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Schweiz: Frankenkatastrophe: Schaublin-CEO Rolf Muster spricht Klartext

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Zurück zu Ihrem Auftragseinbruch. Gehen Sie von einem temporären Einbruch aus?

Douglas Spiesser: In der Schweiz haben wir zwei Kategorien von Kunden. Die, die für die Eurozone arbeiten, können aktuell gar nicht mehr investieren. Das ist eine Kundschaft, die für einen längeren Zeitraum verloren ist. Zur zweiten Kategorie gehören Unternehmen, die nicht für die Eurozone arbeiten. Die sind aktuell sehr verunsichert. Sie warten, wie sich die Wirtschaft entwickelt. Bei diesen Kunden gehe ich davon aus, dass wir sie in naher Zukunft wieder anfragen können.

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Welche MEM-Industrien laufen akzeptabel?

R. Muster: Die Uhrenindustrie als auch die Medizintechnik laufen akzeptabel, haben aber auch Margenprobleme. Die WZM-Industrie wird überleben, aber mit anderen Mitteln. Ich sehe nicht 100 Prozent schwarz, aber es wird sehr schwer für uns. Weniger kritisch sehe ich es für die Werkzeughersteller, sie können sich relativ gut anpassen.

Zurück zu Ihrer Situation, wie viele Maschinen produzieren Sie pro Jahr?

R. Muster: In guten Jahren 500, in schlechten 250. Aktuell sind wir von diesem Ziel entfernt. Ich musste bereits 10 Mitarbeiter entlassen und massive Kurzarbeit einführen und möglicherweise muss ich je nach Situation noch mehr entlassen.

Was unternehmen unsere Verbände und die Schweizer Politik?

R. Muster: Es gibt Gesprächsrunden, aber was am Schluss dabei herauskommt, ist zu wenig. Die Jura-Region ist stark betroffen. Wir sind im Herzen der Fertigungsindustrie. Jeden Tag gibt es Meldungen von Entlassungen. Politik und unsere Nationalbank schauen weg. Es scheint, als kümmere es Regierung und Kantone nicht, was mit der MEM-Branche passiert.

Wie reagieren Sie als Unternehmer in der derzeitigen Situation?

R. Muster: Sie kennen mich gut und wissen, dass ich ein Vertreter des Werkplatzes Schweiz bin. Bisher haben wir immer bei Schweizer Zulieferern eingekauft. Aber bei den aktuellen Rahmenbedingungen ist es nicht mehr möglich. Wenn ich mit unseren Mitbewerbern aus Europa, USA und Japan mithalten will, muss ich meinen Einkauf und auch einen Teil der Fertigung ins Ausland verlagern und das schmerzt für unsere kleinen KMU. Das schwächt im Endeffekt den Werkplatz Schweiz, trotz seiner unbestrittenen Stärken.

Eine der Stärken des Werkplatzes Schweiz ist das hohe Qualitätsniveau und auch das Thema unserer Jahreshauptausgabe: «Swiss Made – die Stärken Schweizer Qualität». Wie hat sich der Werkplatz Schweiz diesen Ruf aus Ihrer Sicht erarbeitet?

R. Muster: Weil Schweizer Produkte weltweit exportiert werden und absolut zuverlässig und sehr langlebig sind. Und das über einen langen Zeitraum hinweg. Unabhängig davon, ob es Werkzeugmaschinen, Werkzeuge, Taschenmesser oder Flugzeuge sind. Alles, was wir hier in der Schweiz produzieren, ist auf einem Qualitätslevel, der am oberen Ende der Skala ist. Darüber gibt es fast nichts mehr.

Welche Aspekte spielen eine Rolle?

R. Muster: Es spielen mehrere Aspekte eine Rolle. Erstens ist die Qualität der Lehrlingsausbildung hochkarätig. In der Schweiz verfügen wir über sehr gut ausgebildete Mitarbeiter in Produktion, Service und Montage. Um das zu bewahren, müssen wir generationsübergreifend agieren, damit sich das Know-how der älteren Mitarbeiter an die junge Generation weitervererbt. Zweitens: Unsere Ingenieurschulen und Hochschulen machen einen ausgezeichneten Job. Sie verfügen über eine sehr hohe Qualität, die den Studierenden und letztlich uns als Unternehmen in Form von Know-how zugutekommt.

Drittens war die politische und finanzielle Stabilität der Schweiz hervorzuheben. Und viertens sind die Schweizer und deren Unternehmen seriös, zuverlässig und verfügen über eine sehr hohe Arbeitsethik. Das sind alles Aspekte, die förderlich sind, um ein hohes Qualitätsniveau halten zu können.

Wie schafft es Ihr Unternehmen, die Qualität der WZM hochzuhalten?

R. Muster: Erstens, wir sind hier in dem Herzen des Schweizer Werkzeugmaschinenbaus, mit einer langen Tradition; wir hatten am 3. Juli 2015 unser 100-Jahr-Jubiläum gefeiert. Anspruchsvoller WZM-Bau lebt von seiner Präzision und Zuverlässigkeit. Und wir leben beides seit 100 Jahren. Unsere Mitarbeiter haben die «Tugenden» sozusagen im Blut. Was heisst das? Wir leben in einer sehr ruhigen Region, mit einem sehr ausgewogenen Lebensrhythmus. Unsere Mitarbeiter sind um 6 Uhr im Unternehmen, von 09:00 bis 09:15 Uhr machen Sie Pause, um 12.05 gibt es die Suppe, um 12.15 das Fleisch und um 12:30 den Kaffee, um 16:00 Uhr ist Feierabend. Jetzt denken Sie, warum erwähne ich das? Aber dieser Lebensrhythmus ist für die Arbeit im WZM-Bau substantiell. Es ist die Disziplin, die diese Menschen hier in der Region auszeichnet, und zwar in allen Lebensbereichen. Unseren Mitarbeitern ist es nicht egal, wenn das Istmass um einen Mikrometer vom Soll abweicht. Diese Disziplin, gepaart mit grosser Sorgfältigkeit und Arbeitseinsatz, sind Grundvoraussetzungen für einen qualitativ hochwertigen WZM-Bau. Sie übertragen sich auf die Qualität unserer Produkte. Im Unternehmen habe ich auch 13 % von meinen Leuten, die in der Entwicklung arbeiten – keine einzige Entwicklung wird nach auswärts vergeben. Innerhalb der letzten 13 Jahre haben wir 22 neue Produkte entwickelt.

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