Durch die Abspaltung des Motoren- und Getriebegeschäfts von Siemens wird sich der Anbietermarkt verändern. Was das bedeutet und welchen Weg Siemens gehen wird, zeigt Blake Griffin, Senior Analyst bei Interact Analysis.
Roland Busch, Siemens-Vorstandsvorsitzender, und Finanzvorstand Ralf P. Thomas bei der Jahrespressekonferenz im November 2022. Hier wurde bekannt, dass sich das Unternehmen vom Motorengeschäft trennt.
(Bild: Siemens)
Mitte November gab Siemens-Vorstandschef Roland Busch bei der Bilanzpressekonferenz bekannt, sein Motorengeschäft in eine unabhängige Einheit auszugliedern. Damit sollen die Geschäftseinheiten Large Drives Applications, Low Voltage Motors, Geared Motors, Weiss Spindeltechnologie und Sykatec unter einem gemeinsamen Dach zusammengeführt werden (wir berichteten). Das geplante neue Unternehmen soll mit eigener Rechtsform agieren und außerhalb des Kerngeschäfts der Siemens AG tätig sein. Es werde mit 14.000 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von rund drei Milliarden Euro erzielen.
Siemens-Divisionen, die zur Ausgliederung gehören.
(Bild: Interact Analysis)
Nach Ansicht von Blake Griffin, Senior Analyst bei Interact Analysis, wird diese Ankündigung eine bedeutende Veränderung in der Anbieterlandschaft der Motoren- und Antriebshersteller darstellen.
Weg vom Hardware- hin zum Softwaregeschäft
Doch zum besseren Verständnis der Strategie von Siemens ein kurzer Blick zurück: Wie Griffin betont, hat Siemens seit der Ankündigung von Mindsphere im Jahr 2017 stets Schritte unternommen, um das Unternehmen weg von einem Hardware- hin zu einem Software- und Service-Anbieter auszurichten. Die Abkehr vom schwächeren Hardware-Geschäft hat sich für das Unternehmen im Hinblick auf die Gewinnmarge ausgezahlt, denn die liegt seit 2017 bei durchschnittlich 35,5 Prozent; in den fünf Jahren davor bei „lediglich“ 28,8 Prozent.
Diese „Big Tech“-Mentalität habe sich laut Griffin in den letzten Jahren durch eine Reihe ähnlicher Schritte gezeigt, die alle darauf abzielten, das Siemens-Portfolio von Produkten mit niedrigeren Margen und weniger Digitalisierungsmöglichkeiten zu befreien: So kündigte Siemens 2020 die Ausgliederung seines Energiegeschäfts in eine eigene Einheit an. Das wurde damals als „Fokussierung“ angekündigt. Doch im Vergleich zum sonstigen Siemens-Geschäft schnitt die Energietechnik unterdurchschnittlich ab und wies eine Gewinnmarge auf, die 7,1 Prozent unter dem Niveau des Konzerns lag. Im Laufe desselben Jahres schloss Siemens den Verkauf des Getriebespezialisten Flender ab. Der Finanzvorstand von Siemens, Ralf P. Thomas, erklärte damals, der Verkauf sei „ein weiterer Schritt in der Umsetzung unserer Strategie, Siemens zu einem fokussierten Technologieunternehmen zu machen“.
Sinamics-Antriebe bei der Aufspaltung nicht enthalten
Bereits im August hatte ABB bekannt gegeben, das Geschäft mit NEMA-Niederspannungsmotoren von Siemens zu übernehmen. Der Konzern hat damit ein bekanntes Produktportfolio, eine fest etablierte Kundenbasis in Nordamerika, ein erfahrenes Betriebs-, Vertriebs- und Managementteam sowie einen Produktionsstandort in Mexiko erworben. Das Geschäft erwirtschaftete 2021 mit rund 600 Mitarbeitenden einen Umsatz von etwa 63 Millionen US-Dollar. Für ABB war die Übernahme ein Teil der Strategie für ein profitables Wachstum des Geschäftsbereichs Antriebstechnik.
Nun stößt Siemens also weitere Motoren-Geschäftsbereiche ab. In die Aufspaltung mit einbezogen ist das Siemensportfolio der Niederspannungsmotoren Simotics ebenso wie die Großantriebe. Was allerdings fehlt, sind die Niederspannungsantriebe Sinamics, was Griffin erstaunt. Diese Produktlinie soll bei Siemens verbleiben.
Mit dem Ausschluss der Sinamics-Antriebe werde laut Griffin deutlich, dass Siemens in diesen Produkten ein Potenzial sieht, das über die eigentliche Hardware hinausgeht. Betrachtet man sich die Entwicklung der Niederspannungsantriebe, dann ist sichtbar, dass der Frequenzumrichter eines der Tools für die Digitalisierung sein kann. Schon heute können sie Änderungen im elektrischen Verhalten des Motors, den sie steuern, erkennen. Zudem werden bereits Zustandsüberwachungs- und vorausschauende Wartungsdienste angeboten, die den Antrieb als Sensor nutzen. Aus diesem Grund erwartet Interact Analysis, dass Siemens die Digitalisierung in seinem Antriebsportfolio weiter vorantreiben wird.
Die Weichen sind gestellt
Michael Reichle hat zum 1. Januar 2023 die Verantwortung als CEO der Siemens Portfolio Company Large Drives Applications (LDA) übernommen.
(Bild: Siemens)
Noch vor der Abspaltung wird es bei Siemens Large Drives Applications (LDA) personelle Veränderungen geben. Mit Wirkung zum 1. Januar 2023 wurde Michael Reichle zum CEO der Einheit ernannt. Er folgt damit Hermann Kleinod, der weiterhin integraler Teil des globalen LDA-Management-Teams bleiben wird. Als CEO übernimmt Reichle alle Verantwortungsbereiche seines Vorgängers. Gleichzeitig soll Reichle als CEO die Leitung des neu zu gründenden integrierten Motoren- und Großantriebe-Unternehmens übernehmen. Christoph Salentin bleibt weiterhin CFO der LDA und soll dann auch die Verantwortung als CFO für das neue Unternehmen übernehmen.
Was den Markt der Niederspannungs-Drehstrommotoren angeht, ist der Zeitpunkt der Aufspaltung aus Sicht von Interact Analysis interessant, denn es stehen Veränderungen an. So hat die EU weitere Effizienzregelungen erlassen, die im Jahr 2023 in Kraft treten sollen. Sie schreibt vor, dass Motoren zwischen 75 und 200 kW die Norm mindestens IE4 erreichen müssen. Dies wird sich in den folgenden Jahren wahrscheinlich ausweiten, andere Regionen planen ähnliches. Synchronreluktanz-, geschaltete Reluktanz-, Axialfluss- und Permanentmagnetmotoren sind allesamt Kandidaten, die diese neuen Marktanforderungen erfüllen können. Mit dem Eintritt eines neuen Motoranbieters, der wahrscheinlich schlanker und fokussierter sein wird als sein Vorgänger (in Bezug auf sein Motorangebot), wird sich der Wettbewerb um dieses hocheffiziente Geschäft verschärfen, ist sich Blake Griffin sicher.
Stand: 08.12.2025
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