Bis zum letzten Penny Insolvenz als Chance? Die Geschichte einer Unternehmenspleite

Autor Sebastian Hofmann

Josef Ramthun muss dabei zusehen, wie ein anderer seinen Betrieb herunterwirtschaftet. Als die Firma insolvent geht, sieht er seine Chance gekommen.

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Der Automobilzulieferer Metal Technologies Kitzingen musste infolge der Wirtschaftskrise 2008 Insolvenz anmelden.
Der Automobilzulieferer Metal Technologies Kitzingen musste infolge der Wirtschaftskrise 2008 Insolvenz anmelden.
(Bild: ©Morakot - stock.adobe.com)

„Wir akzeptieren nicht, dass Ihr mit einem Arschtritt davongejagt werdet!“ Das Geschrei des Gewerkschafters dröhnt durch die Lautsprecher. Sofort bricht die Menge in grölendem Beifall aus. Das Trällern ihrer Pfeifen schrillt über den Hof und bohrt sich durch die geschlossenen Fenster in den Besprechungsraum – direkt hinein in den Schädel von Josef Ramthun.

Schon seit Stunden sitzt der Geschäftsführer hier. Zermartert sich den Kopf darüber, wie er die Insolvenz seiner Gießerei abwenden kann. Inzwischen macht ihm der Lärm der Kundgebung das Nachdenken unmöglich. Er blickt aus dem Fenster. Da stehen sie, Hunderte seiner Angestellten – viele von ihnen jahrzehntelange Mitarbeiter. Sie schwenken IG-Metall-Fahnen und Transparente. Auf einem steht: Wir sind kein Schlachtvieh!

Neun Monate vorher, im Sommer 2008: Das Geschäft bei Metal Technologies Kitzingen läuft blendend. Für dieses Jahr rechnet der Automobilzulieferer mit einem Umsatz von über 130 Millionen. Mitte September jedoch passiert die Katastrophe: Die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers löst eine weltweite Wirtschaftskrise aus. Bei MTK brechen die Aufträge um mehr als die Hälfte ein. Kaum einer hat in der Krise Verwendung für Getriebegehäuse, Federböcke und andere Kfz-Bauteile aus Kitzingen.

Ramthun beißt sich auf die Lippen. Nun rächen sich die Fehler seines Hauptgesellschafters, eines amerikanischen Investors namens Rick James. Immer wieder hat Ramthun ihn um Finanzmittel angebettelt, um neue Maschinen und Weiterbildungen für die Belegschaft. Immer wieder auf alte Kundenverträge hingewiesen, bei denen die Margen zu gering waren. Aber was tat der Amerikaner? Anstatt zu investieren, bezahlte er seine Kredite ab. Weniger als ein Prozent des Gewinns floss zurück in die Gießerei. Ramthun sind die Hände gebunden. Er weiß: Auch ohne Krise wären die Schmelzöfen bald ausgegangen, wäre die Insolvenz gekommen – nur nicht so schnell.

Als der Betrieb tief in die roten Zahlen rutscht, wird ein Gutachten beim Wirtschaftsprüfer Pricewaterhouse Cooper in Auftrag gegeben. Das Ergebnis ist ein Schock für die Belegschaft: Um Personalkosten zu senken und eine Insolvenz zu vermeiden, muss MTK mindestens 300 Mitarbeiter entlassen. Mehr als jeden Dritten. Zudem ist Hauptgesellschafter James dazu aufgefordert, sein Eigenkapital um 5,5 Mio. Euro aufzustocken. Andernfalls, so drohen die Hausbanken, würden keine weiteren Kredite mehr bereitgestellt. Sie geben der Gießerei Zeit bis Ende April – doch das wird nicht reichen.

Angst um den Bankrott der Firma

Ramthun sind die Anstrengungen der letzten Wochen deutlich anzusehen. Zwischen unzähligen Sitzungen mit Betriebsrat, IG Metall und Aufsichtsrat hat er kaum Schlaf gefunden. „Aufgeben war aber nicht drin“, sagt er heute. „Wir mussten so viele Arbeitsplätze retten wie möglich!“ Dann, Mitte April, gelingt ihm der Durchbruch: Sämtliche Gläubiger stimmen dem Sanierungskonzept zu. Es sieht vor, dass die Angestellten nicht sofort entlassen, sondern Teil einer Transfergesellschaft werden. Dort bekommen sie Weiterbildungen, um am Arbeitsmarkt bessere Chancen zu haben.

Jetzt fehlen nur noch die 5,5 Mio. von Hauptgesellschafter James und sie können der Insolvenz nochmal von der Schippe springen. Wiederholt hat er Ramthun seine Unterstützung zugesagt. Jaja, hieß es dann, das Geld werde schon bald da sein. Aber Fehlanzeige! Bis kurz vor Ablauf der Frist tut sich nichts. Plötzlich taucht der Hauptgesellschafter ab, reagiert nicht auf Anrufe und Nachrichten. Ramthun muss handeln. Er schreibt eine letzte Mail: Wenn das Geld am Montag nicht da ist, bleibt nur der Gang zum Amtsgericht. Dringend überweisen!

