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IoT-Plattformen

Talentierte Träumer gesucht

| Autor/ Redakteur: Jessica Volkwein / Melanie Krauß

Der Aufbau einer IoT-Plattform im Unternehmen gewinnt zunehmend an Relevanz. Doch nicht nur die technischen Voraussetzungen dafür müssen gegeben sein, sondern auch entsprechende Mitarbeiter, die die notwendigen Fähigkeiten mitbringen.

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Um sich auf die Herausforderungen von morgen vorzubereiten, brauchen Unternehmen die richtige Balance zwischen Fantasie, Innovation und Risiko.
Um sich auf die Herausforderungen von morgen vorzubereiten, brauchen Unternehmen die richtige Balance zwischen Fantasie, Innovation und Risiko.
(Bild: ©Sunny studio - stock.adobe.com)

Der Erfolg deutscher Maschinenbauer beruht auf Perfektion, stetiger Verbesserung der Kernfunktionen der Maschinen und der Weiterentwicklung von Technik. Ein Ansatz, der bestens funktioniert, solange sich der Status Quo von Märkten und Kunden im Tempo eines Fünf-Jahresplans verändert. Eine schöne Welt – die es so schon lange nicht mehr gibt.

Heute beschleunigen IoT-Plattformen das Tempo, auch im Maschinenbau. Sie vernetzen Maschinen in der Cloud, um den Kunden zusätzliche Leistungen anzubieten: So lassen sich zum Beispiel neue Wartungsstrategien (Condition-Based Maintenance) realisieren oder Fertigungsabläufe überwachen. Also ein Instrument, das Unternehmen bei der Gestaltung ihrer Industrie-4.0-Roadmaps unbedingt mit einbeziehen sollten, oder?

Leider ist das leichter gesagt als getan. Denn der Aufbau und die Nutzung einer IoT-Plattform bringt nicht nur auf technischer Ebene einige Herausforderungen mit sich. Erforderlich ist auch eine Expertise, die nicht im Curriculum von Studiengängen des Ingenieurwesens auftaucht: Die Fähigkeit, Fantasie und Realität zu verweben. Mal groß und außerhalb der Konvention zu denken. Oder auch schlicht: zu träumen.

Neue Marktmechanismen

Um die Komplexität und Dynamik der Entwicklung von IoT-Plattformen zu managen, reichen die bisherigen Kompetenzen nicht mehr aus. Denn digitale Plattformen sind bereits heute in vielen Branchen fest im Informations- und Beschaffungsprozess der Kunden verankert und damit die heimlichen Gewinner unter den derzeitigen technischen Innovationen. Das erschwert es zum einen, überhaupt an einen „aktuellen“ Wissenstand anzuknüpfen – denn, was „state-of-art“ ist, ändert sich im Monatstakt oder schneller.

Zum anderen liegt der zentrale Wert einer IoT-Plattform in deren Skalierungs- und Netzwerkeffekten: Je mehr Unternehmen auf der Plattform kooperieren, umso attraktiver und vielversprechender das Modell, umso breiter die Kundenzielgruppe, die dadurch angesprochen wird und partizipieren will. Das treibt die Skalenerträge und das wirtschaftliche Wachstum. Zudem sind sie flexibel und leicht anpassbar, was zukünftigen Entwicklungen und Kundenanforderungen zugutekommt.

Digitale Lösungen sind gefragt, produktnahe Services mit einem durchgängigen Nutzenversprechen für die Kunden – etwa zur vorausschauenden Wartung. Schließlich erhoffen sich auch die Kunden, dass eine Digitalisierung von Maschinen auch ihre eigene Effizienz und Agilität verbessert. Genau damit sind wir dann bei der Notwendigkeit des „Träumens“ beziehungsweise dem verfügbaren Fantasiespielraum: Können Mitarbeiter, können Teams mit Kunden und Zulieferern in einer Plattform zu völlig neuen Produkten gelangen, indem sie neue Dinge ausprobieren? Oder kommt am Ende nur wieder eine zusätzliche Maschinenfunktion dabei heraus?

Digitales Geschäftsmodell

Dazu sollte man zuerst einmal, ganz pragmatisch, eine Auswahl aus dem Universum der aktuell circa 400 verschiedenen IoT-Plattformen treffen. Managementseitig kann diese Wahl – ohne eine stimmige Digitalstrategie – allerdings zur Qual werden. Denn es geht eben nicht nur darum, Machine-to.-Machine-Schnittstellen entsprechend der Plattform-Logik abzubilden. Das erledigt ein guter IT-Manager im Handumdrehen.

