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Fertigungsplanung Chinas Fertigung macht sich fit für die Technologieführerschaft

| Autor/ Redakteur: Bernhard D. Valnion / Stefanie Michel

Statt weiterhin nur billige Massenprodukte herzustellen, strebt China die Technologieführerschaft in Leitbranchen an. Wirtschaftsvertreter nutzten die Veranstaltung „Manufacturing in the Age of Experience“ von Dassault Systèmes als Bühne, um Chinas Innovationskraft in der Fertigung unter Beweis zu stellen.

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So eindrucksvoll wie der Blick vom Shanghai Tower, der höchsten Aussichtsplattform der Welt, will China auch seine Wirtschaft umbauen.
So eindrucksvoll wie der Blick vom Shanghai Tower, der höchsten Aussichtsplattform der Welt, will China auch seine Wirtschaft umbauen.
(Bild: Bernhard D. Valnion)
  • Die Zeiten der „verlängerten Werkbank“ für westliche Firmen sind längst vorbei. China verlangt von ausländischen Firmen heute auch das Teilen von Know-how, um selbst ähnliche Produkte herzustellen.
  • Das ist wichtig für das Land, denn China will in Leitbranchen – darunter Informations- und Kommunikationstechnologien, Werkzeugmaschinenbau und Automatisierung – Technologieführer werden.
  • Um diesen Wandel hin zu einer innovationsgetriebenen Wirtschaft zu vollziehen, wird stark in Software investiert. Von großer Bedeutung sind dabei Enovia als PLM-Lösung und Delmia von Dassault Systèmes.

Chinas Wirtschaft verzeichnet seit mehr als 30 Jahren ein atemberaubendes Wachstum. Das Erfolgsgeheimnis dahinter ist eine geschickte Mischung aus eng gefasstem (Turbo-)Kapitalismus in Kombination mit Planwirtschaft. Das Bruttoinlandsprodukt betrug 2017 6,8 % mehr als das Jahr zuvor und wuchs im dritten Quartal 2018 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum wiederum um einen ähnlichen Wert. Die Wahrheit ist aber auch, dass die zweistelligen Raten vor 2013 Vergangenheit sind, denn bereits 2013 waren es nur noch 7,8 %[1].

Die Regierung des Reichs der Mitte besitzt strategisch wichtige Unternehmen, die ihre Branchen dominieren. So werden die drei großen Energieunternehmen Petrochina, Sinopec und CNOOC kontrolliert. Sie sind weniger profitabel als Privatunternehmen, aber der Staatsbesitz erlaubt es, direkt auf die Priorisierung wichtiger Projekte Einfluss zu nehmen.

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China verlangt von ausländischen Unternehmen, die Produkte an die chinesische Bevölkerung verkaufen wollen, mehrere Dinge: Sie müssen Fabriken eröffnen, um chinesische Arbeiter zu beschäftigen, und sie müssen ihr Technologie-Know-how teilen, das es chinesischen Unternehmen ermöglicht, selbst ähnliche Produkte herzustellen.

Wandel zur innovationsgetriebenen Wirtschaft

Die Zentralbank (People’s Bank of China) wacht aufmerksam über den Wechselkurs des Yuan zum Dollar. Ziel ist, dass die heimischen Firmen etwas billiger produzieren können als US-amerikanische. Doch diese Vorgabe relativiert sich zunehmend, denn der aktuelle Fünfjahresplan sieht den Umbau von einer investitions- und exportorientierten hin zu einer innovationsgetriebenen Wirtschaft vor. In zehn identifizierten Leitbranchen wie Elektromobilität, Informations- und Kommunikationstechnologien, Werkzeugmaschinenbau, Automatisierung sowie Luft- und Raumfahrttechnik strebt man die globale Technologieführerschaft an[2]. Insbesondere im Bereich der Künstlichen Intelligenz ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit den USA entbrannt[3].

Das erstarkte Selbstvertrauen Chinas war auf dem Kongress „Manufacturing in the Age of Experience“ deutlich zu vernehmen, der in der größten Stadt der Welt veranstaltet wurde. Der Organisator dieses bemerkenswerten Events, Dassault Systèmes SE (DS), kann den Titel „PLM Market Leader in China“ für sich beanspruchen, was die Wahl des Veranstaltungsorts erklärt. So hat DS einen Marktanteil im PLM-Segment von 19,1 %, es folgen mit deutlichem Abstand Shenzhou (12,3 %) und Siemens PLM (10,7 %). Der Industriesoftwaremarkt insgesamt wuchs 2018 gegenüber dem Vorjahr um 16 % auf gut 168 Mrd. Yuan (21,8 Mrd. Euro), wobei die Hälfte davon auf den Bereich Embedded Software entfällt.

Mit zum Erfolg von DS beigetragen haben mag die Tatsache, dass Shanghai französische Wurzeln hat und sich damit als guter Ausgangspunkt für die Markteroberung eignete. Die französische Konzession (Englisch: „French Concession“) von Shanghai war von 1849 bis 1943 eine ausländische Enklave in Shanghai. Die mit Platanen gesäumten Straßen in diesem Stadtteil erinnern auch heute noch an eine südfranzösische Metropole. Die Konzession endete jäh 1943, als der französische Staat sie unter deutschem Druck an die projapanische Reorganisation der chinesischen Regierung in Nanjing unterstellte.

