Krisenmanagement Wie resilient war die Industrie während Corona?

Quelle: Pressemitteilung Fraunhofer-ISI

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Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) hat infolge des Corona-Lockdowns vom Frühjahr 2020 die deutsche Industrie zu ihrer Krisenresilienz befragt. Besonders robust und krisenresilient: der Mittelstand.

Ob ein Betrieb die Coronakrise überstand, hing unter anderem von seiner Resilienz ab.
Ob ein Betrieb die Coronakrise überstand, hing unter anderem von seiner Resilienz ab.
(Bild: © bluedesign - stock.adobe.com)

Kurzarbeit, unterbrochene Lieferketten, stillstehende Produktionslinien: Für manche Betriebe bedeuteten die Einschränkungen das endgültige Aus, während sich andere von ihren Ausfällen erholen konnten und manche sogar von Anfang an ohne Probleme durch die Pandemie kamen.

Die Fähigkeit, unvorhersehbare Krisen zu bewältigen, wird mittlerweile auch im wirtschaftlichen Kontext mit dem Begriff Resilienz bezeichnet. Das Konzept der Resilienz produzierender Betriebe hat zwei Facetten: die Robustheit, also die präventive Fähigkeit, einem Störereignis direkt widerstehen zu können, sowie die Regenerationsfähigkeit, also die reaktive Fähigkeit, sich möglichst schnell von negativen Folgen zu erholen. Erweist sich ein Unternehmen entweder als robust oder als regenerationsfähig, so gilt es als resilient.

Im Zuge der Coronapandemie wurde die Resilienz der Industrie zu einem Faktor, von dem das Überleben ganzer Betriebe abhängen konnte. Der Großteil (rund 61 Prozent) erwies sich als vulnerabel. Diese Betriebe waren also weder ausreichend robust noch ausreichend regenerationsfähig. Sie erzielten zum Ende des Jahres 2020 immer noch geringere Produktionsvolumina als vor dem Lockdown. Gut 20 Prozent der befragten Unternehmen erwiesen sich als robust. Sie meldeten also weder Kurzarbeit an, noch waren sie akut von Lieferschwierigkeiten betroffen. Knapp 19 Prozent konnten sich dank ihrer Regenerationsfähigkeit direkt nach dem Lockdown von den Beschränkungen erholen. Insgesamt machten resiliente Betriebe folglich 39 Prozent der Unternehmen aus.

Als entscheidendes Kriterium für die Resilienz von Betrieben erwies sich deren Größe. Je weniger Beschäftigte ein Unternehmen hat, desto eher war es von vornherein robust gegen die Einschränkungen des ersten Corona-Lockdowns. In dieser Krise wiesen demnach kleinere Produktionssysteme eine geringere Störanfälligkeit auf als Betriebe mit größeren oder komplexeren Systemen. Auch die Regenerationsfähigkeit kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) war höher als die großer Betriebe. Insgesamt waren damit KMU den Großbetrieben bei der Resilienzquote deutlich überlegen. Dies ist den Wissenschaftlern des Fraunhofer-ISI zufolge auf die überschaubareren Strukturen von KMU zurückzuführen sowie auf die dadurch ermöglichte höhere Flexibilität und Agilität.

Große Unterschiede lassen sich für die Branchen des Verarbeitenden Gewerbes feststellen: Insbesondere die Elektroindustrie, der Maschinen- und Fahrzeugbau sowie die Metallindustrie waren sehr stark vom Lockdown betroffen. Vier von fünf Betrieben erlitten in diesen Branchen spürbare Produktionsverluste, welche bis zum Jahresende 2020 nicht zu überwinden waren.

Darüber hinaus wurden große Unterschiede in der Resilienzquote in Bezug auf Produktionsmerkmale festgestellt. Hersteller von einfachen Produkten erwiesen sich als überdurchschnittlich robust und regenerationsfähig im Vergleich mit Erzeugern komplexerer Produkte. Betriebe mit Großserienfertigungen waren robuster als solche, die in Klein- oder Einzelserienfertigung produzierten. Ein Vorteil in der Regenerationsfähigkeit war allerdings nicht festzustellen.

Für die Regenerationsfähigkeit von Betrieben war unter anderem die Nähe zu Endkunden entscheidend: 37 Prozent der Produkthersteller für Endkonsumenten waren regenerationsfähig. Zuliefererfirmen waren hingegen nur zu 13 Prozent regenerationsfähig.

Über die Studie

237 Betriebe aus allen Branchen des verarbeitenden Gewerbes gaben im Winter 2020 Auskunft zu ihrer Situation während des Corona-Lockdowns und danach.

Großer Einfluss digitaler Technologien

In ihrer Studie haben die Forschenden auch untersucht, welche Rolle der Einsatz von Industrie-4.0-vorbereitenden Technologien auf die Resilienz von Unternehmen hat. Mit dem vom Fraunhofer-ISI entwickelten I4.0-Readiness-Index konnten die befragten Betriebe hinsichtlich ihres Digitalisierungsgrads in vier Gruppen unterteilt werden.

Unternehmen, die keine oder nur wenige digitale Technologien nutzten, waren deutlich robuster als die Betriebe der I4.0-Fortgeschrittenen und der -Spitzengruppe. Hingegen waren Betriebe mit fortgeschrittenerem I4.0-Einsatz deutlich regenerationsfähiger als die Einsteiger und Nichtnutzer digitaler Technologien.

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Hieraus lässt sich schließen, dass ein Betrieb mit hoher I4.0-Orientierung zwar im Durchschnitt gegenüber externen Störereignissen anfälliger ist, sich jedoch gleichzeitig auch mit einer höheren Wahrscheinlichkeit wieder von deren negativen Auswirkungen erholt. Unternehmen mit eher traditionell geprägten Produktionsstrukturen erweisen sich hingegen gegenüber äußeren Störereignissen als überdurchschnittlich robust. Falls sie jedoch dennoch akut durch die Einschränkungen betroffen sind, weisen sie nur eine äußerst geringe Wahrscheinlichkeit für regeneratives Verhalten auf.

„Robustheit und Regenerationsfähigkeit gehen nicht immer miteinander einher und werden sowohl durch Strukturmerkmale als auch durch betriebliches Verhalten determiniert“, fasst Angela Jäger, Projektleiterin am Fraunhofer-ISI, die Ergebnisse zusammen. „Für den einzelnen Betrieb stellt sich die Frage, wo die Stärken der eigenen Resilienz liegen können und wie möglichen Schwachstellen, präventiver oder reaktiver Natur, begegnet werden könnte.“

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