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Fachkräftemangel

Mentoringprogramme sollen Vorurteile gegen Ingenieurinnen abbauen

| Autor/ Redakteur: Gabriele Dorst / Ulrike Gloger

Das europäische Jahr der Chancengleichheit und auch der aktuelle Ingenieurmangel in Deutschland verleihen dem Thema Frauen im Ingenieurberuf zusätzliche Bedeutung. Mit Mentoringprogrammen und Networking versuchen Unternehmen und Verbände, Karrieren junger Frauen in technischen Berufen zu fördern oder sie an ihr Unternehmen zu binden.

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Dipl.-Ing. Susanne Kiefer, Leiterin Hochschulförderung bei Siemens: „Der Bedarf an gut ausgebildeten Ingenieurinnen und Naturwissenschaftlerinnen wird immer größer.“ Bild: Siemens
Dipl.-Ing. Susanne Kiefer, Leiterin Hochschulförderung bei Siemens: „Der Bedarf an gut ausgebildeten Ingenieurinnen und Naturwissenschaftlerinnen wird immer größer.“ Bild: Siemens
( Archiv: Vogel Business Media )

Knapp 50 000 junge Leute haben im vergangenen Jahr ein ingenieurwissenschaftliches Studium in den Fachrichtungen Maschinenbau/Verfahrenstechnik und Elektrotechnik begonnen, darunter nur knapp 7000 Frauen. „Eine Trendwende ist nicht in Sicht, aber kleine Erfolge“, sagt Dipl.-Ing. Susanne Kiefer, Leiterin Hochschulförderung bei der Siemens AG.

Siemens bietet Mentoringprogramm zur Steigerung des Frauenanteils

Siemens will den Frauenanteil in herausgehobenen Fach- und Führungspositionen technischer Berufsfelder erhöhen und hat 2002 das Mentoringprogramm Yolante (Young Ladies‘ Network of Technology) ins Leben gerufen. Yolante ist Bestandteil des internationalen Bildungsprogramms Siemens Generation 21, mit dem das Unternehmen sein traditionell starkes Engagement für die Aus- und Weiterbildung von jungen Menschen weltweit verstärkt.

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„Mentoring gewinnt als Personalentwicklungsinstrument im Rahmen unserer Ziele im Diversity Management zunehmend an Bedeutung, aus gemischten Teams erwartet man bessere Ergebnisse“, so Projektleiterin Kiefer. „Der Bedarf an gut ausgebildeten Ingenieurinnen und Naturwissenschaftlerinnen wird immer größer, gleichzeitig werden die Angebote in technischen Berufsfeldern für Frauen immer attraktiver. Durch Mentoring wollen wir junge Frauen dazu ermutigen, ihre zahlreichen Karrierechancen zu nutzen und die Zukunft der Technik mitzugestalten.“ Die Bewerbung läuft ausschließlich online, durchschnittlich 80 Studentinnen werden pro Jahr aufgenommen.

388 Frauen werden im Siemens-Mentorenprogramm betreut

Siemens fördert derzeit 388 Yolante-Mentees, denen 342 Mentorinnen und Mentoren aus den Unternehmensbereichen und der zentralen Forschung während des Studiums zur Seite stehen. Sie vermitteln unter anderem Wissen und Spielregeln im Geschäftsleben oder geben Empfehlungen fürs Studium und den Aufbau von Kontakten.

Die jungen Frauen sammeln in Praktika oder als Werkstudentinnen erste berufliche Erfahrungen. Und sie bekommen Orientierungshilfen für einen späteren Berufseinstieg bei Siemens.

Vielfältige Informationen über das Unternehmen und seine Strukturen runden das Angebot ab. „Die Erfolge sind nach fünf Jahren noch klein, aber sie zeichnen sich ab: Von den 25 Teilnehmerinnen aus dem ersten Jahr sind jetzt elf nach ihrem Studium bei uns eingestellt worden“, berichtet die Projektleiterin.

Große Unternehmen können Ingenieurinnen mehr bieten

Große Unternehmen wie Siemens haben aufgrund ihrer Finanzkraft und Standards Ingenieurinnen mehr zu bieten, meint Susanne Kiefer – „zum Beispiel auch, was Kinder- oder Ferienbetreuung betrifft“. Dafür könne es in kleineren Unternehmen individueller zugehen, „flexiblere Arbeitszeiten und Jobsharing können einfacher laufen“, hält Anke Leicht dagegen. Sie ist als Dipl.-Ing. Maschinenbau bei der Takata-Petri AG in Aschaffenburg beschäftigt und Mitglied im Vorstand des Dib e.V.

Seit mittlerweile 21 Jahren setzt sich der deutsche Ingenieurinnenbund (Dib) für Frauen in technischen Berufen ein. Das bundesweit aktive Netzwerk besteht aus 18 Regionalgruppen. Außer gegenseitiger persönlicher Hilfestellung in beruflichen und fachlichen Fragen durch die 400 Mitgliedsfrauen liegt der Schwerpunkt in der nationalen und internationalen Lobby- und Gremienarbeit. Der Dib wurde seinerzeit von Studentinnen der TU Darmstadt gegründet, kooperiert heute mit verschiedenen Hochschulen und wird ideell und finanziell von großen Unternehmen, zum Beispiel Siemens, unterstützt.

