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Porträt Von der technischen Zeichnerin zur Akademieleiterin

Dass vielseitige Interessen einer Karriere förderlich sind, zeigt der Weg von Annette Müller, die es von der technischen Zeichnerin bis zur Akademieleiterin geschafft hat.

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Annette Müller ist Leiterin der Walter HR & Academy in Tübingen.
Annette Müller ist Leiterin der Walter HR & Academy in Tübingen.
(Bild: Privat)

Noch immer ist es eine Seltenheit, wenn es eine Frau in einem Unternehmen schafft, Chefin zu werden oder die Leitung einer Abteilung zu übernehmen. Und wenn, dann fragt man sich, was haben diese Frauen anders gemacht?

Eine solche Frau ist Annette Müller, geboren 1969 und heute Leiterin der Walter HR & Academy in Tübingen. „Ich war immer eine ganz gute Schülerin, ja, aber ich habe mich nie verrückt gemacht“, erzählt die zweifache Mutter von zwei 16 und 18 Jahre alten Teenagern selbstbewusst. „Wenn ich es heute mit meinen Töchtern vergleiche, habe ich es doch recht easy genommen. Meine Eltern haben mich nie wirklich gepuscht oder in eine Richtung gedrängt. Meine beiden Mädels sind da wesentlich engagierter, als ich es damals für mich empfunden habe. Das gefällt mir. Aber Druck übe ich meines Erachtens nie aus. Das würde nicht zu mir passen. Ich finde, man kann die Situation mit damals vor 30 Jahren nicht wirklich vergleichen.“

Ihren Vater, der Schreinermeister und im Nebenerwerb Landwirt ist, bewundert sie, weil er nachts oft seiner Leidenschaft nachgeht und seine Feldmaschinen selbst repariert. „Sonst war einfach keine Zeit dazu“, erläutert Frau Müller. „Er übte parallel noch diverse andere Tätigkeiten aus und auch meine Mutter war immer berufstätig. Es war für meinen Bruder und mich einfach normal, dass harte Arbeit zum Leben dazugehört. Darüber habe ich mir nie wirklich Gedanken gemacht. Aber logischerweise hat es mich auch ein Stück geprägt.“

Als Kind hat sie nie einen bestimmten Berufswunsch. Doch eines ist klar: „dass es nicht unbedingt etwas rein Betriebswirtschaftliches werden sollte.“

Begeisterte Technikerin

Nach der Schule erlernt sie deshalb von 1985 bis 1988 den Beruf der technischen Zeichnerin. Diesen übt sie ab 1988 als Produktdesignerin für Wärmetechnikprodukte und ab 1989 für Zerspanungswerkzeuge bei der Walter AG aus. Von 1991 an besucht sie die Technikerschule, die sie 1993 als eine von wenigen Frauen als Maschinenbautechnikerin (Fertigungstechnik) abschließt. Mittlerweile gibt es zwar viele Projekte, die Mädchen und junge Frauen für eine Karriere in einem technischen Beruf begeistern wollen, doch damals galten Frauen in diesem Bereich noch als exotisch.

Ab 1994 ist sie bei einem Konstruktionsbüro in Korntal-Münchingen und ab 1995 bei einem Konstruktionsbüro in Leonberg angestellt. „1996 bin ich dann wieder zu Walter in die Konstruktionsabteilung gewechselt. Back to the roots sozusagen. 1998 habe ich im Rahmen interner Veränderungen den Wechsel in den Vertriebsinnendienst als Projektingenieurin gemacht. Grund war, dass ich so mehr in direkten Kontakt mit Kunden kam. Das hat mir gefallen“, erzählt die Akademieleiterin.

Im Jahr 2000 wechselt sie als Produktmanagerin ins Marketing. Dort kann sie als Verantwortliche für das elektronische Werkzeug-Verwaltungssystem TD-Measy Erfahrungen mit IT-Themen sammeln und ist viel bei Kunden und Handelspartnern. 2003 geht es dann zunächst als Produktkoordinatorin, dann als Produktmanagerin für Drehwerkzeuge zurück zu den Werkzeugen. Dort betreut sie in Abstimmung und Zusammenarbeit mit dem Vertrieb und der Produktentwicklung sowie der Produktion und Logistik den kompletten Produktlebenszyklus von Drehwerkzeugen.

