Arbeitsschutz Sicher vor Strahlen

Redakteur: Dietmar Kuhn

Seit einigen Jahrzehnten hat die Röntgentechnik eine wahre technische Revolution erlebt.

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( Archiv: Vogel Business Media )

Seit einigen Jahrzehnten hat die Röntgentechnik eine wahre technische Revolution erlebt. So verwendet man heute nicht mehr nur konventionelle Durchleuchtungsgeräte, sondern auch computertomographische Verfahren, das heißt Schnittbildverfahren, Röntgen-Feinstruktur-Einrichtungen für die kristallographische Raster-Topographie und Geräte zur Röntgen-Refraktionsmessung für die Charakterisierung von Mikrorissen und Mikrostrukturen in Werkstoffen. Nicht nur die Anwendungen haben sich verfeinert, sondern auch die Detektorsysteme. Außer dem bekannten Röntgenfilm kommen auch Detektoren für die digitale industrielle Radiologie zum Einsatz. Röntgenstrahlen entstehen durch Anlegen einer Hochspannung zwischen Kathode und Anode, wodurch Elektronen bis auf halbe Lichtgeschwindigkeit beschleunigt werden und beim Aufprall auf die Anode die gewünschten Röntgenstrahlen in Form eines kontinuierlichen Bremsstrahlspektrums und eines diskreten charakteristischen Spektrums erzeugen. Die Energien sind sehr hoch und liegen deutlich über dem uns so vertrauten sichtbaren Spektrum im keV-Bereich (beispielsweise 300 keV = 300 Kiloelektronenvolt). Die Röntgenstrahlen wurden 1895 von Wilhelm Conrad Röntgen im Rahmen seiner experimentellen Arbeiten über Kathodenstrahlen entdeckt. Die damit neu geschaffene Möglichkeit, Gegenstände zu durchleuchten, wurde schnell zum Party-Hit Anfang des letzten Jahrhunderts. Einfach alles, was interessant war, wurde durchleuchtet, ob Vase, Uhren, Schmuck, Gemälde, Hände oder Beine. Strahlenschutz war zu jener Zeit noch kein Thema und deshalb ein Fremdwort. So verwundert es kaum, dass es bei der Häufigkeit der unabgeschirmten Röntgenstrahlen bald zu ersten Hautreaktionen, bis hin zu strahleninduziertem Krebs, kam. Schnell wurde erkannt, dass Röntgenstrahlen nicht nur eine schädigende, sondern auch eine heilende Wirkung auf biologische Zellen haben können. Diese Strahlenwirkung wurde bereits 1905 zur Behandlung vorhandener Krebsgeschwülste eingesetzt; dies war die Geburtsstunde der Strahlentherapie.Aber nicht nur das medizinische , sondern auch das Durchstrahlen von Werkstoffen im technischen Bereich wurde sukzessive verfeinert und ausgebaut und ist heute aus der zerstörungsfreien Materialprüfung (ZfP) nicht mehr wegzudenken. Röntgen selbst hatte 1895/96 vier verlötete Zinkstreifen und sein eigenes Jagdgewehr durchleuchtet. Dies kann man als den Beginn der zerstörungsfreien Materialprüfung bezeichnen. Heute sind Röntgenstrahlen in der Qualitätskontrolle im laufenden Produktionsprozess von großer Bedeutung. Eines der Haupteinsatzgebiete ist dabei die Durchleuchtungsprüfung mit stationären oder mobilen Röntgeneinrichtungen, sei es für Schweißnähte oder Gussteile. Außer der zerstörungsfreien Materialprüfung (ZfP) sind insbesondere Anwendungsgebiete der Röntgenstrahlen außerhalb des medizinischbiologischen Bereichs zu nennen (Bild 1):Montagekontrolle von Rohren,Qualitätsüberprüfung elektrischer und elektronischer Komponenten,Qualitätssicherung bei Reifen, Durchleuchtung von (Reise-) Gepäck am Flughafen,Durchleuchtung bei Post und Zoll und, etwas exotisch, die Forensische Archäologie (Altertumsforschung).Leider haben Menschen kein Organ, mit dem Röntgenstrahlen „gesehen“, „geschmeckt“ oder „gefühlt“ werden könnten. Umso umsichtiger und verantwortungsbewusster muss der Strahlenschutz betrieblich organisiert und täglich neu gelebt werden (Bild 2). Strahlenschutz heißt nicht allein, Abschirmwände aus Blei aufzubauen oder Bleiglasfenster zu verwenden, sondern sein ganzes Verhalten der Gefährlichkeit der Röntgenstrahlen anzupassen. Dieser Leitgedanke ist in der Röntgenverordnung (RöV) in der Neufassung vom 30. April 2003 ausformuliert.In den §§ 2c und 15 RöV heißt es dazu:jede unnötige Strahlenexposition von Menschen ist zu vermeiden,jede Strahlenexposition von Menschen unter Berücksichtigung aller Umstände des Einzelfalles auch unterhalb der in den §§ 31a bis 31c und 32 RöV festgesetzten Grenzwerte ist so gering wie möglich zu halten.In der Fachkunde-Richtlinie Technik nach RöV wird dazu präzisiert:Eine Voraussetzung zur