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Suchtkrankheiten

Umgang mit Suchtverhalten ist Führungsaufgabe

| Autor/ Redakteur: Ralf Drittner und Barbara Grau* / M.A. Frauke Finus

Sucht als schleichender Prozess wird in den Unternehmen oftmals nicht erkannt oder verharmlost. Wird nicht frühzeitig eingegriffen, kann die Sucht schwerwiegende Folgen haben – für den Betroffenen und das Unternehmen. Neben der Einsicht des Mitarbeiters, Hilfe in Anspruch nehmen zu wollen, spielt das sensible Verhalten der Führungskraft eine wichtige Rolle im Prozess.

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In den vergangenen Jahren hat der Konsum von Alkohol und Medikamenten zugenommen, was zum Teil schwerwiegende Auswirkungen für die Betroffenen und das Unternehmen hat: Abhängige Menschen sind häufiger krank, leiden unter ihrer Sucht und erbringen nur 75 % ihrer durchschnittlichen Arbeitsleistung.
In den vergangenen Jahren hat der Konsum von Alkohol und Medikamenten zugenommen, was zum Teil schwerwiegende Auswirkungen für die Betroffenen und das Unternehmen hat: Abhängige Menschen sind häufiger krank, leiden unter ihrer Sucht und erbringen nur 75 % ihrer durchschnittlichen Arbeitsleistung.
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Das Feierabendbier oder Glas Wein ist in unserem Kulturkreis gesellschaftsfähig. Bei Stress neigen viele dazu mehr zu trinken, um zu entspannen und den Problemen zu entkommen. Gelingt dies nicht, kommt es, einhergehend mit zunehmenden Mengen, zum Kontrollverlust. In den vergangenen Jahren hat der Konsum von Alkohol und Medikamenten zugenommen, was zum Teil schwerwiegende Auswirkungen für die Betroffenen und das Unternehmen hat: Abhängige Menschen sind häufiger krank, leiden unter ihrer Sucht und erbringen nur 75 % ihrer durchschnittlichen Arbeitsleistung. Zu diesem Ergebnis kommt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, die jüngst eine Expertenbefragung durchgeführt hat.

Überforderung und Ängste sind Auslöser

Oftmals wird die Ursache für Sucht in der mangelnden psychischen Widerstandsfähigkeit (Resilienz) der Menschen gesehen. Das ist allerdings zu kurz gedacht. Auch externe Faktoren, sprich das betriebliche Umfeld, spielen eine Rolle: fehlende Transparenz, mangelnde Entscheidungsspielräume und ein damit einhergehender Sinnverlust der Arbeit, und insbesondere in produzierenden Unternehmen unregelmäßige Arbeitszeiten und Akkordarbeit im Schichtbetrieb, fördern einen erhöhten Suchtmittelkonsum.

Gerade für ältere Mitarbeiter kommt erschwerend hinzu: In Zeiten permanenten Wandels und zunehmender Digitalisierung nimmt die Angst vor einem Arbeitsplatzverlust zu, gepaart mit der Erfahrung, dass ihr Expertenwissen und ihre bisherigen Leistungen oftmals wenig wertgeschätzt werden.

Nicht-Handeln verursacht hohe Kosten

Auch wenn sich die Verantwortlichen im Unternehmen ihrer Fürsorgepflicht bewusst sind, tun sie sich im Umgang mit suchtkranken Mitarbeitern häufig schwer. „Gerade im männerdominierten technischen Umfeld spricht man eher nicht über Gefühle“, sagt Ralf Drittner, Inhaber von Drittner-Training & Development. Vorgesetzte und Personalfachleute reagieren mitunter unsicher auf Mitarbeiter, die sich „auffällig“ verhalten, krankheitsbedingt ausfallen und verminderte Arbeitsleistungen zeigen und vermeiden emotionale Auseinandersetzungen. Die Betroffenen versuchen zudem, den Suchtmittelmissbrauch zu verheimlichen: Dadurch wird das Problem verschleppt, der Betroffene bekommt die benötigte Hilfe nicht oder zu spät und dem Unternehmen entstehen mitunter hohe betriebswirtschaftliche Kosten durch Minderleistung und Fehltage. Erschwerend kommt hinzu, dass mitwissende Kollegen den Betroffenen zunächst gutmeinend decken. Leidet die Gesamtleistung des Teams beziehungsweise führt die sich anhäufende Mehrarbeit zur Überlastung der Leistungsträger schlägt anfängliches Mitleid oftmals in Konflikte um. Wenn das Umfeld dem Verhalten des Betroffenen aus dem Weg geht beziehungsweise nicht oder zu spät einschreitet, spricht man auch von Co-Verhalten. Wichtige Aufgabe der Führungskräfte ist es daher, im Verdachtsfall frühzeitig und konsequent einzuschreiten, noch bevor sich vereinzelter Suchtmittelmissbrauch verstetigt und damit Gewöhnung und gegebenenfalls Kontrollverlust eintreten.

