Geschichte von ABB

Brown und Boveri, Pioniere der Elektrifizierung

Seite: 2/2

Anbieter zum Thema

Visionen und zukunftsorientierte Projekte

Walter Boveri, obwohl technisch durchaus versiert, ist eher die Rolle des wagemutigen Geschäftsmanns und Verwalters zugeschrieben. Er wird als dritter von vier Söhnen des Arztes Theodor Boveri in Bamberg im Jahr 1865 geboren. Er schließt als Zwanzigjähriger die königliche Maschinenbauschule in Nürnberg ab und zieht daraufhin als Maschinentechniker in die Schweiz. Dort ist er zunächst Volontär und wenig später Montageleiter für elektrische Anlagen bei der Maschinenfabrik Oerlikon (MFO). Boveris schnelle Auffassungsgabe und sein sicheres Urteilsvermögen führen ihn zur engeren Zusammenarbeit und bald zur Freundschaft mit Charles E. L. Brown, der zu dieser Zeit bereits die elektrische Abteilung der MFO leitet. Bald wird Walter Boveri mit der Montageleitung für elektrische Beleuchtungsanlagen im In- und Ausland betraut. 1886 leitet er mit großem Stolz die Montage und Inbetriebnahme der von Brown konzipierten, berühmten ersten industriellen Stromübertragung der Schweiz von Kriegstetten nach Solothurn.

Kapital durch Heirat

Walter Boveri begibt sich für die MFO bald auf einige Auslandsreisen. Sein diplomatisches Verhandlungsgeschick, gepaart mit fachlicher Kompetenz und gutem Entscheidungsvermögen, kommt ihm zugute und er erhält Einblick in Zukunftsperspektiven und Gewinnmöglichkeiten im Gebiet der Elektrotechnik. So keimt in ihm der Gedanke, eine eigene Firma zu gründen. Diese Idee teilt er mit seinem Freund und Vorgesetzten Charles Brown. Boveri veranschlagt nach einigen Analysen 1888 den benötigten Kapitalbedarf mit mindestens 500.000 CHF. Die zwei jungen Männer sind zu diesem Zeitpunkt gerade 23 und 25 Jahre alt. Ein Jahresgehalt beläuft sich auf 3000 CHF. Die Suche nach Investoren bleibt zunächst erfolglos. Trotzdem sucht Boveri parallel auch nach einem geeigneten Standort für ein neues Fabrikgebäude. Die Brüder Pfister, Badener Kaufleute, schreiben ihn direkt an, weil sie die Stadt Baden elektrifizieren möchten. Gleichzeitig können Pfisters ihnen ein geeignetes Gelände für einen Fabrikbau vermitteln.

Im Jahr 1890 lernt Walter Boveri den Zürcher Seidenindustriellen Conrad Baumann kennen, der sich nicht nur für die Pläne der beiden Pioniere interessiert, sondern auch noch eine Tochter, Victoire, hat. Dann geht es schnell. 1891 heiratet Boveri Victoire Baumann und erhält vom Schwiegervater ein großzügiges Darlehen. Im Dezember 1890 schließen Brown und Boveri einen Assoziationsvertrag; drei Monate später wählen sie Baden als Firmenstandort. Am 2. Oktober 1891 wird die Brown, Boveri & Cie. (BBC) gegründet. Den Betrieb nimmt das Unternehmen mit rund 100 Arbeitern und 24 Angestellten auf. Den Auftrag für die Elektrifizierung von Baden haben Brown und Boveri bereits vor der Firmengründung erhalten.

Wagemutiger Geschäftsmann

Während Brown sich um den technischen Fortschritt des Unternehmens kümmert, nimmt Boveri, obwohl technisch ebenfalls begabt, immer stärker die Rolle des visionären kaufmännischen Leiters ein und zeigt großes Geschick im Aushandeln von Verträgen. Er gelangt zur Überzeugung, dass für die Projektierung, die Finanzierung und den Bau von Kraftwerken ein weiteres Unternehmen nötig sei. Deshalb gründet er 1895 in Baden die „Motor AG für angewandte Elektrizität“, die spätere Motor-Columbus. In rascher Folge werden im In- und Ausland immer größere und stärkere Anlagen zur Stromgewinnung realisiert, die für BBC neue Aufträge und eine schnelle technische und kommerzielle Weiterentwicklung bedeuten. In dieser Zeit entstehen viele andere schweizerische Elektrizitätswerke und Stromverteilungsgesellschaften, von denen viele die Handschrift Boveris tragen und die er auch meist präsidiert. Damit wird er auch zum Pionier in der schweizerischen Elektrizitätswirtschaft.

Ein weiterer wichtiger Förderungsbereich von Walter Boveri ist die Bahn-Elektrifikation. Seine Bemühungen in diesem Bereich tragen ihm ein Verwaltungsratsmandat der SBB zu. Auch lokal ist er engagiert. Für die Stadt Baden stellt er sich jahrelang als Präsident der Budget- und Rechnungskommission zur Verfügung. Schon 1893 hat er die Schweizer Staatsbürgerschaft erhalten. Um 1900 zählt BBC bereits über 1700 Mitarbeitende. Es ist Boveris Verdienst, dass BBC danach zum internationalen Grosskonzern ausgebaut wird. Es folgen Neugründungen und Übernahmen von anderen Unternehmen im Ausland. Nach Browns Rückzug ins Privatleben ist Boveri von 1911 bis 1924 Verwaltungsratspräsident der BBC. Verwöhnt von den Jahren des Aufschwungs, sind die Krisenjahre aufgrund des Ersten Weltkriegs für den Unternehmer nur schwer zu ertragen. Rohstoffe wie das für die Elektroindustrie wichtige Kupfer werden immer knapper und teurer. Von 1921 bis 1924 erhalten die BBC-Aktionäre keine Dividende. Nachdem sich Walter Boveri nie ganz von einem schweren Autounfall erholt, stirbt er ein halbes Jahr nach Charles Brown am 28. Oktober 1924 kurz vor seinem 60. Geburtstag. Seine Erfolge liegen in der Finanzierung und der Verwaltung, wobei ihm sein Ingenieurwissen und das Gespür für die Elektrizität stets zugutekamen – und sein Wagemut.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der ABB Schweiz, weitere Berichte zu 125 Jahre ABB im Kundenmagazin „about“ von ABB Schweiz, Ausgabe 4/2016.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf unserem Partnerportal www.maschinenmarkt.ch

(ID:46619986)