Großes Potenzial für die 3D-Fertigungsplanung

In Chinas Smart-Factory-Initiative passt das Delmia-Portfolio hervorragend. Für China hat dies einen hohen Stellenwert, weil die Fertigung rund 30 % des Bruttoinlandsprodukts ausmacht. Für DS birgt die Digitalisierung des Shopfloors ein riesiges Umsatzpotenzial. Hinter dem Kunstwort „Delmia“ verbirgt sich die Abkürzung „Digital Enterprise Lean Manufacturing Interactive Application“. Die Delmia-Story begann Ende der 1990er-Jahre mit der Übernahme von Deneb Robotics, EAI-Delta und Safework durch DS, um Materialflusssimulation auf Basis von 3D-Daten zu ermöglichen. Der Zukauf von Apriso 2013 war ein weiterer wichtiger Schritt, denn so konnten 3D-Modelle dichter an Manufacturing-Execution-Systeme (MES) geführt werden. Doch war noch eine Lücke im Portfolio vorhanden, ein Tool für die Produktionsterminierung musste her. Diese wurde mit der Übernahme von Ortems Ende 2016 geschlossen und seit dem 2018x-Release steht Delmia für die umfassende regelbasierte 3D-Fertigungsplanung. Hinzu kam schließlich noch Quintiq, das bereits 2013 zu DS stieß. Jedoch entschloss man sich erst Ende 2018, dieses Portfolio rund um agile Optimierungslösungen für den operativen Betrieb der Delmia-Marke zuzuordnen. Mit diesem Schritt wird Delmia zu einem führenden Anbieter von End-to-End-Lösungen im Bereich der gesamten Supply Chain, der neben dem Segment Lean Production auch das der Operations anspricht. Erste integrierte Lösungen in dieser Hinsicht werden mit Release 2020x erwartet.

Wird Delmia hierzulande nicht wirklich wahrgenommen, obwohl praktisch jeder größere Automobilhersteller die Software in seiner Fertigung nutzt, genießt es in China große Reputation und Aufmerksamkeit. Dies machte auf der Konferenz einmal mehr Dongxu Yang von FAW Car deutlich. FAW ist nach Shanghai Automotive und Dongfeng mit 3,3 Mio. hergestellter Fahrzeuge der drittgrößte Fahrzeugproduzent in China. Das in Changchun (Provinz Jilin) beheimatete Unternehmen steht unter der vollständigen Kontrolle der chinesischen Regierung und unterhält mit Audi, General Motors, Mazda, Toyota und Volkswagen Joint Ventures[4]. FAW ist der erste Automotive-OEM in China, der ein Manufacturing-Operation-Management-(MOM-)System beziehungsweise ein MES auf Basis von DS-Technologien betreibt.

Yang stellte ein IT-Projekt über die Simulation einer Montagelinie einschließlich Integration von Punktewolken aus Laserscans und Menschmodellen vor, beispielsweise um aussagekräftige Kollisionskontrollen mit Werkern durchführen zu können. Delmia hilft bei diesem Pilotprojekt unter anderem dabei, 3D-Anweisungen für das Greifen der Werker abzuleiten. Noch habe man alle Hände voll zu tun, gab Yang zu verstehen, um den digitalen Zwilling zum Leben zu erwecken, aber man sei auf einen gutem Weg, denn, so Wang: „Geschwindigkeit ist, was zählt!“

Optimierung und Variantenevaluierung

Gelingt China also der Coup, die weltweite Technologieführerschaft zu erringen? Die inhaltsreichen Vorträge in der eigens am Huangpu-Fluss angemieteten Event-Location geben Anlass, dies für realistisch zu halten. Denn wie in einem Hintergrundgespräch der CEO der DS-Marke Delmia, Guillaume Vendroux, zu verstehen gab, beginnt man sich in China intensiv mit Optimierungsalgorithmen zu beschäftigen, ebenso wie sie beispielsweise Quintiq bietet – eben nicht nur zu modellieren, sondern auch intensiv zu analysieren („Optioneering“). Es sei zu vermuten, so Vendroux, der erst 2016 zu DS stieß und zuvor bei Alstom für den Betrieb der weltweit insgesamt 23 Fabriken verantwortlich war, dass in spätestens Fünfjahresfrist das Niveau von Europa erreicht sein werde. Das sind maximal 260 Wochen. Oder wie es Yang zuvor auf den Punkt gebracht hatte: Geschwindigkeit ist, was zählt. Auch für Europa.

Literatur

[1] https://www.thebalance.com/china-s-economic-growth-cause-pros-cons-future-3305478

[2] https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/china-node/-/200468

[3] https://www.nature.com/articles/d41586-019-02360-7

[4] https://en.wikipedia.org/wiki/Automotive_industry_in_China

* Dr. Bernhard D. Valnion ist Publizist in Kirchheim bei München und Baden-Baden. Weitere Informationen: Carola von Wendland, Dassault Systèmes GmbH in 81829 München, Tel. (0 89) 6 42 60-4 09, carola.vonwendland@3ds.com

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