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Schweiz: Frankenkatastrophe: Schaublin-CEO Rolf Muster spricht Klartext

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Welchen Nutzen bringt Ihnen als Werkzeugmaschinen-Hersteller das Label «Swiss Made» am weltweiten Markt?

R. Muster: Swiss Made hat einen ausgezeichneten Ruf, weltweit. Deshalb muss Swiss Made unbedingt geschützt werden. Viele Schweizer denken, dass die Bankenkrise den Ruf der Schweiz etwas geschädigt hat. Das ist bei weitem nicht der Fall.

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Wie viel Swiss Made steckt in Schaublin-Maschinen?

R. Muster: Ich bin überzeugt von der Stärke des Werkplatzes Schweiz. Praktisch alles was in unseren Maschinen steckt, kommt aus der Schweiz, von der Steuerung einmal abgesehen. Sogar den Guss – 300 Tonnen pro Jahr – beziehen wir aus der Schweiz. Wir setzen auf Schweizer Guss, weil er technologisch top ist.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Voraussetzungen, dass am Werkplatz Schweiz eine derart hohe Qualität produziert werden kann?

R. Muster: Die Zuverlässigkeit, Engagement, das Know-how der Mitarbeiter und wir müssen Maschinen entwickeln, die für die Märkte der Zukunft ideal zugeschnitten sind. In der Präzision sind wir weit oben angelangt, diesen Status müssen wir unbeding bewahren. In den Nano-Bereich müssen wir vorerst nicht gehen, weil dort der Markt zu klein ist.

Welche Rolle spielen Ausbildung, traditionelles Handwerk sowie Erfahrungen und Prozess-Know-how im heutigen High-Tech-Werkzeugmaschinenbau?

R. Muster: Ohne gut ausgebildete Mitarbeiter würden wir nicht existieren. Deshalb müssen sich unsere Mitarbeiter kontinuierlich weiterbilden. Das ist entscheidend. Wir setzen auf interne und externe Weiterbildung in allen Sektoren, Technik, Montage, Entwicklung sowie die Integration von IT in allen Ebenen. Software spielt eine immer grössere Rolle, gerade wenn wir den Bereich der Automation ansprechen. Interessanterweise ist es für uns einfach, Software-Spezialisten zu finden. Auch Ingenieure sind einfach zu finden. Aber versuchen Sie einmal einen guten Polymechaniker zu finden. Das ist ein Problem. Doch sie bilden die Basis, das Fundament für unseren WZM-Bau. Jetzt könnte ich wieder von politischen Aktivitäten einer Partei zu sprechen beginnen, aber ich halte mich jetzt zurück.

Typisch im Schweizer WZM-Bau ist das Schaben. Wird es Schaben in 10 Jahren noch geben?

R. Muster: Schaben steht stellvertretend für Swiss Made. Es hat in der Schweiz eine lange Tradition. Und das nicht ohne Grund. Noch heute kann keine Schleifmaschine das Schaben ersetzen. Vielleicht kommt es irgendwann, aber ich denke es wird noch Jahrzehnte dauern. Ich persönlich glaube nicht daran, dass es ersetzt werden kann. Es ist ein sehr komplexer und äusserst präziser Prozess im Mikrometerbereich. Ich habe 12 Jahre bei Dixi gearbeitet. Wir haben bei einer Maschine bis zu 500 Stunden geschabt. Das war entscheidend für die Präzision am Werkstück. Die Oberflächenstruktur, die durch das Schaben erreicht wird, widerspiegelt 100 Prozent Swiss Made, übrigens war mein Vater 40 Jahre lang Schaber bei Tornos.

Jetzt zur Automation. Wie viel Prozent der Kunden setzen auf Automation?

R. Muster: In der Automobilindustrie ist sie Alltag. Aber auch in der Medizintechnik geht es immer mehr in die Richtung, dass hoch automatisierte Prozesse realisiert werden. In der Werkzeugproduktion ist Automation ebenfalls Alltag. Im Bereich der Luft- und Raumfahrt sind es oft kleine Serien bis Einzelteile, aber selbst hier wird das Thema Automation immer wichtiger. Aber es wird viel schwieriger, weil die Automation auf ein ständig wechselndes Werkstückspektrum angepasst werden muss.

Was heisst das?

D. Spiesser: Flexible Automation zu akzeptablen Preisen ist das Thema der Gegenwart. Wir arbeiten in vielen Projekten eng mit Stäubli Robotik zusammen, um individuelle Kundenlösungen zu konzipieren. Flexible Fertigung, 24 Stunden, sieben Tage die Woche bei mannarmer Bedienung ist das Ziel.

Wie reagieren Sie in diesem Zusammenhang auf individuelle Kundenanfragen bezüglich Automation?

R. Muster: Wir müssen auf die Wünsche des Kunden eingehen, wir machen ihm Offerten mit unterschiedlichen Roboterherstellern. Das «Verkaufen» von Fertigungslösungen wird immer aufwendiger, weil wir recht komplexe Systeme kundenorientiert entwickeln müssen. Hier müssen unsere Verkäufer und Konstrukteure sehr eng und kooperativ zusammenarbeiten, um eine Offerte zu erstellen. Früher hat man am Telefon 100 Maschinen verkauft. Das ist heute nicht mehr möglich.<<

Matthias Böhm, Chefredaktor

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