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Interview mit Prof. Putz, Fraunhofer-IWU Die Komplexität einer modernen Produktion auflösen

| Redakteur: Andrea Gillhuber

Die Produktion der Zukunft ist ein zentrales Thema im Werkzeugmaschinenbau. Wie werden sich Prozesse weiterentwickeln? Welche Rolle spielt dabei der Mensch? Diese Fragen beantwortet Prof. Dr.-Ing. Matthias Putz, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik IWU.

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Prof. Dr.-Ing. Matthias Putz ist Institutsleiter des Fraunhofer-IWU.
Prof. Dr.-Ing. Matthias Putz ist Institutsleiter des Fraunhofer-IWU.
(Bild: Fraunhofer-IWU)

Auf der EMO Hannover 2017 werden zahlreiche Technologien und Lösungen für die Fabrik der Zukunft zu sehen sein. Doch welche Rolle spielt darin der Mensch? Mit dieser Thematik beschäftigt sich unter anderem das Fraunhofer-Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik IWU in Chemnitz. Im Leitprojekt E³ ging die Fraunhofer-Gesellschaft der Produktion der Zukunft auf den Grund. Die drei E stehen für effiziente Technologien und Prozesse, die energieoptimierte Fabrik sowie für den Erfolgsgaranten Mensch. Das Ziel des Leitprojekts war, ein Konzept für eine ressourceneffiziente Produktion zu entwickeln.

Welche Rolle spielt denn der Mensch in einer ressourceneffizienten Produktion?

Wir müssen im Zuge einer modernen Produktion nachdenken, wie wir nicht nur für den Menschen, sondern auch mit dem Menschen produzieren. Es gibt sachlich gute Gründe gegen ein Vollautomatisierung: Eine zu 100 % automatisierte Produktion erfindet sich nicht neu, sie verliert ihr Innovationspotenzial. Deswegen ist es sehr wichtig, die Menschen dort zu behalten.

Können Sie Beispiele nennen?

Das Fraunhofer-IWU beschäftigt sich auch mit dem Automobilbau. Der moderne Karosseriebau findet weitestgehend automatisiert statt. Wir als produktionstechnisches Institut haben ein Entwicklungsprojekt gestartet, in dem wir untersuchen, welche Rolle der Mensch im flexiblen Karosseriebau der Zukunft übernehmen kann und muss, zum Beispiel im Bereich der Mensch-Roboter-Kooperation und -Kommunikation. Wir sind der Meinung, dass der Mensch als Problemlöser, als Innovationsträger und auch als Motivator eine große Rolle in der Produktion der Zukunft spielen wird.

Wie werden Mensch und Maschine in Zukunft kommunizieren?

Welche Methoden der Kommunikation es zwischen Mensch und Maschine geben wird, hängt auch immer von der Applikation ab. Als produktionstechnische Forscher untersuchen wir, wie sich Alltägliches wie das Bedienen eines Smartphones in die Produktionstechnik integrieren lässt. Wir versuchen, die Komplexität der modernen Produktion aufzulösen, damit diese Systeme im Sinne der Daten- und Informationsanalyse kontextbezogene Ergebnisse zur Verfügung stellen. Ein Beispiel aus dem Karosseriebau: Seit wenigen Jahren untersuchen wir die Fügetechnik im Karosseriebau im Hinblick auf die Rolle des Menschen in diesem Bereich. Dabei gibt es verschiedene Ebenen der Zusammenarbeit: Auf dem höchsten Level teilen sich Roboter und Mensch den gleichen Arbeitsraum. Wir sprechen hier von größeren Robotern, welche es nun durch optische Erkennungs- und Sicherheitssysteme in die Lage zu versetzen gilt, den Menschen und seine Bewegungen zu erkennen und diese auch zu interpretieren.

Wie möchten Sie die jungen Menschen für die Produktion gewinnen? Welche Schwerpunkte möchten Sie setzen?

Zuerst müssen wir uns einmal die Frage stellen: Wer diskutiert heute über Industrie 4.0 und Digitalisierung? Belassen wir die Diskussion auf der Ebene der Geschäftsführer? Dazu muss man wissen, dass in Deutschland die Geschäftsführer in der Regel 50 Jahre und älter sind. Das sind Menschen, die die Digitalisierung erlernt haben und keine Digital Natives! Mein Vorschlag wäre, Geschäftsführer nur dann zu Diskussionen über Industrie 4.0 zuzulassen, wenn sie ihre Töchter und Söhne mitbringen, denn diese Generation muss das Konzept später einmal umsetzen. Auch ist es mir wichtig, zu zeigen, dass Produktion nicht schmutzig ist. Wir benötigen nicht nur Schüler mit guten oder sehr guten schulischen Leistungen in Mathematik und Naturwissenschaften, dadurch bauen wir nur Hemmschwellen auf. Wir benötigen junge Leute, die sich für Produktion interessieren, die neugierig und technikaffin sind, aber auch einen Sinn für das Management haben. Wir müssen es schaffen, junge Menschen für die Produktion der Zukunft zu begeistern.

Prof. Dr.-Ing. Matthias Putz ist Institutsleiter des Fraunhofer-IWU.
Prof. Dr.-Ing. Matthias Putz ist Institutsleiter des Fraunhofer-IWU.
(Bild: Fraunhofer-IWU)

Prof. Dr.-Ing. Matthias Putz Prof. Dr.-Ing. Matthias Putz ist Leiter des Fraunhofer-Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik IWU in Chemnitz, Wissenschaftsbereich Werkzeugmaschinen, Produktionssysteme und Zerspanungstechnik.
Das vorliegende Interview ist ein Auszug aus einem längeren Gespräch über das abgeschlossene Fraunhofer-Leitprojekt E3. Den zweiten Teil des Interviews finden Sie hier.

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