Es geht hier vielmehr um Kundenmanagement, um Marktentwicklungen und Trends, um Innovationen und Überleben in einem knallharten Wettbewerb. Das erfordert Fantasie für schnelle Lösungen, Kollaboration, Open Innovation und zuweilen den Willen zu einer konsequenten Ausrichtung auf die Bedarfe der Kunden.

Kein Problem – denn wenn jemand seine Kunden besonders gut kennt, dann doch der Maschinenbauer, oder? Schließlich ist gerade dessen Kundenkreis homogen, mit dem Unternehmen gewachsen, überschaubar und loyal. Das lässt sich mit einer geschlossenen IoT-Plattform auch weiter kultivieren.

Mit einer offenen IoT-Plattform liegt die „Schnittstelle zum Kunden“ allerdings nicht länger nur in der Hand des Unternehmens. Denn in diesem Fall sollen ja mehrere Teilnehmer partizipieren, um die erwähnten Netzwerkeffekte zu erzielen. Erneut ist Fantasie gefragt: Wie kann man die vorhandenen Kunden-Lieferanten-Beziehungen zu einer n:n-Netzwerkbeziehung mit einer Vielzahl von Akteuren unter Wahrung der Informationssicherheit vertrauensvoll ausbauen?

In der Industrie gibt es bereits einige Plattform-Pioniere, die sich diesen Herausforderungen erfolgreich stellen: Etwa Mindsphere, das offene, cloudbasierte IoT-Betriebssystem von Siemens; die Softwareplattform Predix von GE sowie die Industrie 4.0-Plattform Axoom von Trumpf. Benchmarks setzt auch die IIoT-Plattform Adamos, „Adaptive manufacturing open solutions“, eine offene, digitale Platform-as-a-Service. Deren offene Schnittstellenstruktur erlaubt es anderen Plattform-Teilnehmern, ihre eigenen Anwendungen zu behalten.

Maschinenbauer wie DMG Mori, Dürr, Zeiss, Engel, Karl Mayer oder ASM sind bereits an Bord. Diese geballte Maschinenbauer-Allianz will ihre Kenntnisse aus dem Maschinenbau, der Produktion und der IT nutzen und soweit bündeln, dass sich die Plattform als neuer Branchenstandard etablieren kann. Welche dieser Lösungen sich erfolgreich im Markt durchsetzen wird, ist offen.

Digital Mindchange

Doch wie findet man heute die richtigen Mitarbeiter für Herausforderungen, die morgen relevant werden? Die als talentierte Ingenieure oder Informatiker lieber zu einem Maschinenbauer gehen als zu Google oder Amazon? Die enorme wirtschaftliche, gesellschaftliche und technische Dynamik führt dazu, dass diese Frage eine zentrale Rolle im „Digital Mindchange“ bei der Besetzung von Führungspositionen spielt. Denn es geht dabei um hochspezialisiertes Wissen einerseits, aber auch um generelle Fähigkeiten, Werte und Einstellungen. Und um eine ausgewogene Balance zwischen Fantasie, Innovation und Risiko. Folgende Orientierungspunkte für ein „Digital Mindchange“ können dabei hilfreich sein:

Geschäftsmodell: Unternehmen benötigen neben Plattform-Know-how eine nachhaltige Wachstumsstrategie mit einem zukunftsweisenden Geschäftsmodell. Sie sollten sich der Relevanz der IoT- Plattformen für das eigene Geschäft sowie der bisherigen – aber auch neuer – Kundengruppen bewusst werden.

Organisationsmanagement: Um die richtigen Manager und Mitarbeiter für einen traditionellen mittelständischen Maschinenbauer zu begeistern, braucht es insbesondere das richtige Arbeitsumfeld. Hier ist die aufnehmende Organisation gefragt. Es braucht eine andere Führungskultur, um diese Kandidaten langfristig zu binden.

Kandidaten sollten weniger für ihre technische Kompetenz oder spezifisches Produkt-Knowhow ausgewählt werden, sondern viel mehr für ihre digitalen Leadership-Skills. Unterschiedliche Denkweisen und Methoden zu akzeptieren, verschafft einer Organisation einen Mehrwert. Das klassische Silo-Denken hat ausgedient. Wenn eine Organisation bereit ist, Manager und Mitarbeiter zu integrieren, die „anders denken“, kann sie sich weiterentwickeln und gewinnt am Ende des Tages neue, interessante Mitarbeiter.

* Jessica Volkwein ist geschäftsführende Gesellschafterin bei LAB & Company in 80539 München, Tel. (0 89) 4 57 09 78 - 56, volkwein@labcompany.net, www.labcompany.net

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