Resilienz Mit Digitalisierung zur robusten Supply Chain

Autor: M. A. Benedikt Hofmann

Resilienz in der Produktion kann nur dann erreicht werden, wenn auch die Supply Chain diesem Anspruch gerecht wird. Im Gespräch mit Maximilian Brandl, CEO von Salt Solutions, wird klar, dass auch hier nichts ohne eine Digitalisierung der Prozesse geht.

Firmen zum Thema

Die Lieferketten werden sich in der Zeit nach Corona verändern. Wie erklärt Maximilian Brandl, CEO 
von Salt Solutions, im Interview.
Die Lieferketten werden sich in der Zeit nach Corona verändern. Wie erklärt Maximilian Brandl, CEO 
von Salt Solutions, im Interview.
(Bild: Salt Solutions)

Noch bevor Covid-19 Deutschland tatsächlich erreicht hatte, wurde es zum Problem für produzierende Unternehmen im ganzen Land. Schuld daran waren Produktionsausfälle und Grenzschließungen in Asien, wo das Virus schon grassierte. Es zeigte sich, dass die häufig sehr eindimensionalen und auf just-in-time-­Belieferung ausgelegten Lieferketten im Fall von massiven Störungen alles andere als resilient sind. Was man tun kann, um das zu ändern, besprachen wir mit Maximilian Brandl, CEO von Salt Solutions. Die Technologieberatung ist auf die Branchen Produktion und Logistik spezialisiert und seit Kurzem Teil der Accenture Industry X.

Herr Brandl, die Coronakrise hat gezeigt, wie anfällig die fertigende Industrie für Störungen ihrer Lieferkette ist. Welche Lehren müssen wir aus dieser Erfahrung ziehen?

Maximilian Brandl: Es ist in der Tat so, dass die gegenwärtige Krise vielen Industrieunternehmen bewusst gemacht hat, dass sie bei der Supply Chain eine Achillesferse haben und deutlicher Verbesserungsbedarf besteht. Und die erste Lehre, die wir ziehen müssen, ist, dass die Digitalisierung Supply Chains resilienter macht. Digitalisierung ist hier kein Buzzword, sondern tatsächlich das Schlüsselwort. Eine weitere Lehre aus den Erfahrungen der letzten Monate ist, dass viele Unternehmen sich wieder damit auseinandersetzen, ihre Bestände zu vergrößern und ihr Lieferantenmanagement zu überdenken, um besser auf Situationen wie diese vorbereitet zu sein.

Sie sprechen von einer resilienten Supply Chain. Was genau bezeichnet der Begriff?

Zunächst passt dieser Begriff einfach perfekt auf die aktuelle Situation. Es geht darum, besser und flexibler mit Störungen umgehen zu können. Nehmen Sie beispielsweise den Fall, dass eine Grenze gesperrt wird, was wir in den letzten Monaten ja durchaus gesehen haben. Ist eine Lieferkette resilient, gibt es einen zweiten Lieferanten in einer anderen Region, der das benötigte Teil liefern kann. Man versucht also, Alternativen vorzudenken. Ein weiteres wichtiges Thema ist Sicherheit, also früher zu wissen, dass es zu einer Störung kommt, und darauf reagieren zu können. Bei der Frage nach dem „Wie“ sind wir dann wieder bei unserem Eingangsthema. Der Weg zur resilienten Supply Chain führt zwangsläufig über die Digitalisierung.

Kommt also der häufig beschriebene Digitalisierungsboom durch Corona?

Definitiv! Es gibt so viele Themen, die mit der Digitalisierung in Verbindung stehen und die vielerorts ohnehin schon auf der Agenda standen. Nehmen Sie beispielsweise die Transparenz in der Supply Chain, ein großer Wunsch vieler Unternehmen. Hier ist es essenziell zu digitalisieren und diese Krise hat deutlich gezeigt, dass diese Projekte jetzt besser heute als morgen angegangen werden müssen. Allerdings muss man auch sagen, dass Digitalisierung ein sehr großer Begriff ist. Im Detail wird man jetzt die Themen beschleunigt vorantreiben, die einen besonderen Nutzen versprechen. Das kann sich von Unternehmen zu Unternehmen unterscheiden und muss genau betrachtet werden. Dass man durch diese Veränderungen auch besser auf Krisen vorbereitet ist, ist ein angenehmer Nebeneffekt, aber lange nicht das einzige Argument.

