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Rechtsfragen

Die ungeklärten Fragen der Juristen in der Additiven Fertigung

| Autor: Simone Käfer

Je tiefer sie in die Technik der Additiven Fertigung vordringen, umso mehr Fragen stellen sich die Rechtsberater des VDI-Fachausschusses Additive Manufacturing. Die zwei großen Themen sind Datensicherheit und Leistungsbeziehungen.

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Die Additive Fertigung wirft neue Rechtsfragen auf. Die großen Themen ergeben sich aus der digitalen Arbeitsweise und den veränderten Liefer- und Leistungsbeziehungen.
Die Additive Fertigung wirft neue Rechtsfragen auf. Die großen Themen ergeben sich aus der digitalen Arbeitsweise und den veränderten Liefer- und Leistungsbeziehungen.
(Bild: ©Sebastian Duda - stock.adobe.com)

Ein Maschinenbauer gibt bei einem Dienstleister für Additive Fertigung zehn Bauteile in Auftrag. Selbstverständlich wird im Vertrag eine Qualitätsprüfung festgehalten, die Bauteile müssen einer Zugfestigkeit von 450 MPa standhalten. Da die Prüfungen die Grenzen des Bauteils austesten, wird es dabei zerstört. Also baut der Auftragsfertiger einen Prüfkörper auf. Dieser erlangt in den Tests die vertraglich festgelegte Zugfestigkeit. Doch beim Auftraggeber brechen die ersten gelieferten Bauteile bereits beim Einbau. Seine Tests ergeben eine Zugfestigkeit von 250 MPa. Woher kommt dieser immanente Unterschied? Und wer zahlt den Schaden – bleibt der Maschinenbauer auf den Kosten sitzen, haftet der Dienstleister oder gar der Werkstofflieferant?

Solche Fragen wurden Anfang März in Köln diskutiert, wo sich der VDI-Fachausschuss „Rechtliche Aspekte der Additiven Fertigungsverfahren” traf. Seine Teilnehmer sollen die Wertschöpfungskette des Verfahrens widerspiegeln: Anlagenhersteller, Dienstleister, Materialhersteller, Universitäts- und Forschungseinrichtungen, Anwender und Juristen. Der stellvertretende Vorsitzende des Fachausschusses ist Marco Müller-ter Jung, Fachanwalt für Informationstechnologierecht und Partner der internationalen Wirtschaftskanzlei DWF. Nach einem ersten Ein­arbeiten in die Technik konnte er feststellen: „Nicht alles ist neu – rechtlich gesehen.” Die Beruhigung hält nur kurz an, denn: „Auch wenn viele Rechtsfragen bereits von herkömmlichen Fertigungsmethoden bekannt sind, wie die Zulässigkeit einer Ersatzteilfertigung durch Dritte, gibt es doch einige Fragen, die spezifisch für die Additive Fertigung sind.”

„Nicht alles ist rechtlich neu. Aber spezifische Rechtsfragen gibt es”, Marco Müller-ter Jung LL.M. (Informationsrecht) ist Fachanwalt für IT-Recht in der internationalen Wirtschaftskanzlei DWF und berät Unternehmen rechtlich bei der Entwicklung neuer Techniken.
„Nicht alles ist rechtlich neu. Aber spezifische Rechtsfragen gibt es”, Marco Müller-ter Jung LL.M. (Informationsrecht) ist Fachanwalt für IT-Recht in der internationalen Wirtschaftskanzlei DWF und berät Unternehmen rechtlich bei der Entwicklung neuer Techniken.
(Bild: M.Vennemann; DWF)

