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Interview mit Dr. Heinz-Jürgen Prokop Wissenstransfer in der Industrie muss keine Einbahnstraße sein

| Autor: Mag. Victoria Sonnenberg

Wie geht es den deutschen Werkzeugmaschinenbauern, was lässt hoffen und stimmt optimistisch und was oder wer schürt derzeit Unsicherheit? Im Vorfeld zur EMO Hannover gibt uns Dr. Heinz-Jürgen Prokop, Vorsitzender des VDW (Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken), im Interview einen Einblick in aktuelle Themen rund um die Metall verarbeitende Industrie.

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Dr. Heinz-Jürgen Prokop, Vorsitzender des VDW (Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken), Frankfurt am Main.
Dr. Heinz-Jürgen Prokop, Vorsitzender des VDW (Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken), Frankfurt am Main.
(Bild: VDW)

Signale der Abkühlung kamen in letzter Zeit nicht nur vom Wetter, sondern auch aus den Auftragsbüchern deutscher Werkzeugmaschinenhersteller. Mittelfristig bleibt aber die Zuversicht, so die Einschätzung Prokops, seines Zeichens nicht nur VDW-Vorsitzender, sondern seit 1. Juli zudem CEO des Geschäftsbereichs Werkzeugmaschinen bei Trumpf. Zuversichtlich ist er auch beim Thema USA und China. Während die einen noch meckern und mauern, erkennen wiederum andere neue Chancen einer Zusammenarbeit – ganz ohne Mauern und Protektionismus. China und Deutschland wollen nun gemeinsam für Innovation stehen und ganz passend zum EMO-Hannover-Slogan „Connecting systems for intelligent production“ unter anderem die Themen Automatisierung und digitale Vernetzung der Produktion gemeinsam gestalten.

Herr Prokop, die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie war Anfang des Jahres in Topform. Wie lautet Ihre Bilanz zur Jahresmitte? Behält die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie den Kurs von 2016 auch in diesem Jahr?

Aufgrund positiver Trends in den Exportmärkten konnten deutsche Werkzeugmaschinenhersteller im ersten Quartal ein Exportplus von 5 % verbuchen. Zwischenzeitlich gab es beim Auftragseingang zwar Signale für eine Abkühlung, mittelfristig sind wir aber auch hier zuversichtlich. Seit Anfang des Jahres stiegen zum Beispiel die Auftragseingänge aus dem Euroraum um 25 %. Wir erwarten, dass fast alle wichtigen Abnehmerbranchen der Werkzeugmaschinenindustrie ihre Investitionen im laufenden Jahr hochfahren werden.

Wie steht es um den Optimismus oder gar die Erwartungen, wenn man an das US-Geschäft denkt?

Bei Trumpf erleben wir derzeit ein gutes Investitionsklima in den USA. Dennoch ist es sicherlich ratsam, eher verhalten optimistisch zu sein. Natürlich spürt man eine gewisse politische Unsicherheit. Ich bin allerdings davon überzeugt: Alles, was in Richtung Protektionismus geht, hat der Wirtschaft immer geschadet. Aus eigener Kraft werden die USA ihren Bedarf an Werkzeugmaschinen kaum decken können. Noch 2016 wurde mehr als die Hälfte des Verbrauchs importiert.

Unlängst bekannten sich China und Deutschland zum freien Handel und offenen Märkten. In der neuen Freundschaft soll auch die Zusammenarbeit bei Industrie 4.0 inbegriffen sein. Wie schätzen Sie hierbei das Potenzial ein?

Der Markt in China entwickelt sich zurückhaltender als ursprünglich von vielen vorausgesagt wurde. Dennoch sehen wir hier große Potenziale, gerade bei den Themen Automatisierung und digitale Vernetzung der Produktion. Die Menschen in China lassen sich für diese Themen sehr begeistern. Von dieser Begeisterung und der hohen Umsetzungsgeschwindigkeit des chinesischen Marktes können auch wir in Deutschland wiederum profitieren.

Freundschaft und Zusammenarbeit klingt im ersten Moment großartig, aber China ist seit geraumer Zeit in Deutschland auf Einkaufstour. Befürchten Sie einen Verlust an technischer Kompetenz und beschleunigt die neue Freundschaft diesen?

