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Schweiz: Frankenkatastrophe: Schaublin-CEO Rolf Muster spricht Klartext

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Wo sehen Sie Ihre Alleinstellungsmerkmale als Werkzeugmaschinenhersteller?

D. Spiesser: Ein Schweizer WZM-Unternehmen, das 5000 Maschinen pro Jahr produziert, ist heute nicht mehr möglich. Wir müssen im Nischenmarkt agieren, Spezialitäten machen, die andere nicht bereit sind zu machen. Vor allem aber müssen wir Fertigungslösungen entwickeln, die unseren Kunden einen Mehrwert bringen.

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Wofür steht Schaublin in diesem Zusammenhang?

R. Muster: Schaublin steht für sehr hohe Präzision sowie kundenorientierte Fertigungs-Lösungen. Das ist eine hohe Schule. Wir verfügen darüber hinaus über ein ausgeklügeltes Ersatzteillager. Selbst für Maschinen, die 70 Jahre alt sind, können Sie Original-Ersatzteile von uns beziehen. Wir haben von allen produzierten Schaublin-Maschinen die kompletten Konstruktions-Unterlagen inklusive Änderungen archiviert. Das ist ein aussergewöhnliches Alleinstellungsmerkmal.

Ersatzteilwesen gehört zum Service; er spielt für Sie somit eine entscheidende Rolle?

R. Muster: Ich würde sagen, der Service ist entscheidend für eine langfristige vertrauensvolle Zusammenarbeit mit unseren Kunden. Wir verfügen über Niederlassungen in Deutschland, Indien und England sowie 80 Vertretungen weltweit. Wir schulen unsere Filiale und Vertretungen 2–3 Mal pro Jahr. Der Service funktioniert weltweit sehr gut, Schaublin geniesst deshalb einen guten Ruf in der Branche.

Wo liegen die besonderen Stärken der Schweizer WZM-Industrie?

R. Muster: Ganz klar bei der Zuverlässigkeit und Präzision und das bereits im Prototypenstadium der Werkzeugmaschinen. Die Schweiz verfügt über einen absolut seriösen WZM-Bau. Vor allem werden Schweizer WZM kundenorientiert entwickelt und angepasst. Wenn Sie die Schweizer WZM-Hersteller anschauen, werden sie immer Maschinen finden, die Alleinstellungsmerkmale haben. Das ist aus meiner Sicht – neben der sehr hohen Qualität – das Spezielle am Schweizer WZM-Bau.

Können Sie ein Beispiel aus Ihrem Unternehmen nennen?

R. Muster: Eine unserer jüngsten Entwicklungen ist die Schaublin 202TG (TG – turning/grinding), bei der die Prozesse Drehen, Fräsen und Schleifen integriert sind. Wir haben sie vor 2 Jahren rausgebracht, sie ist einmalig auf dem Markt. Eine solche Maschine benötigt nicht jedes Unternehmen, aber es gibt eine gute Nachfrage nach diesen Maschinen. Für uns ist das eine ausgezeichnete Nische. Allerdings benötigt es, um diese Nische bedienen zu können, ein aussergewöhnliches Know-how, um die verschiedenen Prozesse auf der Maschine zu integrieren und vor allem prozesssicher laufen zu lassen. Schleifen, Fräsen und Hart-Drehen sind auch steuerungstechnisch komplett unterschiedliche Verfahren.

Welche Rolle spielt für Sie Qualität und was sind aus Ihrer Sicht die entscheidenden Aspekte, dass die Schaublin Maschinen auf einem hohen qualitativen Niveau sind?

R. Muster: Qualität spielt eine zentrale Rolle. Bereits im Wareneingang über die gesamte Fertigung, Produktion und Montage bis hin zum Warenausgang haben wir eine ausgeklügelte Qualitätskontrolle. Ein Beispiel: Jede unserer Spindeln – auch hier setzen wir auf internes Fertigungs-Know-how – wird unter 0,5 µm Rundlauf ausgeliefert. 0,5 µm Rundlauf bieten noch einige andere Hersteller an, aber es gibt einen grossen Unterschied: Die meisten garantieren das für eine 6-monatige Laufzeit, wir garantieren 0,5 µm für 5 Jahre. Ein Spindelstock ist enorm kompliziert, wenn es um solche langfristigen Toleranzen geht.

Sie agieren international. In welchen Ländern sind derzeit Ihre grössten Absätze und in welchen Märkten sehen Sie Wachstumschancen?

D. Spiesser: Weltweit haben wir 250 000 Maschinen im Markt. 70 Prozent unserer Maschinen gehen in den Export. Aber: Absatzmarkt Nummer 1 ist die Schweiz, dann kommen Russland, China, Deutschland und Indien. Deutschland ist derzeit das einzige Land, bei dem es in der Eurozone gut läuft. In China könnten wir besser verkaufen, wenn wir dort präsenter und aktiver wären. Dort müssen wir in eine Niederlassung investieren. Indien hat auch Potential, aber es ist – positiv ausgedrückt – ein kompliziertes Land. Aber Indien wird kommen.

Warum ist die USA nicht unter den ersten fünf Exportländern?

R. Muster: In den USA hatten wir ein Stillhalteabkommen mit einem dort ansässigen WZM-Hersteller. Zwar besteht das Stillhalteabkommen nicht mehr, aber den Markt anzugreifen, ist schwierig und es ist fast zu spät. Wenn wir dort agieren wollten, dann müssten wir ebenfalls in eine Niederlassung investieren.

Europäische WZM-Hersteller werden zunehmend von Japanern und Chinesen gekauft, wie sehen Sie diese Entwicklung?

R. Muster: Ich bekomme fast Monatlich eine Anfrage, ob wir verkaufen wollen oder an einem Joint-Venture interessiert seien. Oder Anfragen von Regierungen, ob ich die Produktion verlagern möchte. Das ist fast eine Art Sport geworden.

Kommt das nicht einem Technologie- ausverkauf gleich?

R. Muster: Das stimmt vollkommen. China und Taiwan sind hier sehr aktiv. Sie investieren sehr stark in europäische WZM-Unternehmen. Wenn es so weitergeht, werden in einigen Jahren die Japaner, Chinesen, Inder und Taiwanesen den WZM-Markt beherrschen. Ich hoffe, dass ich das nicht erleben werde. Die Japaner sind technologisch ausgezeichnet, teilweise besser als die Europäer, die Taiwanesen werden immer besser, ich habe dort zwei Jahre gelebt, damals war die Qualität noch nicht so gut. Heute sind sie gut aufgestellt bei den einfacheren Maschinen.

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