Familie und Beruf vereinbaren

Ein harter Schlag trifft sie 2008, als ihr erster Mann, der zu Hause die Kinder versorgt hat, bei einem Unfall ums Leben kommt. Doch sie gibt nicht auf, kümmert sich um die Kinder und arbeitet in Teilzeit weiter, angefangen von einem Tag pro Woche, später bis zu 85 % – im Rahmen der familiären Möglichkeiten.

2011 wird sie Leiterin der Abteilung Technisches Training. Dort beschäftigt sie sich mit der konzeptionellen Entwicklung und Ausbildung von internationalen technischen Trainern und hat die Verantwortung für die Studierenden im Unternehmen.

Seit 2016 ist sie wieder verheiratet. „Geheiratet haben wir in Südafrika am Strand und seitdem – aber nicht alleine deshalb – bin ich in dieses Land verliebt und es zieht mich immer wieder hin. Die Kreativität der Menschen dort begeistert mich. Ich hoffe sehr, dass die Menschen dort wegen der Coronakrise nicht sehr leiden müssen.“

Wie dieses Beispiel zeigt, ist es für weibliche Karrieren immer noch typisch, dass es keinen geraden Karriereweg gibt. Familiäre Care-Arbeitsphasen, unterschiedliche Teilzeitmodelle, all das kennt Annette Müller: „Ich habe da schon ziemlich viel erfahren und bin froh, dass das Unternehmen mich dabei immer unterstützt hat.“ Was in anderen Unternehmen ein Hindernis für Karrieren von Frauen ist, haben sie und die Verantwortlichen der Walter AG als Vorteil gesehen, denn Frau Müller nutzt es, um sich in unterschiedlichen Bereichen zu profilieren.

In ihrer Position als Akademieleiterin hat sie seit 2016 die Möglichkeit, ihre gesamten Erfahrungen zusammenführen. Sie plant mit ihrem fünfköpfigen Team nicht nur konkrete Maßnahmen, um die rund 3500 Mitarbeiter der Walter AG weltweit fit für die dynamische Entwicklung in der Branche zu machen. Ihre wichtigste Aufgabe ist es, die Kompetenzfelder und Wissensbereiche zu identifizieren, die für die strategische Weiterentwicklung von Walter zentral sein werden – und daraus Programme für Trainer in 30 Ländern zu entwickeln.

Es bleibt auch Zeit für Hobbys

Obwohl ihr die Arbeit viel Spaß macht, ist sie auch gerne mit ihrer Familie zusammen und bewegt sich mit viel Freude im und ums Haus. Dazu gehört auch das Spazierengehen mit dem Berner Sennenhund. „Ich wohne auf dem Land außerhalb einer Ortschaft, umgeben von Tieren und Natur“, erzählt sie weiter. „Zum 50. habe ich von meiner Familie eine wunderschöne kleine Orangerie geschenkt bekommen. Sie ist zu einer kleinen Oase für mich geworden und sobald die Temperaturen es zulassen, trinke ich darin jeden Morgen meinen ersten Kaffee. Gerne lade ich auch Familie und Freunde zu selbstgebackenem Kuchen dorthin ein. Ich habe letztes Jahr außerdem eine Blumenwiese und ein Mohnfeld auf unserem Grundstück angelegt und war tierisch stolz, als alles geblüht hat. Dieses Jahr wird ein Lavendelfeldversuch dazukommen“, ergänzt die naturverbundene Technikerin, die nebenbei seit November 2019 eine Ausbildung zur Waldführerin bei Peter Wohllebens Waldakademie macht. „Das ist etwas ganz anderes als mein Business-Alltag und ich genieße es wirklich sehr“, erzählt sie weiter.

Es bleibt auch Zeit, um weiteren Hobbys nachzugehen. Dazu gehört das Kochen von vegetarischen Speisen, die sie gerne zusammen mit ihrer Familie und mit Freunden genießt. Eine weitere Leidenschaft ist das Lesen: „Ja, ich lese gerne kriminalpsychologische Romane, zum Beispiel von Hjorth und Rosenfeldt, alles was die Natur anbelangt, wie die Nabu-Infos, die ich als Mitglied erhalte, Bücher von Peter Wohlleben und das Brand-eins-Magazin. Leider nehme ich mir aber manchmal nicht genügend Zeit dafür beziehungsweise gebe anderen, im jeweiligen Moment wichtigeren Themen den Vorrang.“

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Über den Autor

Dipl.-Ing. (FH) Reinhold Schäfer

Dipl.-Ing. (FH) Reinhold Schäfer

Redakteur, MM MaschinenMarkt