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Siemens Digitalisierung ist keine Modeerscheinung

| Redakteur: Dipl.-Ing. (FH) Reinhold Schäfer

Dr. Jan Mrosik ist seit 1. Juni 2016 Leiter der Division Digital Factory der Siemens AG in Nürnberg. Wir fragten ihn nach seinen Vorstellungen und den Entwicklungsmöglichkeiten, mit denen er für seinen Bereich rechnet, und welche Ergebnisse wir davon schon auf der Hannover Messe 2017 sehen können. Dabei betrachtet er die Digitalisierung als ein Mittel, um Unternehmen wettbewerbsfähiger zu machen.

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Dr. Jan Mrosik, CEO der Division Digital Factory der Siemens AG: „Nur Unternehmen, die ihre Prozesse holistisch digitalisieren, werden wettbewerbsfähig bleiben.“
Dr. Jan Mrosik, CEO der Division Digital Factory der Siemens AG: „Nur Unternehmen, die ihre Prozesse holistisch digitalisieren, werden wettbewerbsfähig bleiben.“
(Bild: Reinhold Schäfer)

Industrie 4.0 ist seit 2011 das Hauptthema auf der Hannover Messe. Im Grunde geht es jedoch einzig darum, die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrieunternehmen zu verbessern, um durch die zunehmende Globalisierung in der zunehmend digitaler werdenden Welt bestehen zu können.

Herr Dr. Mrosik, Sie sind seit Mitte vergangenen Jahres Leiter der Division Digital Factory der Siemens AG in Nürnberg. Wie sieht ihr Aufgabenfeld im Einzelnen aus und welchen Bereich umfasst es denn genau?

In der Division Digital Factory hat Siemens in einer Organisation und Verantwortung viele wesentlichen Bereiche zusammengebracht, um die es geht, wenn wir über Industrie 4.0, diskrete Industrie und digitale Fabrik sprechen. Die Division vereint die Bereiche Product Lifecycle Management, Factory Automation, Motion Control, Control Products und Customer Services.

Warum ist die Digitalisierung für Sie ein so wichtiges Thema?

Nur mit Digitalisierung lösen wir die heutigen Herausforderungen von Industrieunternehmen weltweit: schnelleres Time-to-Market, mehr Effizienz und Flexibilität – und das bei gleichbleibender Qualität und Sicherstellung von IT-Sicherheit. Viele Hersteller wollen beispielsweise in Losgröße 1 produzieren: ob individuelle Sportschuhe oder Autos. Kaum ein Auto wird heute so gebaut wie ein zweites, aufgrund der vielen Konfigurationsmöglichkeiten. Ein typisches Beispiel für schnelles Time-to-Market sind Smartphones. Diese müssen in kürzester Zeit auf den Markt kommen, denn nur der Schnellste holt sich den größten Marktanteil und wird den größten wirtschaftlichen Erfolg haben.

Und bleibt da die Qualität nicht auf der Strecke?

Trotz Losgröße 1 kann kein Unternehmen auf Qualität verzichten. Auch bei einem hoch konfigurierten Auto müssen alle Komponenten in der richtigen Art und Weise zusammengestellt werden, damit der Käufer genau das Auto bekommt, das er bestellt hat. Außerdem erwartet er ein Höchstmaß an Qualität, sonst kauft er das Produkt nicht wieder. Genauso wichtig ist Effizienz. Die Kosten müssen so niedrig sein, dass die Produkte wettbewerbsfähig bleiben, das Produkt muss einen marktadäquaten Preis haben. Der Hersteller muss also auch Assets und natürliche Ressourcen effizient nutzen.

Wie sieht die Zukunft Ihres Bereiches aus?

Meine Vision ist, dass ich diese vier angesprochenen Themenfelder in einem holistischen, digitalen Ansatz als Digital Factory mit Automatisierung und Software so unterstütze, dass über die Workflows der produzierenden Industrieunternehmen, zum Beispiel bei Automobilherstellern und Handyherstellern, mithilfe der Digitalisierung ein kontinuierlicher Prozess entsteht. Letztendlich reicht dieser vom Produktdesign und der Produktsimulation über das Produktionsengineering und die eigentliche Produktion bis hin zum Service. Es entsteht auf der Basis von Teamcenter eine durchgezogene digitale Wertschöpfung, die alle Aktivitäten im Unternehmen zusammenbringt und ganzheitlich optimiert.

Vom Siemens-Werk in Amberg wissen wir, dass dort die Digitalisierung weit fortgeschritten ist. Es wird ja oft als Vorzeigefabrik von Siemens bezeichnet. Doch gilt dies auch für die anderen Fabriken von Siemens? Werden diese Visionen und Angebote auch innerhalb der anderen Siemens-Sparten gelebt und eingesetzt?

