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Portät: Carl von Linde Der Meister der Kältetechnik

| Autor / Redakteur: Alexander Völkert / Udo Schnell

Carl von Linde revolutionierte mit seinen Kältemaschinen nicht nur die Industrie, sondern auch Privathaushalte. Den Einzug seiner Erfindung in die Haushalte erlebte er aber nicht mehr.

Carl von Linde: Seine Kältemaschinen revolutionierten die Industrie, aber auch Privathaushalte.
Carl von Linde: Seine Kältemaschinen revolutionierten die Industrie, aber auch Privathaushalte.
(Bild: Linde)

Der 28-jährige Carl Linde stößt 1870 im bayerischen Industrie- und Gewerbeblatt auf ein Preisausschreiben. Gefragt ist folgendes: „Konstruktion für eine Kühlanlage zum Auskristallisieren von Paraffin“. Nun waren Kühl- und sogar Eismaschinen seit Längerem in Gebrauch, aber der junge Professor stellt fest, dass noch niemand deren Wirkungsgrade untersucht hat. Noch 46 Jahre später erinnert er sich in seiner Biografie: „Es erfasste mich sofort der Gedanke, dass hier eine noch ungeklärte Aufgabe der mechanischen Wärmelehre vorliegt.“ Seine Ergebnisse versetzen die Fachwelt in Staunen, denn Linde weist nach, dass alle bisherigen Bauarten weit hinter der theoretisch möglichen Leistung zurückblieben. Unter dem Titel „Über die Wärmeentziehung bei niedrigen Temperaturen durch mechanische Mittel“ veröffentlicht er seine Berechnungen. 1871 präsentiert er seine Gedanken zur Kältemaschine. Seine Leistung dabei ist die Konstruktion entsprechender leistungsfähiger Kompressoren.

Denn nur bei ausreichend großem Druck wechselt ein Kühlmittel seinen Aggregatzustand von gasförmig in flüssig. Und nur so kann ein Kreislauf und somit eine dementsprechende Kälte entstehen. Außerdem setzt Linde in seiner Konstruktion auf eine Verdampfungs- und eine Kondensatorschlaufe eines Rohrsystems, die sich in getrennten Räumen befinden. Ansonsten würden sich Abkühlung und Erwärmung gegenseitig aufheben. Lindes Kältemaschine funktioniert so: Durch eine Rohrschlaufe läuft eine, zunächst flüssige, Ammoniakmischung. Unter normalem Druck wird die Flüssigkeit gasförmig. Für diesen Vorgang benötigt das Kühlmittel Energie. Diese holt es sich in Form von Wärme außerhalb der Verdampfungsschlaufe. Die Flüssigkeit wird zum Gas und die Umgebung kühlt ab. Über einen Kompressor wird das nun gasförmige Kühlmittel angesaugt und in einem zweiten System – den Kondensatorschlaufen – verdichtet. Das Kühlmittel wird wieder flüssig. Dabei kann es Energie in Form von Wärme an die Umgebung abgeben. Schließlich wird das flüssige Kühlmittel über ein Ventil zurück in die Verdampfungsschlaufe geleitet. Dort wird es wieder gasförmig, denn hier herrscht kein hoher Druck mehr. Der Kreislauf kann von vorne beginnen.

Zuverlässige und ganzjährige Kühlung

Der Braumeister von Österreichs größter Brauerei, August Deiglmayr, fragt bei Linde an, ob er ihm eine solche Maschine bauen könne, denn die Brauzunft sehnte sich nach zuverlässiger und ganzjähriger Kühlung. Linde fragt Gabriel Sedlmayr, Deiglmayrs Schwiegervater, ob man das Projekt in seiner Fabrik realisieren könne. Das war die Münchner Spatenbrauerei. Und der interessierte Sedlmayr sagt nicht nur zu und stellt die Räumlichkeiten zur Verfügung, sondern er zahlt auch das vielversprechende Projekt. 1873 hat Linde seine Pläne fertig und reicht sie der Maschinenfabrik Augsburg zur Ausführung ein.

Linde hängt den Beamtenjob an den Nagel

Linde plagt sich monatelang mit der Inbetriebnahme. Der Kompressor ist undicht. Ständig entweicht der Stoff durch die Dichtungen und benebelt die Bediener. Außerdem bricht im Sommer 1873 in München auch noch die Cholera aus; Ausnahmezustand, denn sogar das Oktoberfest wird abgesagt. Doch der Professor bleibt zäh, tüftelt und verbessert bis zur Erschöpfung – und alles neben seiner Hochschularbeit. Er baut eine zweite Kältemaschine und setzt Ammoniak ein. Und das verdunstet bereits bei -33 °C. Sein Kompressor verdichtet das gasförmige Ammoniak auf 20-fachen Atmosphärendruck. Die neue Maschine entzieht der Umgebung so viel Wärme, dass es sogar möglich ist, aus Wasser Kunsteis herzustellen. Am 20. Januar 1874 kann Sedlmayr Lindes erfolgreiche Kältemaschine beim bayerischen Patentamt vorstellen. Drei Jahre später erhält Linde für seine Maschine die deutschen Reichspatente. Mit 37 Jahren hängt er seinen Beamtenjob in München an den Nagel und gründet 1879 in Wiesbaden die Gesellschaft für Lindes Eismaschinen AG. Weil die Nachfrage nach seinen Maschinen zunächst gering ist, gründet er eigene Eisfabriken. Und die Nachfrage nach Blockeis ist wiederum riesig. Bald hat er Filialen in ganz Deutschland und Europa. Ende des 19. Jahrhunderts schreibt ein Gesetz größeren Gemeinden vor, kommunale Schlachthöfe mit Kühlräumen bereitzustellen. Linde erkennt den Bedarf, denn ganze Lagerhallen müssen fortan gekühlt werden. Seine Maschinen verwandeln die Schlachthöfe ab sofort in Kathedralen der Kälte.

Linde geht zurück an die Universität

1889 kehrt Linde aus der Industrie zurück in Forschung und Lehre und hat seine Wirkungsstätte wieder an der TH München. Dort arbeitet er stetig an Verbesserungen auf dem Gebiet der Kältetechnik. 1894 gelingt ihm ein zweiter zukunftsweisender Erfolg: Er konstruiert die erste Luftverflüssigungsmaschine. Dabei addiert sich die Luft in einem Kreislaufprinzip auf -190 °C. 1897 wird ihm dafür ein persönlicher Adelstitel verliehen und drei Jahre später erhält er auf der Pariser Weltausstellung den Grand Prix für seine Luftverflüssigungsanlage. Der Bedarf an flüssigem Stickstoff und Sauerstoff steigt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Jetzt können Düngemittel industriell hergestellt werden und auch in der Metallverarbeitung und der Medizin sind die Gase gefragt. Linde legt mit seiner Luftverflüssigungsanlage die Grundlage zur Herstellung reiner Gase, doch seine Kältemaschine macht ihn wohl noch berühmter. 1913 wird in den USA der erste Kühlschrank für den Hausgebrauch verkauft. Wenig später beginnt dort die Serienproduktion für Kühlschränke. Sie alle funktionieren nach dem Prinzip der Kaltdampfmaschine von Linde. Bereits in den 30er-Jahren gehört der Kühlschrank in den USA zum Haushalt. In Deutschland setzt er sich in den 50er-Jahren durch. Das erlebt Carl von Linde nicht mehr: Er stirbt am 16. November 1934 mit 92 Jahren in München.

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