Besonderheiten rund um die Datensicherheit

Spezifische Fragen, die in der Additiven Fertigung aufkommen, drehen sich in erster Linie um Daten­sicherheit. Der VDI-Ausschuss könnte hier das IT-­Sicherheitsgesetz als Lösung anführen, „aber dieses richtet sich in erster Linie an Betreiber kritischer Infrastrukturen. Hier geht es aber darum, die Authentizität, Verfügbarkeit und Integrität der Daten selbst zu gewährleisten“, gibt Müller-ter Jung zu bedenken. Zum anderen müssen bereits die CAD- und Konstruktionsdaten einem rechtlichen Schutz zugänglich sein, die, gerade wenn es um Auftragsfertigung geht, auf digitalem Wege zwischen den Unternehmen ausgetauscht werden und sehr viel Know-how und geistiges Eigentum enthalten. Auch vor dem Aufkommen des 3D-Drucks gab es Konstruktionsdaten, doch war das Verbreiten dieser – unter anderem durch nicht kompatible Programme – schwieriger. Inzwischen, wo eine Datenübertragung über mehrere Beteiligte der Prozesskette hinweg zu den Voraussetzungen für eine produktive Fabrik und für die Additive Fertigung gehört, können Daten einfacher transportiert werden. Das führte – bisher hauptsächlich in der Maker-Szene, aber auch Ansätze in der Industrie sind erkennbar – zum Aufkommen von Plattformen, die Druckdaten frei oder zu einem kleinen Preis zum Download bereitstellen. Konstruktionsdaten werden also zunehmend eine Handelsware.

Zu den technischen Gegebenheiten der Additiven Fertigung gehört auch die Konvertierung von Datensätzen in andere Datenformate. Diese Konvertierungen stehen ebenfalls im Fokus des VDI-Fachausschusses. „Wie wird gewährleistet und gesichert, dass die Daten und deren Inhalt, also die technischen Beschreibungen, unverändert bleiben?“, fragt Müller-ter Jung. Hier geht es nicht nur um geistiges Eigentum und Know-how. Wie oft haben Sie schon erlebt, dass wegen einer neuen Version des Betriebssystems oder wegen eines Updates plötzlich das wichtigste Arbeitstool nicht mehr richtig funktioniert? Das kann einen einige Nerven kosten. Aber werden die Konstruktionsdaten eines Bauteils geändert, auch wenn es nur durch einen Übertragungsfehler ist, dann kann dies das Bauteil und seine Qualität beeinflussen.

Rückverfolgbarkeit ist noch ein Problem

Das Thema Datensicherheit schließt auch Traceability mit ein. Zur Idee der smarten Fabrik gehört, dass jedes Element eines Bauteils per RFID- oder sonstigem Code nicht nur seine genaue Position bekannt gibt, sondern auch, welcher Produktionsschritt ihm gerade widerfährt und welches Werkzeug sich schon mal auf den Weg machen kann, weil das Bauteil gleich von ihm bearbeitet werden will. Auch wenn das in den meisten Fällen noch nicht realisierbar ist, so gehört die Rückverfolgbarkeit eines Bauteils und seiner Elemente über die Maschinen, die es wann und wie bearbeitet haben, bis zum Bergwerk, aus dem das Rohmaterial für den Werkstoff geschürft wurde, zur gehobenen Qualitätssicherung. Ganz nebenbei geht es auch um Produktpiraterie.

Die Krux liegt jedoch in den im 3D-Metalldruck beliebten pulverbettbasierten Verfahren. „Wenn eine dünne Pulverschicht nach der anderen präzise mit dem Laser geschmolzen wird, wie bekommen Sie den Datenträger ins Pulverbett? Und wie verschmelzen Sie ihn mit dem Metall?“, stellt Müller-ter Jung die offensichtliche Frage. Bei einem Auftragverfahren wie dem FFF sei das schon eher möglich, da beispielsweise der Druckprozess einfacher unterbrochen werden könnte, führt Müller-ter Jung an. Allerdings verliert dadurch die Additive Fertigung einen wichtigen ihrer Vorteile: Die Prozesse laufen allein, gerne über Nacht, ohne Beaufsichtigung. Für diese Probleme eine Lösung zu finden, daran arbeiten auch Techniker, die dem VDI-Ausschuss angehören.

