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Unternehmensphilosophie Mit Digitalisierung steigt die Verantwortung für Unternehmen

Autor: Simone Käfer

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI) haben Auswirkungen. Der Dieselskandal hat gezeigt, dass diese auch finanziell sein können – wenn im Unternehmen die Ethik fehlt.

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Prof. Dr. Armin Grunwald leitet das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag.
Prof. Dr. Armin Grunwald leitet das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag.
(Bild: © www.kit.edu)

Die Verantwortung von Unternehmen endet nicht mehr am Betriebstor. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz stellen uns vor Fragen wie: Wo bleibt der Mensch? Prof. Dr. Armin Grunwald hat auch nicht auf alle Fragen Antworten, weiß aber, nach was Unternehmer sich richten können.

Herr Prof. Grunwald, Ethik ist die Suche nach dem richtigen Handeln. Warum sollte ein Unternehmer sich darüber Gedanken machen?

Heutzutage haben viele Unternehmen eine Handlungsmacht, die über ihr eigenes Marktumfeld hinausreicht. Wenn KIs oder beispielsweise autonome Fahrzeuge hergestellt werden, dann hat das gesellschaftliche Folgen, die auf Menschen Einfluss haben und jemandem Schaden können. Beim Stichwort „Diesel-Skandal“ kann man erahnen, dass da ein bisschen Ethik nicht geschadet hätte. Diese Handlungsmacht jenseits des Marktes ist in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen, wodurch eine stärkere Gemeinwohlverpflichtung entstanden ist, die eben auch ethischer Analyse bedarf.

Wonach kann sich ein Unternehmen richten, wenn es seine ethischen Standards aufstellen oder überarbeiten will? Gibt es einen Leitfaden?

Leider funktioniert das so nicht. Immanuel Kant sagt in seinem kategorischen Imperativ nicht, wie wir handeln sollen, sondern, wie wir überlegen sollen, wenn wir nach dem guten Handeln suchen. Das ist schwierig. Denn es ist keine Handlungsanweisung, sondern ein Hinweis, der das Nachdenken orientiert. Suchen und entscheiden müssen wir schon selbst. Das nimmt uns weder ein Kant noch eine Ethik ab. Ethik ist eine Hilfe zum Selbstdenken.

Kant und Ethik können also nicht meine Probleme lösen oder mir Entscheidungen abnehmen. Aber Ethik gibt mir eine Richtung, in die ich meine Entscheidungen fällen könnte.

So ist es. „Behandele andere so, wie Du behandelt werden möchtest“ ist ein ganz plattes Postulat. Es gibt aber eine gute Richtung, um bei Konflikten akzeptable Lösungen für alle Beteiligten zu finden. Ethik muss immer allgemein sein, aber eine Unternehmerin und ein Unternehmer müssen im Einzelfall sehr konkrete Entscheidungen treffen. Dann müssen sie selbst nachdenken und eigenverantwortlich Entscheidungen treffen. Ethik nimmt ihnen diese Entscheidungen nicht ab.

Wenn ich meine Entscheidungen und meine Unternehmensphilosophie nach ethischen Aspekten ausrichte, muss ich sie dann nicht regelmäßig überarbeiten? Mit der Zeit verändern sich Einstellungen oder moralische Ausrichtung …

Es ändert sich nicht alles ständig. Es ändern sich bestimmte Einschätzungen, Lebensstile, Prioritäten, Wertemuster. Aber so ein kategorischer Imperativ von Immanuel Kant, der ist schon über 200 Jahre alt und gilt immer noch. Oder Gebote wie „Du sollst nicht töten!“ gelten immer noch, sie ändern sich nicht so schnell. Aber es gibt auch so etwas wie Modeerscheinung, die ändern sich schneller. Nach denen sollte man seine Überlegungen nicht ausrichten. Unternehmer sollten immer auf die längerlebigen Handlungsvorschläge setzen, die beispielsweise auch bei den Menschenrechten eine Legitimationsbasis haben.

Unternehmen sind verpflichtet gegenüber unserem Wertesystem, demokratischen Grundrechten, dem Wohl ihrer Mitarbeiter. Bei der Umsetzung helfen ethische Überlegungen. Aber ein Unternehmen ist keine Wohlfahrtsorganisation und muss Geld verdienen. Was also bringt ihm eine Unternehmensethik konkret, wann zahlt sich ethisches Handeln aus?