Hintergrund

Selbstverständlich hat sich MM Maschinenmarkt mit einer Gesprächsbitte an den ehemaligen MTK-Hauptgesellschafter Rick James gewandt. Diese wurde jedoch abgelehnt.

Doch das Geld kommt nicht. Als der Geschäftsführer nach dem Wochenende auf das Firmenkonto blickt, kann er es nicht fassen: „Es ist ein Gefühl, als würde dir der Teppich unter den Füßen weggezogen. Du bist im freien Fall.“ Zwei Zahlungen gehen noch ein – es sind Kunden, die ihre Rechnungen begleichen – dann sperren die Banken das Konto. Ramthun bleibt keine Zeit. Er muss sofort zum Amtsgericht und Insolvenz anmelden. Sonst droht Insolvenzverschleppung. Dann haftet er persönlich. Gemeinsam mit dem Betriebsratsvorsitzenden und seinem wichtigsten Einkäufer fährt er los. Der Richter erwartet sie schon.

Insolvenzverfahren beantragen: Wie läuft das ab?

„In so einem Fall eröffnet das Amtsgericht in der Regel zuerst das vorläufige Insolvenzverfahren“, erklärt Rechtsanwalt Veit Mauritz. Seit 20 Jahren berät er mittelständische Unternehmen zu insolvenzrechtlichen Fragen. „Dann wird ein vorläufiger Insolvenzverwalter eingesetzt. Seine Aufgabe ist die Erstellung einer gutachterlichen Bestandsaufnahme: Wer sind die Gläubiger? Welche Vermögenswerte und welche Verbindlichkeiten gibt es? Und besteht die Chance auf Weiterführung?“ Falls nicht, gibt es nur eine Marschrichtung: die Abwicklung. „Dann wird das komplette Aktivvermögen des Betriebs verkauft – etwa Maschinen, Warenbestände, Immobilien“, fährt Mauritz fort. „Und der Erlös verteilt sich nach Abzug der Verfahrenskosten auf die Gläubiger.“

Als Ramthun am nächsten Tag ans Pult tritt, blickt er in die entsetzten Gesichter seiner 830 Mitarbeiter. Niemand hätte damit gerechnet, dass Gesellschafter James sie so im Stich lassen würde. Neben ihm steht Bernhard Fraas, der Insolvenzverwalter. Er hatte sich gestern Abend noch beim Geschäftsführer gemeldet und eine Betriebsversammlung vorgeschlagen. Eines muss Ramthun seinen Angestellten jetzt klar machen: „Wir werden nicht aufgeben! Und wir müssen die Produktion um jeden Preis aufrechterhalten.“ Für die Gehälter der nächsten Monate sei durch das Insolvenzgeld gesorgt, versichert Fraas. Außerdem hat er ein gutes Wort bei den Kunden eingelegt: Sie alle halten zu MTK.

„Aufgeben war nicht drin!“ Wochenlang kämpfte 
Josef Ramthun um den 
Automobilzulieferer MTK.
„Aufgeben war nicht drin!“ Wochenlang kämpfte 
Josef Ramthun um den 
Automobilzulieferer MTK.
(Bild: Franken Guss)

Hinter den Kulissen macht der Insolvenzverwalter aber Druck: Wenn sie nicht binnen kürzester Zeit einen Käufer für die Gießerei finden, ist der Betrieb verloren. Sofort trifft sich die Gläubigerversammlung und sucht Interessenten. Nach wenigen Tagen sind 14 gefunden – einer von ihnen ist Ramthun. Die Gläubiger geben den Bewerbern etwas mehr als zwei Wochen Zeit, einen Finanzplan aufzustellen. Für den Geschäftsführer beginnt Arbeit unter Höchstdruck. „Für mich war klar: Ich werde MTK retten“, erzählt er. „Das war meine Chance, Unternehmer zu sein, mir etwas Eigenes aufzubauen!“

Den Konkurs verhindern

Oberste Priorität hat für ihn jetzt, in der Insolvenz, die Suche nach Geldgebern. Schon länger steht er im Kontakt mit der örtlichen Sparkasse und der VR-Bank. „Vertrauen erarbeitet man sich am besten, wenn man es noch nicht in die Waagschale legen muss“, hat er immer gesagt. Und tatsächlich: Die Banken sind bereit zu verhandeln. Die einzige Bedingung: Ramthun muss 2 Mio. Euro Eigenkapital einbringen. Direkt telefoniert er Geschäftspartner und Freunde ab. „Am Ende lag jeder Cent der Familie Ramthun auf dem Tisch“, erinnert er sich. „Doch ich habe keine Sekunde daran gezweifelt, dass ich damit das Richtige tue.“