Die enge Zusammenarbeit auf Unternehmensebene geht sicher auch mit dem Transfer von technologischem Wissen einher, das liegt in der Natur der Sache. Entscheidend ist ein insgesamt fairer Austausch, etwa über einen erweiterten Marktzugang. In der Kooperation wachsen die eigenen Erfahrungen und Kompetenzen, sodass der Wissenstransfer keine Einbahnstraße sein muss – nicht zuletzt, da auch in chinesischen Unternehmen der technologische Standard erheblich steigt.

Mal mehr und mal weniger ernstzunehmende Konkurrenz zur Zerspanung wird auch in der Additiven Fertigung, bei Robotern und allem voran im E-Motor gesehen – wie kann oder wie muss sich die Branche darauf einstellen?

Diese Technologien werden mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten unsere Märkte verändern. Roboter sind die stringente Weiterentwicklung des Automationsprinzips, von dem Werkzeugmaschinenhersteller schon seit Jahrzehnten profitieren – sie sind damit Chance und nicht Bedrohung für die Branche. Die Additive Fertigung ist noch eine recht junge Technologie, die gerade bei kleineren Losgrößen mit speziellen Anforderungen glänzt. Ein Einsatzfeld bietet sich auch in der Kombination mit traditionellen Fertigungsverfahren, um die Vorteile der beiden Welten miteinander zu verbinden. Beim E-Motor hängt es sicherlich auch von der Politik ab, wie schnell er sich umfassend durchsetzen wird. Klar ist: Diese Technologien kommen! Wir müssen uns auf sie einstellen und Lösungen finden.

Das Motto der EMO Hannover ist „Connecting systems for intelligent production“: Frage an Sie als VDW-Vorstand: Inwiefern beeinflusst Industrie 4.0 Ihrer Meinung nach die Zerspanungsbranche?

Die digitale Transformation wird Produktionsprozesse revolutionieren. 50 % Produktivitätssteigerung sind da kein Hexenwerk. Dazu müssen Maschinen aktive Teilnehmer der Prozesse werden und sich uns mitteilen können. Industrie 4.0 ist fertig, wenn Daten und Material automatisiert synchron laufen. Dazu fehlen uns vor allem in der physischen Welt noch viele Lösungen. Ein wunderbares Betätigungsfeld für die kommenden zehn Jahre. Das Motto der EMO Hannover greift daher das aus meiner Sicht wichtigste Zukunftsthema unserer Branche auf.

Frage an Sie als Trumpf-Geschäftsführer: Inwiefern beeinflusst(e) Industrie 4.0 das Geschäftsmodell von Trumpf?

Nicht umsonst sprechen wir von der vierten industriellen Revolution: Während in der Vergangenheit die Differenzierung der einzelnen Maschinen oder Applikationen hauptsächlich über die Technologie erfolgte, wird in der Zukunft derjenige die Nase vorn haben, der die digitale Vernetzung der Fertigungsprozesse am besten unterstützt oder gar meistert. Verschiedenste neue Geschäftsmodelle werden entstehen und die neue Lösungswelt Stück für Stück anreichern. Bei Trumpf heißt das Truconnect.

Erstmals wird es zur EMO den Sonderstand Start-ups geben. Bereits vor zwei Jahren gründete Trumpf mit Axoom sein eigenes Start-up. Zu welchem Zweck, und ist der Plan aufgegangen?

Digitale Vernetzung funktioniert nur, wenn man sie ganzheitlich auffasst. Deshalb war es uns wichtig, eine Plattform zu entwickeln, die auch Maschinen anderer Hersteller und Branchen integriert. Dafür schien es uns sinnvoll, ein Unternehmen zu gründen, das von Trumpf unabhängig agiert und als eigenständige Marke am Markt auftritt. Die Unterschiedlichkeit der Branchen, aus der unsere Interessenten heute kommen, zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Seither ist einige Zeit ins Land gegangen und Axoom hat große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Wie rekapitulieren Sie die Entwicklung?