Aber wir sprechen doch schon so lange über Digitalisierung. Gibt es wirklich noch so viel Potenzial?

Ja, wir stehen nicht vor einer kontinuierlichen Entwicklung, sondern vor einem Quantensprung. Nehmen wir zum Beispiel die Themen Shopfloor und Topfloor. Bisher haben wir aus dem Topfloor sehr viele Daten, beispielsweise über Aufträge aus dem ERP-System. Wenn wir aus dem Shopfloor oder auch aus der Logistik ebenso viele Informationen bekommen, können wir diese Daten optimal kombinieren. Dadurch erhalten wir nicht nur mehr Wissen, sondern es eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten.

Können Sie das etwas genauer erklären?

Ein zwar nicht industrielles, aber recht eingängiges Beispiel hierfür ist Google Maps. Es gibt zwei Datenbasen. Auf der einen Seite die Karten und auf der anderen Seite die Verkehrsinformationen aus den Fahrzeugen, in denen ein Smartphone mitgeführt wird. Das sind für sich genommen schon interessante Informationen. Ihren tatsächlichen Wert entfalten sie aber, wenn man sie kombiniert und beispielsweise kürzere Strecken angeben kann, weil man weiß, wo es zu einem Stau kommt. Die Kombination aus eins plus eins ergibt hier nicht zwei, sondern drei, da man aus dem Ergebnis zusätzliche Businessmodelle generieren kann.

Birgt diese beschleunigte Entwicklung auch Gefahren?

Ja, die Risiken liegen vor allem darin, dass umfassende Digitalisierung oder auch Industrie 4.0 für viele Unternehmen immer noch Neuland sind. Es kommt darauf an, zunächst eine umfassende Analyse durchzuführen, um zu definieren, an welcher Stelle man diesen Prozess beginnt. So ist sichergestellt, dass man sich nicht zunächst mit Nebenkriegsschauplätzen beschäftigt.

Wo sehen Sie im fertigenden Gewerbe den größten Handlungsbedarf?

Auf dem Topfloor ist bereits viel standardisiert, da es ohnehin nur eine Handvoll Anbieter gibt, zum Beispiel beim ERP. Auf dem Shopfloor sieht das ganz anders aus. Nehmen Sie nur die große Zahl von Steuerungssystemen, die in Maschinen zum Einsatz kommen. Durch diese heterogene Landschaft war es in der Vergangenheit sehr schwer, Daten systematisch auszuwerten. Unter anderem deshalb sind wir bei Salt Solutions mittlerweile Mitglied der Open Industry 4.0 Alliance. Die kümmert sich darum, dieses babylonische Sprachgewirr über Standards und einheitliche Sprachen aufzulösen.

Wie kann ich aber als einzelnes Unternehmen am besten in die Digitalisierung meiner Prozesse starten, um dann auch resilient zu werden?

Man sollte mit einer sauberen End-to-End-Prozessanalyse starten, unabhängig von Software oder konkreten Einzelprozessen. Anhand dieses Gesamtbildes kann man dann untersuchen, wo sich das größte Verbesserungspotenzial verbirgt. Anschließend ist es ratsam, zu überprüfen, für welche Anforderungen bereits Standardprodukte verfügbar sind. So kann man schnelle Fortschritte machen, ohne direkt eigene Lösungen entwickeln zu müssen. Allerdings sollte man dabei schon die Verknüpfung der einzelnen Systeme im Blick haben, da darin, wie bereits beschrieben, das größte Potenzial steckt. Das sollte man sich nicht durch die Einführung inkompatibler Systeme verbauen.

Werden sich die Lieferketten auch grundsätzlich verändern?

Davon gehen wir aktuell aus. Dabei geht es aber nicht darum, spezielle Regionen zu bevorzugen oder zu benachteiligen, was häufig diskutiert wird. Tatsächlich ist das Ziel, mehr Flexibilität und Robustheit in die Lieferkette zu bringen und schneller auf Störungen reagieren zu können. Das wird dazu führen, dass Unternehmen Zweit- oder auch Drittlieferanten aufbauen und das Bestandsmanagement anders organisiert wird. Eine weitreichende regionale Neuverteilung sehe ich beispielsweise nicht.

(ID:46870344)

Über den Autor

M. A. Benedikt Hofmann

M. A. Benedikt Hofmann

Chefredakteur MM MaschinenMarkt