Am Tag des Banktermins ist der Geschäftsführer schon früh wach, er hat kaum geschlafen – wenn er heute eine Absage kassiert, war alles umsonst. Als er vor den Eingangstüren der Sparkasse steht, atmet er noch einmal tief durch und richtet sich auf. „Ich bin ohne Zweifel in den Termin gegangen“, meint Ramthun. „Wenn es mit dieser Mannschaft nicht klappen würde, dann mit keiner!“

Stunden später steht das Ergebnis: Die Banken geben dem Geschäftsführer eine vorläufige Zusage! Mit einigen Rahmenbedingungen sind sie jedoch nicht zufrieden. Täglich trifft er sich deshalb ab jetzt mit Insolvenzverwalter Fraas und dem Betriebsrat. Oft sitzen sie bis spät in die Nacht zusammen, tüfteln an ihrem Plan. Sobald ein Eckpunkt geklärt ist, springt Ramthun auf und ruft seine Banken an. Ist das machbar? Wenn nein: Wo sollen wir nachjustieren? „Sie müssen einen Weg finden, diesem enormen Druck standzuhalten“, meint er. „Ohne die Unterstützung meiner Familie hätte ich das nicht geschafft.“

Nach der Insolvenz übernimmt ein Neuer die Lenkung

Nach 17 Tagen dann der entscheidende Moment: Sparkasse und VR-Bank stimmen Ramthuns Plan zu. Jetzt geht alles ganz schnell: Die Gläubigerversammlung erklärt ihr Einverständnis und verhandelt mit dem Geschäftsführer einen Asset-Deal und ein Management-Buyout. Nach einem zweitägigen Betriebsstillstand nimmt MTK am 1. Juli 2009 seinen Betrieb wieder auf, nur unter neuem Namen: als Franken Guss. Die Insolvenz ist beendet.

Asset-Deal und Management-Buyout

Bei einem Asset-Deal mit Management-Buyout erwirbt der neue Gesellschafter das Aktivvermögen des insolvent gegangenen Unternehmens. Zusätzlich übernimmt er die Mehrheit der Geschäftsanteile von den bisherigen Eigentümern.

Für diesen Tag hat Ramthun wieder zur Betriebsversammlung geladen. Im großen Saal sind Stühle für 400 Leute aufgestellt – so viele konnte er nach der Insolvenz übernehmen. Vorne, auf einem Tischchen, liegen die neuen Arbeitsverträge für die Mitarbeiter. Ab und an grummelt mal einer über die schlechteren Konditionen, bei den meisten überwiegt jedoch die Erleichterung. Als Ramthun den Raum betritt, herrscht plötzlich Totenstille. Dann beginnen sie, einer nach dem anderen, Beifall zu klatschen. Bald jubelt der ganze Raum. Dem Eigentümer steigen die Tränen in die Augen. „In diesem Moment war ich sprachlos“, erinnert er sich. „Ich habe immer an meine Mannschaft geglaubt. Und da hat jeder sehen können, dass auch sie mir die Treue gehalten haben.“

In den folgenden Monaten tritt Franken Guss voll aufs Gas. Ramthun baut ein neues Technologiezentrum auf. Dort arbeiten Entwickler und Vertriebler eng mit Kunden an der Konstruktion neuer Bauteile zusammen. Zudem werden moderne Maschinen angeschafft, mit denen sie Produktionsengpässe einfacher überbrücken können. Alte Kundenaufträge verhandelt der Eigentümer neu und sorgt so für steigende Umsätze. Am Ende geht seine Strategie voll auf: Nach der Krise legt die Gießerei einen schnellen Neustart hin und zieht an der Konkurrenz vorbei.

„Nicht so grimmig gucken“, mit einem Augenzwinkern winkt Ramthun seinem Vertriebskollegen im Vorbeigehen zu. Dann setzt er seinen Rundgang über den Betriebshof fort. Heute, 11 Jahre nach dem Insolvenzgang von MTK, blickt der Geschäftsführer mit viel Stolz zurück. „Wenn Sie plötzlich in den Überlebensmodus schalten müssen“ sagt er, „dann merken Sie erst mal, was wirklich wichtig ist!“ Das Geheimnis seines Erfolgs seien am Ende jedoch nicht die Investitionen gewesen. „Sondern es waren die Menschen, die hier arbeiten.“

Als Ramthun gerade zurück in sein Büro gehen will, dreht er sich noch einmal um und blickt zu den geöffneten Werkstoren. Hier standen sie damals mit ihren Schildern und Trillerpfeifen, hatten Angst vor der Insolvenz der Firma. Diese Zeiten sind jetzt Geschichte.

* Sebastian Hofmann ist Journalist im Ressort „Job & Karriere“ bei der Vogel Communications Group.

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