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Porträt

Wie ein Startup im Unternehmen entsteht

| Autor: Simone Käfer

Ein Startup im eigenen Unternehmen gründen? Den Mitarbeitern einfach mal vertrauen und ihnen Raum zum Experimentieren geben? Bei Igus ist das Alltag.

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Vor Druckschluss erreichte uns noch die Nachricht von Igus, dass seine 3D-Druck-Fabrik inzwischen eingeweiht ist. Vor den neuen Maschinen steht Tom Krause, der Leiter der Abteilung Additive Fertigung.
Vor Druckschluss erreichte uns noch die Nachricht von Igus, dass seine 3D-Druck-Fabrik inzwischen eingeweiht ist. Vor den neuen Maschinen steht Tom Krause, der Leiter der Abteilung Additive Fertigung.
(Bild: igus.de)

Bei den Spritzgussmaschinen links, an der Energiekettenmontage vorbei, zwischen den Testständen (besser bekannt als Folterkammer) hindurch – da steht plötzlich ein Freeformer, ein 3D-Drucker. Anscheinend rückt das Ziel näher. Nun geht es an mehreren 3D-Desktopdruckern entlang, dann rechts und am Ende des Gangs steht in der lebendigen Produktionshalle eine Kabine. Diese Kabine ist das Ziel. Denn dort befindet sich das momentane Zentrum der Wachstums-Business-Unit (BU) Additive Fertigung: ein SLS-Drucker von EOS. Auf dieser Formiga werden zwar Kundenaufträge gedruckt, aber annähernd die Hälfte der Arbeitszeit gehört der Weiterentwicklung von Material und der Verbesserung der Produktionseigenschaften. Da die junge Abteilung so ihren RoI (Return on Investment) nicht erreichen kann, sind inzwischen noch zwei weitere SLS-Anlagen dazugekommen sowie eine SLA-Maschine. „Wir bauen auf dem Gelände eine 3D-Druck-Fabrik auf“, erklärt Tom Krause stolz. Er ist der Leiter der Abteilung Additive Fertigung.

Krause war in der Entwicklung und hat für Kunden Tests mit Gleitlagern durchgeführt und diese weiterentwickelt. Zu diesem Zeitpunkt stellte Igus bereits Prototypen additiv her. Aber wäre es nicht sinnvoll, mit additiven Verfahren auch Sonderverschleißteile zu fertigen? Also hat Krause sich die nötigen Komponenten bei seinem Arbeitgeber geschnappt und zu Hause einen Filamentdrucker gebaut. „Das wird von Unternehmensseite aus unterstützt“, versichert Gerhard Baus, Prokurist New Business Development. Natürlich nicht, dass ein Mitarbeiter Materialien heimlich mitnimmt und dann verscherbelt. Aber für das Tüfteln, Experimentieren und Weiterdenken, dafür sei man bei Igus offen, erklärt Baus. Also machte Krause in seinen eigenen vier Wänden mit seinem aus Igus-Komponenten zusammengebauten Drucker und einem Stück Filament des Polymers Iglidur A180, das er sich beim Compoundieren abgeschnitten hatte, die ersten Gehversuche. Diese waren laut Krause wenig brauchbar, denn die Schwindung war zu stark. Das hat er auch der Geschäftsführung erklärt. „Doch die waren da schon begeistert und wollten, dass ich weitermache“, erinnert sich Krause. Das war im Sommer 2013. Die Aufgabe lautete nun, zur Hannover Messe 2014 ein Filament für den FFF-Druck zu entwickeln und an den Mann zu bringen. Weil die Entwicklung des Materials viele Versuchsläufe beinhaltete, um die richtige Mischung zwischen Verschleißfestigkeit und Geschmeidigkeit zu erhalten, wurde Krause hauptberuflich damit betraut.

Ideen muss man eine Chance geben und Mitarbeitern vertrauen

Und wenn sich niemand dafür interessiert? „Wir haben schon einige Produkte vorgestellt, für die kein Interesse da war“, gibt Baus zu. „Diese Projekte legen wir dann in die Schublade und holen sie drei oder vier Jahre später wieder heraus. Einige stoßen dann auf Interesse.“ Von Anfang an hat man bei Igus nach dieser Philosophie gelebt. Seit der Gründung 1964 und den Anfangsjahren, als das Ehepaar Günter und Margret Blase nur wenige seiner technischen Kunststoffteile verkaufte, über die Schwierigkeit, Anwender davon zu überzeugen, dass bei Gleitlagern Kunststoff auch Metall ersetzen kann, bis hin zum großen Projekt des Online-Beratungs-Tools mit all seinen finanziellen Investitionen und IT-Tücken stellen sich die Kölner immer wieder neuen Herausforderungen und Hürden. Besonders im Falle von Wachstums-BUs, wie der von Krause, zeigt sich das Vertrauen, das die Geschäftsführung um Frank Blase zu ihren Arbeitnehmern hat. „Was an der Stelle sehr wichtig ist, ist Transparenz“, erklärt Baus. Als Verantwortlicher für die BUs ist er gleichermaßen Ansprechpartner für die Geschäftsführung und die Mitarbeiter und bei den regelmäßig stattfindenden Besprechungen mit dabei. „Bei Rückschlägen ermuntert die Geschäftsführung die Leute meistens“, ergänzt er, denn gerade am Anfang müsse man einer Idee auch eine Chance geben. Außerdem gebe es keinen festen Zeitpunkt, bis wann eine BU Gewinn einfahren müsse. Eine Entwicklung, die auf einen künftigen Gewinn schließen lässt, muss allerdings erkennbar sein. „Wir haben viele Produkte auf diese Weise entwickelt und wissen, dass es erst mal durch eine Durststrecke geht“, erklärt Baus die scheinbare Gelassenheit der Geschäftsführung.

Das Team entscheidet, nicht die Geschäftsführung

So blieb auch bei Krause und seinem AF-Projekt anfangs der Umsatz aus. Zwar kamen die auf der Hannover Messe 2014 verteilten Mustertüten mit den selbst entwickelten Filamenten Iglidur I170 und I180 gut an, doch der ein Jahr später initiierte Druckservice lief nur mäßig. Es lag wohl am Verfahren. „Als wir mit dem Lasersintern anfingen, kam der Erfolg sehr schnell“, sagt Krause. Seitdem hat die BU Additive Fertigung hohe Wachstumsraten und schon sechs Mitarbeiter, von denen jeder mit einer anderen Aufgabe betraut ist, wie der Materialentwicklung oder dem Automatisieren der Prozesse. Das Unternehmen verfolgt eine Philosophie der flachen Hierarchie, in der Mitarbeiter sich selbst managen. So spricht in Krauses Abteilung das Team darüber, welche Aufgaben es in den kommenden zwei Wochen erledigen kann und wie es das tun kann. „Kleine Entscheidungen müssen wir nicht mit der Geschäftsleitung abklären“, fügt Krause an. Das vereinfache die Arbeitsaufteilung.

Derzeit gibt es sechs dieser Wachstums-BUs bei Igus. „Weitere sind gerade im Aufbau“, fügt Baus an. Die BUs müssen nicht im Eigenheim entstehen wie bei Krause. Üblich ist, dass sie aus einem Kundenbedarf heraus aufgebaut werden. Aber das Vorgehen sei das gleiche. MM

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Über den Autor

 Simone Käfer

Simone Käfer

Redakteurin für Additive Fertigung und Werkstoffe, MM MaschinenMarkt