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Auslandsmärkte Marokko auf dem Weg der Industrialisierung

| Autor / Redakteur: Dr. rer. nat. Thomas Dr. Isenburg / Stéphane Itasse

Die Montagehalle war zum Festsaal geworden, als der marokkanische Minister für Industrie, Investition, Gewerbe und digitale Wirtschaft, Moulay Hafid El Alamy, sowie Siemens-Gamesa-CEO Dr. Markus Tacke die erste Rotorblattfertigung in Afrika eröffneten. Doch in Nordafrika, dem Nahen Osten und Südeuropa gibt es einen fruchtbaren Boden für die Produkte aus der neuen Fertigung.

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Die Siemens-Gamesa-Fabrik in Tanger reiht sich in weltweit verteilte Standorte ds Konzerns ein. Hier sollen Winkraftanlagen-Rotorblätter für Afrika, den Nahen Osten und Südeuropa produziert werden.
Die Siemens-Gamesa-Fabrik in Tanger reiht sich in weltweit verteilte Standorte ds Konzerns ein. Hier sollen Winkraftanlagen-Rotorblätter für Afrika, den Nahen Osten und Südeuropa produziert werden.
(Bild: Isenburg)

Bis 2020 sollen erneuerbare Quellen 42 % der Energieerzeugungskapazitäten ausmachen, bis 2030 gar 52 %. Der Anteil der Windkraft könnte dann 20 % erreichen, das ist eine Leistung von etwa 4300 MW. Hierzu hat Marokko in den vergangenen Jahren 2 Mrd. US-Dollar investiert. Mithilfe von internationalen Entwicklungsbanken werden diese Bemühungen vorangetrieben.

Erneuerbare Energien und Automobilbau sollen Wirtschaft voranbringen

Die Anstrengungen für eine wirtschaftliche Entwicklung konzentrieren sich nicht nur auf erneuerbare Energien. So befindet sich das neue Siemens-Gamesa-Werk in der Tanger Automotive City (das Unternehmen hat auch diesen Beitrag mit einer Recherchereise unterstützt). Hier hat Renault bereits eine Fertigung für Autos aufgebaut. Genauso sind Bombardier und Boeing aus der Luftfahrtindustrie in Marokko aktiv. Zudem will Marokko seine mittelständische Industrie im Umfeld der neuen Konzernfertigungen als Zulieferer stärken. Viele Wertschöpfungsprozesse sollen im eigenen Land bleiben, sagte der Minister.

Bei Siemens Gamesa in Tanger besteht die Belegschaft nur aus einer Handvoll Europäer. Etwa die Hälfte der marokkanischen Belegschaft wurde im dänischen Aalborg für den sehr händischen Prozess zur Fertigung von Rotorblättern trainiert.

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Die Mannschaft soll Ricardo Chocarro führen. Der CEO für den Onshorebereich bei Siemens Gamesa sagt: „Tanger ist ein großartiger Platz für den Export für das gesamte Afrika, den Nahen Osten und Südeuropa. Hier gibt es eine sehr gute Infrastruktur inklusive eines Hafens.“ Die Mannschaft aus 600 Mitarbeitern, fast ausschließlich aus der Umgebung, wird durch wenige internationale Experten ergänzt. Sie sollen für einen transparenten Fertigungsprozess sorgen. Dazu trainierte das Unternehmen 200 Mitarbeiter etwa 300.000 h lang. Sie wurden bereits eingestellt, als das Werk noch nicht konstruiert war.

Das Spezialequipment für das Rotorblattwerk kommt von international verteilten Herstellern. So stammen die Kräne für das Rotorblatt in Marokko von dem englischen Unternehmen Street. Gabelstapler liefert Stihl. Die Elektrotechnik im neuen Fabrikgebäude kommt von der Siemens AG. Auch die Formen werden in Norddeutschland hergestellt. Jedoch wurden die Bleche bereits in Marokko produziert.

Das ist ganz im Sinne von El Alamy, der zur Eröffnung meinte: „Dies ist ein positiver Tag für Marokko. Wir wollen die maximale Wertschöpfung in unserem Land haben.“ Die Marokkaner erhoffen sich weitere Effekte auf lokale Unternehmen, damit ein weiteres Wirtschaftswachstum entsteht. Auch Ersatzteile sollen nach den Vorstellungen des Ministers in Marokko produziert werden.

Renault kann Fahrzeuge aus Marokko zollfrei nach Europa exportieren

Nur einen Steinwurf entfernt baut Renault die Dacia-Modelle Lodgy, Dokker und Sandero. Dieses Werk war auch namensgebend für die Tanger Automotive City. Es befindet sich in einer zollfreien Zone und beschäftigt etwa 5000 Mitarbeiter. Die Fahrzeuge können von hier ohne Importzölle nach Europa exportiert werden, ein wichtiger Standortfaktor. Zudem ist das Lohnniveau in Nordafrika erheblich niedriger als in Osteuropa oder der Türkei. Das hat Einfluss auf die Fertigungslinien in Tanger, denn es wurde verhältnismäßig wenig in die Automation investiert. Auch hier hat die marokkanische Regierung großes Interesse daran, möglichst viele Fahrzeugkomponenten im eigenen Land zu bauen. Bislang liegt der Anteil von marokkanischen Komponenten in den Autos im Bereich von 50 %.

Ebenfalls stark vertreten ist die Luftfahrtindustrie in Marokko. Air Maroc verfügt selbst über eine große Flugzeugflotte. Nun will Boeing 1 Mrd. Dollar investieren. Hier punkten ähnliche Argumente für den Standort Marokko, denn um die Sonderwirtschaftszonen in Casablanca und Tanger herum gibt es viele gut ausgebildete Mitarbeiter in einer ansprechenden Infrastruktur. Im September 2016 schlossen Boeing und Marokko ein Abkommen ab. In diesem verpflichtete sich Marokko, bis 2020 eine Zulieferindustrie aufzubauen, die es dem amerikanischen Flugzeughersteller ermöglicht, gewohnte Prozesse durchzuführen.

* Dr. Thomas Isenburg ist freier Wissenschaftsjournalist in 44629 Herne

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Dr. rer. nat. Thomas Dr. Isenburg

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