Tag mit der Überzeugung ins Büro gehen, dass die Industrie keine Probleme schafft, sondern bestehende effektiv zu beseitigen hilft.“
Thorsten Kühmann zur herrschenden Kunststoff-Müllproblematik: „Ich will jeden Tag mit der Überzeugung ins Büro gehen, dass die Industrie keine Probleme schafft, sondern bestehende effektiv zu beseitigen hilft.“
(Bild: VDMA)

Thorsten Kühmann ist Geschäftsführer des VDMA-Fachverbands Kunststoff- und Gummimaschinen und verantwortet seit zwölf Jahren den Bereich Kunststoffmaschinen. Was den Experten derzeit vor allem umtreibt, ist die Frage nach der Glaubwürdigkeit im Hinblick auf die Kunststoffvermüllung der Umwelt. Kühmann will möglichst jeden Tag mit der Überzeugung ins Büro gehen, dass unsere Industrie keine Probleme schafft, sondern Probleme löst. In diesem Interview spricht der Jurist über die Herausforderungen, die sich durch die bestehende „Plastikdebatte“ für die Branche stellen.

Was hat der Diskurs um Plastikabfälle mit dem Kunststoffmaschinen-Bau zu tun?

Mit der Kunststoffvermüllung haben wir weltweit ein Riesenproblem, da gibt es nichts wegzudiskutieren. Das Thema ist seit Jahren bei uns im Fachverband auf der Agenda. Anfangs war die Ohnmacht groß, denn ein Maschinenbauer hat auf den ersten Blick nichts direkt mit dem Plastik in der Umwelt oder im Meer zu schaffen. Aber wenn wir nicht für technologische Antworten sorgen, wird das Image des Kunststoffs so schlecht werden, dass die gesamte Branche darunter leidet. Denn jede Verarbeitungsmaschine trägt dazu bei, dass Kunststoffe überhaupt in Umlauf kommen.

Wo genau beginnt bei dem Thema die Wirkkette?

Ganz klassisch dort, wo es um die Verarbeitung von Rezyklaten geht. Das ist technisch anspruchsvoller als bei Neuware, für uns aber ein beherrschbares Thema. Gleichzeitig ist die Frage der Rohstoffversorgung ein entscheidender Punkt. Im Moment ist die Versorgung mit Rezyklaten über einen längeren Zeitraum nicht sichergestellt. Das hat auch mit schlechter Markttransparenz zu tun. Wir haben in der EU viele kleine Recyclingunternehmen im Markt, so dass es kaum einen Überblick über das tatsächliche Angebot von Rezyklaten gibt.

Die Wirtschaftlichkeit einer Anlage setzt doch aber Rohstoffsicherheit voraus?

Exakt. Deshalb brauchen wir Unterstützung des europäischen Gesetzgebers. Wir haben vor allem eine Lücke auf der Abnehmerseite. Wer Produkte aus Kunststoff produziert, tut das in aller Regel immer noch mit Neuware.

Wo muss dabei die Politik unterstützend eingreifen?

Ich halte eine verbindliche europäische Quote für sinnvoll, also die Vorgabe, dass ein bestimmter Anteil an Sekundärkunststoff bei Neuprodukten verarbeitet werden muss. Natürlich wäre die Quote nicht für alle Produkte gleich, das müsste ausdifferenziert werden. Von Verboten bestimmter Plastikprodukte halte ich übrigens nichts, das ändert am weltweiten Abfallproblem wenig.

Der Handel macht sich jetzt für das Recycling stark. Kann das entscheidend sein?

Das beobachte ich auch und das ist sehr erfreulich. Einige Handelsunternehmen sind selbst ins Recycling eingestiegen. Wie schnell wir mit der Kreislaufwirtschaft vorankommen, wird künftig vom Handel mitentschieden.

Wie ändert sich in einer Kreislaufwirtschaft die Rolle des Maschinenbauers?

In der Branche hat ein Umdenken stattgefunden. Der Maschinenbau begreift sich als Teil einer langen Prozesskette und öffnet sich für Partner. Wir sehen uns als technische Enabler und als Koordinatoren und Türöffner, um Hersteller, Verarbeiter und Handel zusammenzubringen. Unsere Botschaft ist: Politische Reglementierungen im Kunststoffsektor werden früher oder später kommen, weitsichtige Unternehmen stellen sich frühzeitig darauf ein.

Tut sich auch außerhalb der EU im Recyclingsektor genug, um dort Märkte zu schaffen?

Das Thema Kunststoffabfälle ist in vielen Ländern ganz oben auf der Agenda und viele suchen nach Lösungen. Bei der letzten Kunststoffmesse vergangenen Oktober in Düsseldorf hatten wir Delegationen aus aller Herren Länder in unserem Pavillon. Auf der Interpack in Düsseldorf sowie der Interplastica in Moskau oder der Chinaplas in Shanghai wird in diesem Jahr die Debatte weitergehen. Was viele Länder brauchen, sind intelligente Systeme zur Kennzeichnung von Abfällen und zur Sortierung, aber auch zur Herstellung und Verarbeitung von Rezyklaten.

Damit hat Deutschland ja 30 Jahre Erfahrung. Welche Chancen kann das bieten?

Zusammen mit Österreich sind wir Vorreiter. Auch was die Digitalisierung im Maschinenbau angeht, sehe ich Deutschland, Österreich und Japan weit vorne. Digitale Tools sind beispielsweise wichtig für eine bessere Detektion der Stoffströme und eine effektivere Sortierung.

Die aktuellen Prognosen für die Branche sind nicht besonders rosig. Sind Sie trotzdem optimistisch?

Die momentan eher trüben Nachrichten dürfen nicht täuschen. Wir haben in den vergangenen neun Jahren den Branchenumsatz verdoppelt. Und die Hersteller von Recyclingtechnologie machen im Moment sehr gute Geschäfte. Der Punkt ist: Die Industrie produziert seit 60 Jahren kontinuierlich mehr Kunststoffe und wir stehen jetzt vor der Frage, wie es gelingt, mit einem konzertierten Ansatz in der Wertschöpfungskette die Stoffkreisläufe zu schließen.

Siehe auch: Titelstory MM-004 Kunststoff-Mülldilemma ist lösbarMM

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