Deutscher Ingenieurinnenbund als eigenes Netzwerk

„Wir sind im Prinzip wie ein eigenes Frauenförderprogramm und arbeiten an der Basis“, erklärt Anke Leicht. Der Verein kooperiert mit Firmen und Hochschulen bezüglich Schnupperpraktikum und Schnupperstudium für Schülerinnen, hilft über die Arbeitsgruppe „Arbeitslosigkeit/Wiedereinstieg“ beim Jobeinstieg, Mentorinnen schreiben schon mal die Bewerbungen ihrer Mentees um. „Unsere Arbeit lebt vom engen persönlichen Kontakt zu den Mitgliedern und anderen Verbänden und Netzwerken“, und sie hänge stark vom persönlichen Engagement ab.

„Netzwerken pur“, definiert Anke Leicht die Aufgabe des Dib, „wir sind auf allen wichtigen Messen präsent, versuchen zu informieren, zu motivieren und Vorurteile abzubauen, vergeben Förderpreise für überdurchschnittliche Leistungen.“ Online-Business-Plattformen wie www.xing.com werden intensiv zum Kontakten und zum Austausch genutzt: „Wir haben dort ein eigenes Dib-Forum. Über die vereinseigene Homepage bieten wir eine Jobbörse und interessante Links an.“

Prägung in den Familien hält Frauen von technischen Berufen ab

Verantwortlich für das geringe Interesse von jungen Frauen an technischen Berufen ist nach Ansicht von Anke Leicht „die Prägung, die aus den Familien kommt.“ Lieber heiraten und Kinder kriegen, statt einen technischen Beruf zu ergreifen, mangelndes Selbstbewusstsein der Frauen seien die Folgen. „Frauen fordern ihre Rechte im Beruf nicht aktiv ein, der Firma ist es im Prinzip egal, ob Ingenieur oder Ingenieurin. Hauptsache es läuft.“

Doch es gebe auch positive Entwicklungen wie die so genannten Girls‘ Days, „die bringen auf alle Fälle etwas“, die Resonanz sei groß, sowohl von Seiten der Firmen als auch von den Mädchen. Ein detaillierter Einblick in und objektive Informationen über technische Berufe helfen, Vorurteile abzubauen. Anke Leicht hört noch immer Mädchen mit Erstaunen sagen: „Ich dachte eigentlich, dass die Arbeit schmutzig wäre.“

VDI mit eigenem Ingenieurinnen-Netzwerk

Ingenieurinnen bei der Lebens- und Berufsplanung zu unterstützen, darauf legt das VDI-Netzwerk Frauen im Ingenieurberuf (Fib) sein Augenmerk. Der Bereich ist bundesweit mit 8000 weiblichen Mitgliedern vertreten, in 35 Arbeitskreisen vor Ort versuchen sie, ihre Ziele durchzusetzen. „Frauen soll es möglich sein, in allen Lebensphasen als Ingenieurin technische Entwicklung mit zu steuern und ihre Karriere zu gestalten, ohne eine Familie vernachlässigen zu müssen“, sagt dessen Vorsitzende, Dipl.-Ing. Sylke Pageler.

Wichtig sei es, Vorurteile weiter abzubauen, veraltete Lebensmodelle zu ersetzen und mehr Vorbilder zu schaffen. „Wir suchen den Dialog mit anderen Verbänden und zu unseren Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, um Einfluss zu nehmen, damit die Unternehmen offener werden für Frauen und deren spezielle Situation.“

Als klassisches Problem bezeichnet Pageler die Familienplanung, die VDI-Ingenieurinnen propagieren: „Ja, wir können auch Mütter werden und trotzdem weiterarbeiten.“ Viele Unternehmen haben mittlerweile erkannt, dass Frauen „ein großes Potenzial sind und in der Elternphase nicht einfach liegengelassen werden dürfen“. Es gelte, in der Elternzeit am Ball zu bleiben, an Sitzungen und Fortbildungen teilzunehmen, um auf dem Stand der Technik zu bleiben.

Mentoringprogramme „finden wir sehr gut und sind auch durch unsere Mitglieder an einigen beteiligt. Es ist einfach leichter, wenn man nicht alleine ist“. Das VDI-Netzwerk ist auf den regelmäßig veranstalteten Girls‘ Days ebenso vertreten wie in Hochschulen und auf Fachmessen. „Wir gehen in die Schulen direkt hinein, um den jungen Frauen die Scheu vor einer Karriere im Ingenieurberuf zu nehmen.“ Denn, da ist sich Sylke Pageler sicher: „Um mehr Frauen für technische Berufe zu interessieren, muss man früh anfangen – noch bevor die komplette Meinungsbildung abgeschlossen ist.“MM

Gabriele Dorst ist Fachjournalistin in 97634 Mellrichstadt

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