Geregelter Prozess

Damit Führungskräfte möglichst frühzeitig reagieren können, braucht es einen geregelten, kontrollierten Prozess: Sinnvoll ist es, im Rahmen einer Betriebsvereinbarung das Vorgehen bei einer Suchterkrankung mit verbindlichen Maßnahmen für alle Mitarbeiter und Führungskräfte des Unternehmens festzulegen (Stufenplan). Die Verantwortung für die Umsetzung und Dokumentation der Maßnahmen obliegt den Führungskräften, wobei diese durch Personalfachleute und Betriebsrat unterstützt werden müssen. Hegt die Führungskraft den Verdacht eines Suchtmittelmissbrauchs, sollte sie den Betroffenen darauf ansprechen. Wichtig dabei ist, dem Mitarbeiter möglichst wertfrei zu spiegeln, was ihr auffällt, zum Beispiel unkonzentriertes Verhalten, Veränderungen der äußeren Erscheinung oder der Stimme. Damit signalisiert die Führungskraft Aufmerksamkeit und kommt ihrer Fürsorgepflicht nach.

Im nächsten Schritt sollten Unterstützungsangebote als eine in der Betriebsvereinbarung geregelten Maßnahme mit dem Mitarbeiter besprochen werden. Wichtig ist, den Mitarbeiter mit den Konsequenzen seines Suchtverhaltens zu konfrontieren. Neben der Einschränkung der eigenen Arbeitsfähigkeit und insbesondere im Produktionsumfeld der Selbstgefährdung und der Gefährdung anderer, folgen die formalen Konsequenzen aus der Betriebsvereinbarung von Freistellung bis Kündigung. Je früher und klarer Konsequenzen des wiederholten Suchtverhaltens kommuniziert werden, je geringer ist die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls. Auch sollte der Mitarbeiter in seiner Selbstverantwortung gestärkt werden: Er muss die Einsicht zur Suchtüberwindung haben und Hilfsangebote des Unternehmens auch wahrnehmen wollen. Dazu gehört zum Beispiel im fortgeschrittenen Falle die Therapie in einer Suchtklinik mit darauf folgender Phase der Wiedereingliederung in den Job, eventuell unterstützt durch einen unternehmensinternen oder externen Suchtbegleiter. Zur Abgrenzung: Die Führungskraft spricht über Verhalten sowie Auswirkungen auf die Arbeit und das Umfeld. Diagnose und therapeutische Gespräche gehören in den Verantwortungsbereich der Suchtspezialisten der Beratungsstellen und Suchtkliniken. Die Organisationsberatung Drittner – Training & Development in Ruppichteroth zwischen Bonn und Siegen schult Mitarbeiter zum Thema Suchterkennung und insbesondere Führungskräfte im Umgang mit suchterkrankten Mitarbeitern sowie zu Fragen gesundheitsförderlicher Faktoren. Dazu gehört auch, Führungskräfte darin zu unterstützen, ihre Mitarbeiter für notwendige Veränderungen zu sensibilisieren.

Anpassung der Arbeitsaufgaben

Auch die Entlastung von überfordernden Aufgaben oder die Übertragung von alternativen Aufgaben sind Handlungsmöglichkeiten der Führungskraft, insbesondere in der Zeit der Wiedereingliederung des betroffenen Mitarbeiters nach einer therapeutischen Behandlung beziehungsweise einem Entzug. Ein Beispiel: Ist ein Gabelstapler in seiner Reaktionsfähigkeit verlangsamt und stellt somit ein Gefährdungspotential für andere Produktionsmitarbeiter dar, könnte man ihm zum Beispiel alternativ Reinigungs- oder Aufräumarbeiten übertragen. Wichtig ist, dem Mitarbeiter zu vermitteln, dass er für Jobanpassungen offen sein muss.

Erleben betroffene und auch nicht-betroffene Mitarbeiter, dass ihr Arbeitgeber ein echtes Interesse an ihrem Wohlbefinden hat und entsprechend Maßnahmen zur Suchtprävention anbietet, kann dies zu einer stärkeren Bindung und Identifikation mit dem Unternehmen führen. Auch Produktionsunternehmen sollten bedenken: In Zeiten zunehmender Arbeitsverdichtung bei gleichzeitigem Rückgang qualifizierter Arbeitnehmer sind sie mehr denn je gefordert, in die Gesunderhaltung ihrer Mitarbeiter zu investieren.

*Ralf Drittner und Barbara Grau von der Organisationsberatung Drittner – Training & Development sind Spezialisten für die Entwicklung von Führungskräften an der Basis (in Produktion, Lager und Logistik) und Berater und Sparringspartner für eine gesunde und zukunftsweisende Unternehmenskultur mit mehr Agilität und Innovation in traditionellen Bereichen.

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