Das Interesse an der Plattform ist enorm, das spüren wir an der Zahl der Anfragen von Kunden, aber auch von Partnern, die sich beteiligen wollen. Dennoch merken wir auch, dass viele Unternehmen – auch solche aus unserer eigenen Branche – mit dem Thema noch immer fremdeln und konkrete Schritte scheuen. Der Markt ist sicherlich noch in einem frühen Stadium, entwickelt sich aber rasant. Ich bin deshalb davon überzeugt: Es geht nicht um das Ob, sondern nur um das Wann.

Welche Möglichkeiten sehen Sie noch, um heute wettbewerbsfähig zu bleiben?

Um den Anforderungen der vernetzten Welt von morgen und der Geschwindigkeit dieses Wandels gerecht werden zu können, müssen wir in der Lage sein, mit größerer Flexibilität reaktionsschnell zu handeln. Dafür hat sich der Begriff „Agile“ etabliert – eine Unternehmenskultur, in der Mitarbeiter mehr Eigenverantwortung übernehmen und situationsbezogen fachbereichsübergreifend zusammenarbeiten. Dazu sollten Führungskräfte lernen, sich mehr zurückzunehmen und eher unterstützend zu wirken, anstatt jede Entscheidung selbst treffen zu wollen. Werte wie Vertrauen, Teamgeist oder Nachhaltigkeit werden an Einfluss auf den Unternehmenserfolg gewinnen.

Wie sehen Sie die Branche bezüglich der Automatisierung aufgestellt?

In der Automatisierung verfügt die Werkzeugmaschinenbranche über einen hohen Reifegrad. Die Herausforderung liegt nun vor allem darin, geeignete Schnittstellenstandards von Automation und Maschinen zu schaffen. Nur so kann das volle Potenzial der Digitalisierung genutzt werden. Dieses Thema hat auch für den VDW hohe Priorität, unter dessen Federführung zum Beispiel das VDMA-Einheitsblatt „Beschreibung der Schnittstellen zwischen Automation und Maschine“ erarbeitet wurde.

Welchen Stellenwert hat die Automatisierung in Ihrem Unternehmen?

Automatisierung und schlanke Prozesse sind Grundvoraussetzung dafür, ein digital vernetztes System zu schaffen. Neben der Durchgängigkeit in den Daten benötigen wir einen durchgängigen und möglichst störungsfreien Material- und Teilefluss. Das kann auch neue Maschinenkonzepte hervorrufen. Benötigt werden vollautomatisierte Fertigungszellen als zuverlässige Teilelieferanten für Folgeprozesse, die die führende Prozesssoftware mit den notwendigen Informationen versorgen.

Neben der Pionierrolle im Industrie-4.0-Bereich ist Trumpf Treiber von Technologien. Welches Highlight stellen Sie auf der EMO aus?

Wir sind mit unserem Bereich Additive Manufacturing auf der EMO Hannover und stellen dort unser Produktportfolio in Sachen 3D-Druck aus. Weiterhin hat Axoom einen Stand in der Industrie-4.0-Area des VDW.

Worauf sind Sie selbst besonders gespannt?

Auf die Begegnung mit unserem Bundespräsidenten auf der Eröffnungsfeier und darauf, zu sehen, wie viel Fahrt Industrie 4.0 mittlerweile aufgenommen hat.

Zum ersten Juli 2017 haben Sie bei Trumpf die Verantwortung für den Geschäftsbereich Werkzeugmaschinen übernommen. Wie soll sich die Umstrukturierung auf die Zukunft von Trumpf auswirken?

Die Neuaufstellung der Trumpf-Geschäftsführung ist ein ausdrückliches Bekenntnis dazu, Freiräume für Zukunftsthemen zu schaffen sowie den digitalen Wandel im Maschinenbau maßgeblich mitzugestalten. Wir werden unser Kerngeschäft mit der gleichen Konzentration wie bisher betreiben und schaffen gleichzeitig gezielt Managementkapazität für das Neue.

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Mag. Victoria Sonnenberg

Mag. Victoria Sonnenberg

Redakteurin MM MaschinenMarkt, MM MaschinenMarkt