Die Zusammenarbeit ändert sich

Die zweite große Frage dreht sich um veränderte Liefer- und Leistungsbeziehungen zwischen den Beteiligten der Wertschöpfungskette. Die Beteiligten sind: der Konstrukteur und Designer, der Auftrag­geber, der Auftragsfertiger, der Materiallieferant und durch die Maschine auch der Maschinenhersteller. Eine jede dieser Parteien hat Verantwortlichkeiten, Mitwirkungs- oder Beratungspflichten, die klar verstanden und voneinander abgegrenzt werden müssen. Zunächst dreht sich alles um das Material. Nicht ein jeder Werkstoff, der in subtraktiven Verfahren verwendet wurde, kann auch 3D-gedruckt werden. Also muss der Konstrukteur die spezifischen Eigenschaften des möglichen 3D-Druck-Materials genau kennen; aber auch das Verfahren, das möglicherweise durch das Material bestimmt wurde, und die Maschine. Denn nicht jede Maschine ist gleich. Zudem können die Eigenschaften und Qualität des Metallpulvers von Charge zu Charge schwanken, was Auswirkungen auf die Qualität und Reproduzierbarkeit des Bauteils hat. Damit ein Bauauftrag gelingt, müssen die einzelnen Beteiligten entsprechend zusammenwirken, keiner kann mehr losgelöst von anderen vor sich hin arbeiten. „Das wirkt sich natürlich auf die Vertragsgestaltung aus. Sie muss größeren Haftungs- und Gewährleistungsrisiken vorbeugen, die erst sichtbar werden, wenn man tiefer in die Technik vordringt“, erklärt Müller-ter Jung.

Denken wir an das Beispiel der gescheiterten Qualitätsprüfung: der Prüfkörper war perfekt, die Bauteile unbrauchbar. Grund für dieses Phänomen war vermutlich, dass der Prüfkörper an einer anderen Stelle im Bauraum gefertigt wurde, als die wirklichen Bauteile. Bedingt durch technische Eigenheiten des 3D-Druckers, beispielsweise eine ungleichmäßige Beheizung der Plattform oder die schwächere Leistung eines Lasers, hat die Qualität der Bauteile gelitten. Wie sichert man sich nun vertraglich ab, damit der Schaden gering bleibt – sowohl bei Auftraggeber als auch Auftragsfertiger? „Zuerst muss der Auftragsfertiger dokumentieren, wie die Bauteile angeordnet waren. Denn er muss beweisen können, dass die Erkenntnisse, die er für den Prüfkörper gewonnen hat, zwingend für die gefertigten und ausgelieferten Bauteile gelten. Dazu sollte er die technischen Gründe angeben, die ihn zu dieser Schlussfolgerung führen und die im Streitfall durch einen Sachverständigen bestätigt werden können“, antwortet Müller-ter Jung. Am sichersten ist es zurzeit, eine komplette Bauplattform mit Prüfkörpern zu füllen.

Wenn mehrere Aufträge zusammenkommen

Für Auftragsfertiger ergibt sich daraus ein mittleres Problem. Denn sie bringen oft mehrere Aufträge auf eine Bauplattform. Daher ist es bei kleineren Serien auch günstiger, einen Dienstleister zu beauftragen, anstatt selbst zu drucken. Womit das Thema Datensicherheit und -übertragung mit im Boot ist, da verschiedene Aufträge nur in einem Baujob landen, wenn vorher ihre Daten zusammengeführt wurden. „Hier arbeiten wir noch daran, die technischen Hintergründe besser zu verstehen, um eine geeignete rechtliche Lösung zu finden”, gibt Müller-ter Jung den aktuellen Stand wieder. Den Rat, den er Auftragsfertigern geben kann, ist, im Vertrag die geschuldeten Bauteil­eigenschaften, Maßstäbe der Qualitätssicherung und Fragen der Reproduzierbarkeit festzuhalten.

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Über den Autor

 Simone Käfer

Simone Käfer

Redakteurin für Additive Fertigung und Werkstoffe, MM MaschinenMarkt