Suchen

Situationsbezogen führen

Vom Umgang mit Vorurteilen

| Autor/ Redakteur: Stefan Häseli / Melanie Krauß

Auch für Führungskräfte ist es nicht immer einfach, ihren Mitarbeitern vorurteilsfrei gegenüberzutreten – insbesondere, wenn bereits im Vorfeld negative Geschichten die Runde machen. Wie eine gute Zusammenarbeit trotzdem gelingen kann, zeigt dieser Beitrag.

Firmen zum Thema

Gelegentlich hören Führungskräfte bereits im Vorfeld über schlechte Erfahrungen mit einem Mitarbeiter. Dennoch sollten Sie verhindern, dass die Vorurteile einen Einfluss auf die Zusammenarbeit haben.
Gelegentlich hören Führungskräfte bereits im Vorfeld über schlechte Erfahrungen mit einem Mitarbeiter. Dennoch sollten Sie verhindern, dass die Vorurteile einen Einfluss auf die Zusammenarbeit haben.
(Bild: ©sharpshutter22 - stock.adobe.com)

Führung ist eine vielschichtige Aufgabe. Die Kombination von Zielen, Aufgaben und beteiligten Mitarbeitern ist immer wieder neu und individuell. Trotzdem gibt es Situationen, die stets in ähnlicher Form auftreten und auf die man sich vorbereiten kann. In unserer Serie „Situationsbezogen führen“ zeigen wir Ihnen Beispiele für solche kniffeligen Führungssituationen und geben Ihnen konkrete Lösungsansätze an die Hand.

Die Situation: Vorurteile gegenüber dem eigenen Mitarbeiter

Ein Teamleiter im Bereich Produktion pflegt ein sehr kollegiales Verhältnis zu seinen Mitarbeitern. Drei seiner fünf Mitarbeiter waren früher Kollegen des inzwischen mit Führungsverantwortung betrauten Teamleiters. Für ein Großprojekt mit zusätzlichen Schichten werden dem Team für drei Wochen drei weitere Arbeiter zugeteilt. Die Namensliste wird dem Teamleiter wenige Tage vor Projektstart übergeben.

Zwei der neuen Mitarbeiter kennt der Teamleiter aus früheren Projekten, wobei es mit einem große Disziplinprobleme (sehr unpünktlich) gab. Der andere hat den Eindruck hinterlassen, ein sehr arbeitsamer, aber eher verschlossener Kollege zu sein. Der dritte Neuling ist dem Teamleiter nicht persönlich bekannt. Der Vorgesetzte erwähnte jedoch, dass er kein unbeschriebenes Blatt sei, weil er schon in diversen anderen Projekten negativ aufgefallen sei. Jetzt erhält er nochmals eine letzte Chance.

Der Lösungsansatz

Professionelle Führung verlangt, sich allen Mitarbeitenden gegenüber fair und korrekt zu verhalten. Vorurteilsfrei zu sein, ist die Tugend der Stunde: Es liegt jedoch in der Natur des Menschen, sich aufgrund erster Eindrücke möglichst rasch ein Urteil zu bilden – ein automatisiertes System, das durch Teilinformationen und Informationen aus zweiter Hand schnell zu Vorurteilen führen kann.

Um das zu vermeiden, heißt es zunächst für sich selbst zu klären: Habe ich Vorurteile oder nicht? Danach gilt es, das Gespräch mit jedem Einzelnen zu suchen und darüber zu reden, eventuelle Eigenheiten zu akzeptieren und somit eine Chance zu eröffnen. Vom „alten“ Team darf, soll und kann ebenfalls verlangt werden, den neuen Kollegen eine Chance zu geben. Wichtig ist, die Entwicklung zu verfolgen, um als Führungskraft gegebenenfalls frühzeitig zu intervenieren, also klar Stellung zu beziehen.

Die Nützlichkeit von Vorurteilen

In der Urzeit war es überlebensnotwendig, sich schnell ein Urteil zu bilden. Das Rascheln im Busch, gepaart mit einem Löwengejammer – da hatten Sie keine Zeit, eine SWOT-Analyse zu machen und dann mögliche Ideen, wie Sie einen Weg um das Gebüsch herum finden, auf einer Excel-Tabelle aufzulisten. Da gab es nur eines: weg! – und nachher überlegen, was sie gewonnen oder verloren haben.

Das ist das Geniale im menschlichen Bauplan, dass er solche Mechanismen eingebaut hat. Jetzt sind wir aber so, dass das Rascheln und Gejammer nicht mehr so frugal und archaisch daherkommt wie damals. Gefahren sind neue dazu gekommen und der Mechanismus hat sich angepasst. Sie fahren Auto, sehen einen Ball von rechts auf die Straße rollen – das Hirn hat kapiert – ein Vorurteil – jetzt bremsen, ein Kind könnte folgen.

Genial – denn bei der ursprünglichen Konstruktion des menschlichen Hirns vor Jahrmillionen von Jahren, hat man den Fall „Ball von rechts in die Straße“ ganz sicher nicht programmiert. Das Hirn lernt aufgrund von Erfahrungen und Berichten. Das ist gut so. Meistens. Denn mit diesem System hole ich mir auch Nachteile. Es arbeitet automatisch. Ich habe da mal gehört, dass…. und schon habe ich ein Vorurteil gegenüber einer Menschengruppe.

Das zu freveln ist okay, bringt aber wenig. Denn wir haben sie alle, die Vorurteile. Es reicht im Grunde schon fast, sie sich im ersten Schritt bewusst zu machen, und dann im zweiten zu versuchen, sie mit einer Umdeutung abzuschwächen.

Fazit
  • Machen Sie sich Ihre eigenen Vorurteile bewusst!
  • Versuchen Sie Ihre Vorurteile im persönlichen Gespräch mit dem Mitarbeiter auszuräumen!
  • Greifen Sie als Führungskraft frühzeitig ein, wenn Sie im Team Auswirkungen von Vorurteilen bemerken!
  • Haben auch Sie schon Erfahrungen mit dieser oder ähnlich kniffligen Führungssituationen gemacht? Berichten Sie uns gerne über Ihre Erfahrungen!

    * Stefan Häseli ist Speaker bei der Atelier Coaching & Training AG in 9200 Gossau (Schweiz), Tel. +41 71 26 02 22 6, info@atelier-ct.ch, www.atelier-ct.ch

    Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de (ID: 45759963)