Gewährleistung dieser Forderungen ist, dass die Personen, dieden genehmigungs- oder anzeigebedürftigen Betrieb von Röntgeneinrichtungen (§§ 3,4 RöV),den genehmigungsbedürftigen Betrieb von Störstrahlern (§ 5 RöV) oderdie geschäftsmäßige Prüfung, Erprobung, Wartung oder Instandsetzung von Röntgeneinrichtungen einschließlich der Qualitätssicherung nach §§ 16 und 17 RöVoder von Störstrahlern (§ 6 RöV) leiten, beaufsichtigen, eigenverantwortlich leiten oder Sachverständigenprüfungen vornehmen (§ 4a (1) RöV)oder in Zusammenhang mit dem Betrieb fremder Röntgeneinrichtungen oder Störstrahler eigenverantwortlich Aufgaben wahrnehmen oder Personen beschäftigen, die erforderliche Fachkunde im Strahlenschutz besitzen.Verordnung regelt denUmgang mit RadionuklidenDamit wurde die EU-Richtlinie 96/29/EURATOM in Deutschland in nationales Recht umgesetzt. Der Strahlenschutz in Deutschland ist dabei zweigliedrig angelegt: Die Röntgenverordnung (RöV) gilt gleichermaßen für fest installierte und mobile Röntgeneinrichtungen von 5 keV bis 1 MeV als auch für Störstrahler, bei denen die Röntgenstrahlung quasi „nebenbei“ entsteht und nicht der eigentliche Zweck der Apparatur ist. Die Strahlenschutzverordnung (StrlSchV) regelt den Umgang mit offenen und umschlossenen Radionukliden, mit Linearbeschleunigern und mit Gammastrahlern. Werden bei der Durchstrahlungsprüfung Energien größer als 1 MeV angewandt, so muss auch für Röntgenstrahlen die Strahlenschutzverordnung beachtet werden, über die wir in einer separaten Ausgabe berichten werden. Als Maß für die Strahlenexposition und damit für die mögliche biologische Wirkung der Röntgenstrahlen hat sich die Einheit Sievert (kurz Sv), beziehungsweise der tausendstel Wert (mSv) in der Praxis und Anwendung bestens bewährt. Entsprechend der zu erwartenden Strahlenexposition am Arbeitsplatz sind nach RöV bestimmte Strahlenschutzbereiche gegeneinander abzugrenzen, wie etwa -der Überwachungsbereich ( > 1 mSv / Jahr)-der Kontrollbereich ( > 6 mSv / Jahr)Ferner sind alle beruflich strahlenexponierten Personen des Betriebs je nach zu erwartender maximaler Strahlenbelastung in Kategorie A oder B vom Strahlenschutzbeauftragten einzuteilen -Kategorie A: > 6 mSv pro Jahr-Kategorie B: > 1 mSv pro JahrVon besonderer Bedeutung ist die betriebliche Organisation des Strahlenschutzes:die Benennung eines Strahlenschutzbeauftragten (gegebenenfalls identisch mit dem Strahlenschutzverantwortlichen), dessen innerbetrieblicher Entscheidungsbereich schriftlich festzulegen ist,die praktische Schulung aller Mitarbeiter, die mit Röntgenstrahlen umgehen, sowiediejährliche Unterweisung der Mitarbeiter (Kategorie A und B) nach § 36 RöV).Nicht allen ist dabei bekannt, dass sämtliche Mitarbeiter, die mit Röntgenstrahlen arbeiten, je nach Aufgabengebiet unterschiedliche Fachkunden erwerben müssen. Die einzelnen Fachkundegruppen sind laut Fachkunde-Richtlinie Technik RöV von R1 bis R11 eingeteilt und können im Internet unter der am Endes des Beitrages stehenden Webadresse eingesehen und kostenlos heruntergeladen werden. Dabei ist zu beachten, dass aus Gründen des Qualitätsmanagements und der möglichen juristischen Folgen bei Nichtbeachtung die Fachkunde im Strahlenschutz mindestens alle fünf Jahre durch eine erfolgreiche Teilnahme an einem von der zuständigen Stelle anerkannten Kurs, dem so genannten Aktualisierungskurs, „aufgefrischt“ werden muss. Röntgen-Consult bietet solche eintägigen Kurse (auf Wunsch auch inhouse) praxisnah an.Personen, die unter Aufsicht und Verantwortung einer Person mit der erforderlichen Fachkunde im Strahlenschutz Röntgenstrahlung in der Technik anwenden oder die Anwendung technisch durchführen, müssen Kenntnisse im Strahlenschutz (§ 30 (2) RöV) besitzen. Dies wird in einem mehrstündigen Kenntniskurs von Röntgen-Consult praxisnah vermittelt.Strahlenschutz ist ein äußerst komplexes juristisches und technisch-physikalisches Thema, weshalb eine erstklassige fachkundige Beratung das „A und O“ für den reibungslosen Ablauf des Produktionsprozesses und der Qualitätskontrolle ist. Röntgen-Consult hat daher die Aufgabe, Personen im technischen und medizinischen Bereich in allen Fragen des Strahlenschutzes nach RöV und StrlSchV zu beraten und insbesondere das dafür erforderliche Wissen anzubieten.

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