Denken Sie an den Diesel-Skandal. Der Betrug zahlte zuerst auf den Geschäftserfolg ein, aber am Ende sind nun Milliarden an Strafzahlungen fällig. Nachhaltigkeit, Kinderarbeit, Klimaschutz – darauf achten Konsumenten immer mehr und das wirkt sich auf den Geschäftserfolg aus. Wir sind eine Gesellschaft geworden, in der es auch darauf ankommt, Standards zu erfüllen, die sich nicht einfach in Geld ausdrücken lassen. Mittel und langfristig lohnt es sich auf Ethik zu setzen, eben auch im Sinne eines Geschäftserfolges.

Mal abgesehen vom Datenschutz, muss ich meine Unternehmensphilosophie durch die Digitalisierung und den Einzug von KIs in der Produktion überarbeiten?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten, aber man muss auf jeden Fall darüber nachdenken. Zum Beispiel ist die exakte Verfolgung von Bauteilen und Werkzeugen eigentlich eine tolle Sache für ein Unternehmen. Aber natürlich kann man so auch die Menschen verfolgen, die Performance jedes einzelnen kann ungleich besser überwacht werden – permanent. Dadurch ist eine sozialdarwinistische Arbeitsform denkbar, in der man nicht mehr nach Tarifen, sondern nach Produktivität bezahlt wird. Die Schwachen werden als schwach erkannt und erhalten weniger Geld. Jede Solidarität ist raus. Man kann aber auch sagen: „Menschen sind nun mal unterschiedlich leistungsfähig und sollten auch danach bezahlt werden.“ Das wäre der Aspekt der Leistungsgerechtigkeit. Es ist nicht einfach eine Negativrechnung, sondern eine Spannung, die eine 150 Jahre alte gesellschaftliche Kontroverse abbildet.

Künstliche Intelligenz bringt allerdings eine Besonderheit mit sich: Man kann nicht vorhersehen, wie eine KI die Maschine oder das System weiterentwickeln wird.

Das ist philosophisch und rechtlich ein echter Hammer, eine menschheitshistorische Zäsur. Bisher hat sich Technik nie weiterentwickelt, sondern ging nur allmählich oder plötzlich kaputt. Die Weiterentwicklung durch eine KI dient einem bestimmten Zweck. Dieses Lernen und die damit verbundene Unvorhersehbarkeit muss so kanalisiert werden, dass nichts Falsches gelernt wird, nichts was dem Zweck zuwiderlaufen würde. Es kann kein freies Lernen sein. Das Lernen einer KI braucht Grenzen.

Also hat der Mensch noch die Kontrolle über die KI und die Maschinen?

Nehmen wir ein Beispiel aus der Automatisierung. Wir lesen immer wieder: „Mensch und Roboter kollaborieren auf Augenhöhe.” Wer hat denn da die Kontrolle? In einem Produktionsprozess gelten klare Verantwortungs- und Zuständigkeitsstrukturen, wenn es um Entscheidungen geht. Aber wer hat bei Arbeiten auf Augenhöhe die Kontrolle bei bestimmten Prozessen? Doch ein Roboter oder eine KI? Wird der Mensch zum Erfüllungsgehilfen von Technik? Die Frage finde ich nicht abwegig. Nicht im Sinne, dass Algorithmen die Weltherrschaft übernehmen. Das halte ich für Quatsch. Aber so im ganz konkreten Prozess, wer gibt denn da die Maßstäbe vor?

Der Mensch. Oder etwa nicht?

Nehmen Sie eine ganz normale Softwareapplikationen ohne KI. Sie können zwar Daten eintragen, müssen sich dabei aber nach der Software richten. Sie gibt alles vor. Die Software hat die Kontrolle. Wie wird das mit der Augenhöhe in der Produktion, wer ist der Boss für welche Zwecke? Es heißt zwar immer „bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt“, aber welcher Mensch und in welcher Rolle?

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Über den Autor

 Simone Käfer

Simone Käfer

Redakteurin für Additive Fertigung und Werkstoffe