Wir haben nicht nur in Amberg sowie in der chinesischen Schwesterfabrik in Chengdu ein elektronisches Vorzeigewerk, sondern werden im Mai dieses Jahres konkret auch in Bad Neustadt ein Pendant für die Metallbearbeitung vorstellen. Und eine Reihe weiterer Divisionen bei Siemens implementiert mit unserem Softwareportfolio Stück für Stück das Digital Enterprise. Das geht Schritt für Schritt und nicht per Rundumschlag.

Was hindert sie an einer schnelleren Umsetzung:?

Digitalisierung passiert nicht über Nacht. Jeder Unternehmer muss sich fragen: Wo kann ich in meinem Unternehmen die größten Vorteile erwarten? Wo steckt der beste Business Case dahinter? Wie kann ich die Digitalisierung nach und nach ausbauen? Außerdem kann man sich noch die Frage stellen, wie eine solche Analyse zu erstellen ist und wer einem dabei hilft.

Was bietet da Siemens konkret an?

Um Unternehmen bei der digitalen Transformation zu unterstützen, bauen wir unser Angebot für das Digital Enterprise in folgenden vier Kernelementen kontinuierlich aus: industrielle Software und Automatisierung, industrielle Kommunikation, industrielle Sicherheit und industrielle Services. Diese vier Elemente erlauben es produzierenden Unternehmen, ihre Geschäftsprozesse durchgängig zu integrieren und zu digitalisieren – inklusive ihrer Zulieferer. Unser Angebot an softwarebasierten Systemen und Automatisierungskomponenten für die diskrete Industrie nennen wir Digital Enterprise Suite.

Woraus besteht diese Enterprise Suite?

Die Basis bildet Teamcenter, eine kollaborative Softwareplattform für Product Data Management und zentraler Daten-Backbone. Diese Plattform integriert die Bestandteile von Product Lifecycle Management, Manufacturing Execution System beziehungsweise Manufacturing Operations Management und Totally Integrated Automation. Mit Mindsphere – dem cloudbasierten, offenen Betriebssystem für das Internet der Dinge – bietet Siemens eine Plattform für Lifecycle und Data Analytics. Es erlaubt Herstellern und Nutzern ganz neue Einblicke in ihre Assets, Systeme, Anlagen und Produkte. Dadurch lassen sich enorme Datenmengen schnell und effizient auswerten und Schwachstellen aufdecken. Durch neue Schnittstellen, Apps sowie Partnerschaften, beispielsweise mit Bluvision oder Amazon Web Services, treiben wir den Ausbau des Ecosystems rund um die Mindsphere kontinuierlich voran.

Wie können Unternehmen das Digital Enterprise bei sich integrieren?

Unsere Lösungen können in die vorhandene Umgebung hinein integriert werden. Wir haben dazu sehr viel Beratungs-Know-how im Unternehmen. Unsere Fachleute, etwa von unserem Digital-Enterprise- Consulting-Team, können unsere Kunden zu den Vorteilen der Digitalisierung beraten. Dazu kann unser Team gemeinsam mit den Unternehmen erarbeiten, was die besten Schritte sind, um möglichst schnell an den Return on Invest zu kommen. Denn Digitalisierung ist nichts, was man allein deshalb tut, weil es besonders in Mode ist. Sie muss schlicht und einfach einen Business Case erfüllen. Diese Untersuchungen macht jedes Unternehmen sehr sorgfältig.

Was werden wir auf der Hannover Messe sehen?

Auf dem Siemens-Stand werden wir eine Vielzahl neuer Apps zeigen, aber auch Neuerungen für die bestehenden Apps Fleet Manager und Visual Analyser. Zu den vielen Innovationen für die diskrete Fertigung gehört auch eine erweiterte Version des Engineering-Frameworks TIA Portal V14, die sich durch Offenheit zu anderen Systemen auszeichnet. Zudem zeigen wir ein neues Antriebssystem aus Sinamics S210 und Simotics-S-1FK2-Motoren, das die Projektierung im Maschinenbau vereinfachen soll. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Additive Fertigung.

Welche Neuerungen zeigen Sie in diesem Bereich?

Der Showcase Additive Manufacturing zeigt, wie ein komplettes Angebot an Software- und Automatisierungslösungen Additive Fertigung industrietauglich macht. Am Beispiel der Milchproduktion zeigen wir außerdem, wie Unternehmen der Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie mit Digitalisierungslösungen flexibel auf sich ändernde Marktanforderungen wie die wachsende Vielfalt an Geschmacksrichtungen reagieren können. Dies reicht von der Milchverarbeitung bis hin zur Abfüllung, Verpackung und Etikettierung

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